Fernsehfriedhof

«Die Alm»: Edelweiß und Promi-Scheiß

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Christian Richter erinnert an all die Fernsehmomente, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 328: «Die Alm» - Eine dreiste Kopie des Dschungelcamps, in der neben Kader Loth und Gina-Lisa noch sechs weitere Dschungelcamper auftraten.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir des wahrscheinlich größten Misthaufens der deutschen Fernsehgeschichte.

«Die Alm» wurde am 11. Juli 2004 auf ProSieben geboren und entstand zu einer Zeit, als Konkurrent RTL mit der ersten Staffel seines Events «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!» nicht bloß für enorme Marktanteile, sondern auch für eine breite Aufmerksamkeit in Presse und Öffentlichkeit sorgen konnte. Aufgrund dieses nicht zu ignorierenden Erfolgs waren die anderen Sender geradezu gezwungen, ähnliche Konzepte aus der Taufe zu heben. Dabei war es besonders schwierig, ein Setting zu finden, das einerseits vergleichbare Möglichkeiten für das Abfilmen, Vorführen und Erniedrigen von (vermeintlichen) Prominenten bot, aber andererseits der Vorlage nicht allzu ähnlich war, um sich von jeglichen Plagiatsvorwürfen freisprechen zu können. Eventuell erinnerten sich einige Verantwortliche in diesem Zusammenhang an die Doku-Reihe «Schwarzwaldhaus 1902», die der ARD am werktäglichen Vorabend unerwartet hohe Einschaltquoten und einen Grimme-Preis bescherte. Darin musste eine Berliner Großstadtfamilie für drei Monate auf einem Bauernhof unter den Bedingungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts leben. Obwohl nie offiziell bestätigt, könnte dies neben dem Dschungelcamp die entscheidende Vorlage für das ProSieben-Spektakel gewesen sein, denn letztlich folgte dies demselben Prinzip.

So wurden im Sommer 2004 zwei Handvoll TV-Sternchen in ein abgelegenes Bauernhaus verfrachtet, das sich diesmal in Südtirol befand, um dort ein Leben wie vor 100 Jahren zu führen - ohne Strom, ohne Licht, ohne fließendes Wasser und mit der ständigen Verpflichtung, sich um die Tiere des Hofes zu kümmern. Mit diesem Rahmen war zugleich das Narrativ der Sendung gesetzt, das aus dem Gefälle der glamourösen Promi-Welt mit roten Teppichen und Champagnerfrühstück zum einfachen Leben auf dem Land bestehen sollte. Ein Ansatz, der natürlich nur bedingt aufgehen konnte, da die Teilnehmenden (Almbewohner genannt) meist aus anderen Reality-Shows stammten oder in ihrer Berufsbeschreibung die Vorsilbe „Ex-„ verwenden mussten, wodurch sie allesamt gar kein allzu vornehmes Leben gewohnt waren. Das fiel schon dadurch auf, dass Tatjana Gsell als Zugpferd verpflichtet wurde, diese ihr Mitwirken allerdings kurzfristig aufgrund ihres Gerichtstermins wegen Versicherungsbetrugs absagen musste. Für sie sprang das selbsternannte „verwöhnte It-Girl“ Kader Loth ein, die wenige Monate zuvor durch ihren Auftritt bei «Big Brother» und ihren dortigen allzu inszenierten Zusammenbruch auffiel.

Letztlich traten neben Kader Loth der Tanzchoreograph Detlef D! Soost, Diana Herold (Assistentin in der «Bullyparade»), die Moderatorin Andrea Kempter, der Ex-Boxer René Weller, der Ex-Pornostar Kelly Trump (nicht verwandt mit dem US-Präsidenten!) und Daniel Lopes (Ex-Kandidat von «Deutschland sucht den Superstar») den beschwerlichen Almauftrieb an. Zusätzlich zogen Djamila Rowe sowie Model Nico Schwanz, der zuvor den kaum bekannten Titel „Mr. Model of the World“ gewinnen konnte, auf den abgelegenen Bauernhof. Sie hatten nun vor den Objektiven der rund 30 Kameras den ländlichen Alltag fernab der Zivilisation zu meistern.

Pipi-Kacka, hihihi


In einer Presseerklärung versuchte ProSieben, die anfänglichen Vorbehalte gegen diesen traditionellen Ansatz direkt zu Beginn auszuräumen: „Langeweile wird garantiert nicht aufkommen. Die Arbeiten gehen einem Städter ja nicht gleich leicht von der Hand. [...] Auch ein Plumpsklo-Häuschen muss sauber gehalten werden...“ Der letzte Halbsatz offenbarte den wahren Charakter der Show, in der es auffallend oft um Tierfäkalien ging. Dies betraf bereits das tägliche Ausmisten der Ställe, wiederkehrende Großaufnahmen von kotenden Kühen und die täglichen Prüfungen, die es zu bewältigen gab und die noch stärker auf Ausscheidungen fokussiert waren, als in der RTL-Vorlage. Wer darin als „Sepp des Tages“ antreten musste, entschied jeweils eine obligatorische Telefonabstimmung. Bei Nicht-Erfüllung drohten Strafen für die gesamte Gruppe. So musste etwa ein Güllebad genommen, ein noch mit Kot gefüllter Schweinedarm gereinigt und auf einem mechanischen Bullen geritten werden, der auf einem Misthaufen stand. Darüber hinaus galt es, eine Kuh mit dem Mund zu melken oder einen Saft aus Schneckenschleim zu trinken.

Man kann folglich kaum behaupten, in der Sendung hätte die Hochkultur dominiert. Dies spiegelte sich ebenfalls im Miteinander der Almbewohner wider, die in ständige Streitereien und endloses Gebrüll verfielen. Hierbei muss natürlich bedacht werden, dass es sich bei den gezeigten Ausschnitten um gezielt ausgewählte und zum Zwecke der Unterhaltung montierte Inszenierungen handelte, die lediglich bedingt eine Aussage darüber zuließen, wie sich die Verhältnisse über den gesamten Zeitraum darstellten. Wenigstens ging es bei diesen (gefühlt) permanenten Konflikten insofern fair zu, als dass sich jeder mal mit jedem in den Haaren hatte. Soost gegen Herold, Soost gegen Lopes, Lopes gegen Loth, Loth gegen Rowe oder Schwanz gegen Loth. Sie zankten sich über Regelbrüche, über fehlenden Respekt, über mangelnden Einsatz und über Ex-Freunde. Es gab gegenseitige Vorwürfe, sich nicht genug fürs Team zu engagieren, ein zu billiges Niveau zu haben oder nur an der eigenen Schönheit interessiert zu sein. Immer wieder gipfelten diese Zankereien in der Androhung, die Alm freiwillig verlassen zu wollen, was letztlich nie erfolgte. Also nichts, was nicht in jedem Format dieser Art schon mehrfach durchdekliniert wurde, aber jeweils von ProSieben trotzdem eine große Ankündigung als Highlight erfuhr.

Doch wie heißt es so schön? Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Kurz nachdem Detlef D! Soost wegen dessen unzureichenden Arbeitswillens Daniel Lopes als „kleine faule Diva“ bezeichnet hatte, tauschten die beiden in trauter Harmonie ihre Einschätzungen der sexuellen Fähigkeiten der weiblichen Mitstreiterinnen aus. Die Hochkultur hatte sich im Sommer 2011 tatsächlich beschämt im Kohlenkeller von ProSieben versteckt.

Ein „Format auf Kanalisationsniveau“


Das Sender-Gesicht Sonya Kraus («Clip Mix») und der ehemalige Showpraktikant Elton präsentierten das Schauspiel mit einem breiten Grinsen zwischen ihren Backen. Ihnen oblag es offenbar, optisch und inhaltlich dem damaligen Dschungel-Duo Sonja Zietlow und Dirk Bach nachzueifern. Kraus/Eltons Texte und Kommentare, aber auch ihr Umgang mit der Absurdität der herbeigeführten Ereignisse erreichten jedoch nie die Klasse ihrer Vorlage. Dies galt ebenso für die Einspielfilme die deutlich liebloser, uninspirierter und weniger erzählerisch raffiniert daher kamen. Hier war deutlich spürbar, wie fatal eine unzureichende Investitionen in gute Autor*innen, mutige Redakteur*innen und erfahrene Cutter*innen ist, denn inszenatorisch glich «Die Alm» eher den früheren Staffeln von «Big Brother».

Da der Reihe durch ihre lieblose Gestaltung zudem meist die beim Dschungelcamp oft gelobte selbstreferentielle Meta-Ebene und eine feinsinnige, mediensatirische Haltung fehlte, fiel ihre Besprechung in der Presse sowie in einschlägigen Foren durchweg negativ aus. Neben der müßigen Kritik an der Unbekanntheit der Teilnehmenden und der allzu offensichtlichen Ähnlichkeit zum Dschungel, häuften sich Klagen über das fehlende Niveau. Etwa wurde sie als „Format auf Kanalisationsniveau“ (FAZ) bezeichnet oder mit den Worten beschrieben „Der größte Mist stammt nicht vom Vieh“ (WELT) – um stellvertretend lediglich zwei Meinungen zu zitieren. Großen Widerstand erhob außerdem der Deutsche Bauernverband gegen den Kanal, dem er die Vermittlung eines verzerrten und beleidigenden Bilds der Landwirtschaft vorwarf, wenn sich „verhaltensauffällige Exhibitionisten [...] zwei Wochen lang auf einem von Kameras überwachten Bauernhof drangsalieren lassen und als Depp des Tages am Kuh-Euter lutschen". Diese Kritik adressierte der Verband zugleich an die Firma Ehrmann, die als Hauptsponsor auftrat und auf diese Weise das Image von Milcherzeugnissen schädigen würde.

Ernstzunehmende Anschuldigungen formulierte indessen der Deutsche Tierschutzbund gegen die Beteiligten. Er beanstandete insbesondere, dass eine Ziege Salz und Sirup vom Körper der Kandidatin Kader Loth schlecken musste, Daniel Lopes am Euter einer Kuh saugte und Detlef Soost ein Schaf in einen Wasserbottich tauchte. Für die heftigste Gegenwehr sorgte allerdings eine Tagesaufgabe, der zufolge die Almbewohner ein Ferkel zu schlachten hatten. Dazu sollte es letztlich zwar nicht kommen, da sich die Promis nach heftigem Protest und vielen Tränen gegen die Durchführung entschieden, einen Cliffhanger und die entsprechende Aufmerksamkeit konnte die Produktion dennoch mithilfe der Androhung einer öffentlichen Tiermisshandlung erzielen. Vielleicht ist damit zu erklären, wieso man wenig später aller Aufschreie ungeachtet vor laufenden Kameras doch noch einen Truthahn schlachten ließ – natürlich „fachgerecht", wie ProSieben behauptete. Der Tierschutzbund ließ sich von dieser Beteuerung nicht beeindrucken und kündigte (auch für die anderen Vorfälle) schließlich juristische Schritte an.

Trotz der grenzwertigen Inhalte, trotz der plumpen Aufbereitung, trotz der negativen Presse und trotz aller Proteste entwickelte sich die täglichen Zusammenfassungen zur Hauptsendezeit mit Marktanteilen in der werberelevanten Zielgruppe von über 20 Prozent zu einem großen Überraschungserfolg. Bei den Unter-30jährigen lag der Wert zuweilen sogar bei mehr als 30 Prozent. Der Zuspruch war derart groß, dass man sich kurz vor Ende der ursprünglich geplanten Laufzeit von zwei Wochen entschied, das Programm um eine weitere Woche zu verlängern. Dafür wurde das Feld der Mitspielenden um Sänger Gunther Gabriel, Ex-«Deutschland sucht den Superstar»-Kandidat Lorenzo und die erwähnte Tatjana Gsell erweitert, die deswegen doch noch in den Genuss kam, die ländliche Idylle zu stören. Ihren Einzug hatte man dafür offiziell mit dem Satz „Aus der Alm wird Silicon-Valley“ beworben. Am Ende der drei für alle Beteiligten auslaugenden Wochen fiel die Wahl zur Almkönigin letztlich zugunsten von Kader Loth aus, was zu diesem Zeitpunkt durch die anhaltenden Skandale und die aufgeweichten Regeln keine wahre Bedeutung mehr hatte.

Wer will nochmal, wer hat noch nicht?


Nicht verwunderlich, dass ProSieben angesichts der überzeugenden Publikumsresonanz (zumindest bezüglich der Einschaltquoten) an einer Fortsetzung und dem Ausbau der Idee interessiert war, weswegen bloß ein halbes Jahr später der Ableger «Die Burg» startete. Kaum denkbar, dort lag die Messlatte dank Urin-Attacken, Prügeleien und Essenschlachten noch einmal eine Stufe weiter unten. Was genau geschah, kann in einer eigenen Ausgabe des Fernsehfriedhofs hier nachgelesen werden. Weil sich diese Variante inhaltlich und quotenmäßig zu einer großen Enttäuschung entwickelte, versprach der damalige Geschäftsführer Dejan Jocic, künftig von Konzepten dieser Art Abstand nehmen zu wollen. Dieser Vorsatz hielt rund sechs Jahre, bevor der nun für den Bereich Entertainment zuständige Wolfgang Link eine Neuauflage der Alm ankündigte. Er begründete diesen Schritt mit den Worten: „Manche Formate müssen mal im Keller lagern wie eine gute Flasche Wein.“

Und so kam es, dass im Sommer 2011 neue Aushilfs-Landwirte auf den ländlichen Bauernhof getrieben wurden – unter ihnen waren diesmal Schrotthändler Manfred „Manni“ Ludolf, «DSDS»-Kandidat Thomas Karaoglan, Sängerin Kathy Kelly und Fußballtrainer Werner Lorant sowie die Moderator*innen Carsten Spengemann, Charlotte Karlinder, und Anna Heesch ebenso wie die «Germany‘s Next Topmodel»-Veteranen Tessa Bergmeier, Rolf Scheider und Gina-Lisa Lohfink. Die Neuauflage schien demnach den Faden genau an der Stelle weiterzuknüpfen, an dem er zuvor fallen gelassen wurde. Doch in einer Zeit, in der das Erniedrigen von Prominenten oder seelische und körperliche Entblößungen vor der Kamera längst zum Alltag geworden sind, gelang es dem zweiten Aufguss nicht mehr für einen vergleichbaren Wirbel zu sorgen. Selbst ein angeblicher Ausbruch von drei Insassen, die Ankündigung eines Hungerstreiks, das Zusammentreffen der geschiedenen Eheleute Spengemann und Heesch sowie neue „Muh-Proben“, in denen ekelige Dinge verspeist werden mussten, halfen nichts Am Ende sorgte ein Kabelbrand, der die Technik während einer Liveausstrahlung lahm legte für, die größten Schlagzeilen. Ach ja, Almkönig 2011 wurde übrigens Manni Ludolf. Einige Monate nach dessen Krönung versicherte ProSieben erneut, dass es keinen weiteren Almauftrieb geben werde. Mal sehen, wie lang die Aussage diesmal gilt...

Nach jetzigem Stand wurde «Die Alm» am 04. September 2011 nach 36 Folgen beerdigt. Die Show hinterließ mit Daniel Lopes, Nico Schwanz, Lorenzo (heute Lorielle London), Gunter Gabriel, Rolfe Scheider, Gina-Lisa Lohfink und Kader Loth gleich sieben Teilnehmende, die später noch ins „echte“ Dschungelcamp einziehen sollten. Eine Erfahrung, die Carsten Spengemann bei seiner Ankunft auf der Alm längst hinter sich hatte.

Möge die Show (wirklich) in Frieden ruhen!

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