Hingeschaut

«Tatsache Mord?»: Thematische Vielfalt, überambitionierte Optik

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Die neue Crime-Doku in Sat.1 bemühte sich sichtlich, ihr Publikum mit einer international konkurrenzfähigen Aufmachung zu begeistern - und schoss dabei mitunter etwas über das Ziel hinaus. Was sonst in Erinnerung blieb: Kamilla Senjo liebt die Kamera und bedeutungsschwangeres Posing.

Sind dokumentarische Crime-Formate derzeit ein wirklicher Trend? Das deutsche Fernsehen glaubt auf Basis starker «Aktenzeichen XY»-Werte und dem auch mit bereits dutzendfach ausgestrahlten Folgen noch immer sehr erfolgreichen «Medical Detectives» auf VOX und RTL Nitro, einen solchen ausgemacht zu haben und produziert derzeit einige Formate dieser Couleur - allerdings zumeist mit eher durchwachsenem Erfolg. Sat.1 zeigte am Mittwochabend zur besten Sendezeit mit «Tatsache Mord? Auf der Spur des Verbrechens» eine weitere neue Crime-Doku, die bereits im Vorfeld vor allem mit visuellen Mitteln warb: Realistische Computeranimationen und visuelle Effekte sollen die Arbeit der Ermittler greifbar machen. Aufgegangen ist dieser Plan in der Pilotfolge nur teilweise.

Auf der einen Seite helfen die visuellen Möglichkeiten dem Zuschauer mitunter durchaus dabei, sich von Tatgeschehen, Tatwaffen und Tatorten ein realistischeres und plastischeres Bild zu machen. Gleichwohl tappen die Macher in die typische Falle von TV-Verantwortlichen, die einmal nicht unter prekären Bedingungen nach dem Schnellschnell-Verfahren irgendeinen Beitrag billig und schnell verwertbar hinrotzen müssen: Sie entdecken den inneren Hollywood-Star in sich und zelebrieren die Technik in einem Ausmaß, das beinahe etwas an die «Switch reloaded»-Parodie von «CSI: Miami» erinnert. Und so kommt es dann eben vor, dass eine schlicht auf einem Bett liegende Geldbörse aus verschiedensten Winkeln gefilmt wird und sogar ein Text darauf verweist, dass man hier in der Nahaufnahme gerade eine Geldbörse sieht - natürlich nicht ohne einen eigenen Soundeffekt.

Man mag ihnen ja ihren Spaß an der Technik gönnen, nur gerät diese dann zum inhaltlich weitgehend irrelevanten Firlefanz mit bestenfalls mäßigem Erkenntnisgewinn. Nicht minder hochtrabend agiert auch die durch «Brisant» bekannte Moderatorin Kamilla Senjo, die bei fast jeder ihrer zahlreichen Ansagen bedeutungsschwer in die Kamera blickt und ihren Text umso hölzerner aufsagt. Auch hier fehlt der wirkliche Mehrwert, den aber wiederum neben einigen direkt an den jeweiligen Taten beteiligten Personen der Kriminalbiologe Mark Benecke sowie Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen in die Sendung bringen.

Ebenfalls löblich ist die thematische Vielfalt des Formats, das sich weder auf ungelöste Fälle mit Zuschauerappell, zur Klärung des Falles beizutragen, noch auf bereits geklärte beschränkt, deren Narrativ insofern für den Zuschauer befriedigender ist, dass er den gesamten Fall ohne "offenes Ende" erzählt bekommt. Von (vermeintlichen) Justizirrtümern über ungelöste Morde bis hin zu medial stark präsenten Kriminalfällen bietet man in den gut zwei Stunden Brutto-Laufzeit ein durchaus respektables Spektrum unterschiedlicher Geschichten, die in diesem Punkt auch facettenreicher ausfallen als «XY» und «Medical Detectives».

Wie hat Ihnen der Auftakt von «Tatsache Mord?» gefallen?
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27,6%
Ganz mies, das muss ich nicht noch einmal sehen.
17,1%
Habe es (noch) nicht gesehen.
25,0%


Und dennoch wirkt «Tatsache Mord?» trotz seiner Themenvielfalt und der wahrlich respektablen Optik mitunter etwas schwerfällig und spröde, sein Narrativ ist zwar ambitioniert und vielfältig, allerdings nicht so stringent und dynamisch wie bei einigen anderen Genre-Vorbildern. Schämen muss sich Sat.1 für diese dennoch durchaus informative, seriös aufgemachte Crime-Doku aber wahrlich nicht - und kann damit bei entsprechend großer Publikums-Resonanz auch seine schwächelnde Vorabend-Sendung «Fahndung Deutschland» ein wenig beflügeln, die nämlich im Anschluss erstmals überhaupt im Abendprogramm des Privatsenders auf Zuschauerjagd gehen durfte. Ob das alles aufgeht und Kamilla Senjo demnächst noch ein paar weitere Einsätze bekommt, hängt freilich auch von der Publikumsresonanz ab. Bei Twitter jedenfalls war die Resonanz durchwachsen - sowohl, was die reine Anzahl an Tweets anbetrifft, als auch hinsichtlich ihrer Beurteilung des Neustarts.

Kurz-URL: qmde.de/87668
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