Die Kino-Kritiker

«Alles steht Kopf»

von

Die Pixar Animation Studios melden sich in Hochform zurück: Die Schöpfer solcher Filme wie «Oben» und der «Toy Story»-Trilogie nehmen ihr Publikum mit auf eine bezaubernde, emotionale, lustige Reise durch den Verstand.

Filmfacts «Alles steht Kopf»

  • Regie: Pete Docter
  • Ko-Regie: Ronnie Del Carmen
  • Produktion: Jonas Rivera
  • Drehbuch: Pete Docter, Meg LeFauve, Josh Cooley
  • Story: Pete Docter, Ronnie del Carmen
  • Originalsprecher: Amy Poehler, Phyllis Smith, Bill Hader, Lewis Black, Mindy Kaling, Richard Kind, Kaitlyn Dias, Diane Lane, Kyle MacLachlan, u.a.
  • Deutsche Sprecher: Nana Spier, Philine Peters-Arnolds, Michael Pan, Olaf Schubert, Hans-Joachim Heist, Tanya Kahana, Vivien Gilbert, Bettina Zimmermann, Kai Wiesinger, Katja von Garnier, u.a.
  • Musik: Michael Giacchino
  • Schnitt: Kevin Nolting
  • Laufzeit: 94 Minuten
  • FSK: ab 0 Jahren
Es gibt nur eine Emotion, die gemeinhin akzeptiert wird. Das Glücksgefühl. Alle andere Regungen versuchen wir zu verdrängen. Und wenn wir nicht selber unsere Emotionen abseits der Freude unterdrücken, springt unser Umfeld in die Bresche: Reg dich nicht so auf! Hab doch nicht so eine Angst! Was ekelst du dich schon wieder? Und vor allem: Sei nicht so traurig! Hör auf, betrübt zu sein! Heule nicht so viel! Doch wie schon in der Welt um uns herum, hat auch in uns selbst so einiges, worauf wir leichtsinnigerweise gern verzichten würden, eine wertvolle Funktion. Nicht ohne Grund merken Psychologen mit den unterschiedlichsten theoretischen und praktischen Hintergründen nahezu einstimmig an: Wir als Individuen und als Gesellschaft müssen lernen, mit unseren Gefühlen im Einklang zu sein.

Die Wissenschaft kann aber noch so häufig statuieren, dass wir unseren Emotionen Raum geben sollten, statt sie zu ignorieren oder gar zu betäuben. Es ist eine Lektion, die vielen von uns partout nicht in den Kopf will. Wie denn auch? Auf Gefühle mit rationalen Argumenten einzugehen, ist wie über Architektur zu tanzen. Gewiss irgendwie möglich, aber diffizil und von beschränkter Effektivität. Jedoch lässt sich Abhilfe schaffen. Denn zum Glück gibt es die Pixar Animation Studios! Das Studio, das von 2006 bis 2013 einen Langfilm pro Jahr veröffentlicht hat, bringt nach einer zweijährigen Wartezeit nämlich endlich seine 15. abendfüllende Produktion in die Lichtspielhäuser. Und dabei handelt es sich um eine in all ihren Aspekten wundervolle Erzählung über das Gefühlsleben.

Wie es sich für einen Film zu diesem Thema gehört, spielt «Alles steht Kopf» die gesamte emotionale Klaviatur: Dieser Trickfilm-Geniestreich ist urkomisch, nachdenklich sowie überaus rührend – und wirkt dessen ungeachtet wie aus einem Guss!

Triff die Stimmen in deinem Kopf


Willkommen im Verstand der elfjährigen Riley: Direkt im Hauptquartier befindet sich eine kleine Schaltzentrale. Von dort aus verfolgen die Emotionen alles, was das junge Mädchen erlebt, und reagieren darauf, um Riley zu ihren Gefühlsregungen zu verhelfen. Noch bevor Riley andere Emotionen hatte, kam Freude (engl. Stimme: Amy Poehler, dt. Stimme: Nana Spier) in ihr auf. Seither ist die strahlende, quirlige Freude unentwegt darauf bedacht, dass Riley Grund zum Lachen und Frohsinn hat. Aber Freude war nur eine kurze Zeit allein hinter dem Kontrollpult vergönnt – alsbald trafen ihre vier Kollegen im Hauptquartier ein. Wut (Lewis Black / Hans-Joachim Heist) ist dazu da, um Riley aufschreien zu lassen, wenn ihr Ungerechtigkeit widerfährt. Angst (Bill Hader / Olaf Schubert) ist derjenige, der sich um Rileys Sicherheit sorgt, während Ekel (Mindy Kaling / Tanya Kahana) alles ablehnt, was suspekt ist. Sei es nun bitterer, widerlicher Brokkoli oder eine potentiell peinlich endende Situation in der Schule.

Tja, und dann ist da noch Kummer (Phyllis Smith / Philine Peters-Arnolds). Die anderen Emotionen wissen nicht so recht, was ihre Funktion ist. Vor allem Freude kann sich überhaupt nicht damit anfreunden, wenn sie sich in Rileys Befinden einmischt. Sogar Kummer selbst ist sich nicht ganz klar darüber, welche Aufgabe sie verfolgen soll. Daher lässt sie sich, zumindest die meiste Zeit über, von Freude an den Rand drängen. Als Riley jedoch mit ihren Eltern umziehen muss, führt dies nicht nur in ihrem direkten Umfeld, sondern auch in ihrem Kopf für allerhand Tumult. Immer öfter überstimmen die anderen Emotionen Freude; vor allem Kummer mogelt sich verstärkt, aber weiterhin planlos ans Pult. Als Freude, um Rileys Glückseligkeit besorgt, ganz eigenwillig versucht, Kummers Arbeit rückgängig zu machen, gerät alles völlig aus dem Ruder: Freude und Kummer werden aus der Schaltzentrale katapultiert und landen in gänzlich anderen Winkeln von Rileys Verstand. Daraufhin müssen sich die weiteren Emotionen im Alleingang darum kümmern, die Elfjährige durch den Tag zu manövrieren. So beginnt für die schwer kompatiblen Kolleginnen Freude und Kummer ein unfassbares Abenteuer auf der Suche nach dem Weg zurück ins Hauptquartier. Aber wie ergeht es Riley in der Zwischenzeit ohne die Fähigkeit, glücklich oder traurig zu sein ..?

Komplexe Gedanken, einfach verpackt


Der bislang größte und wohl auch bekannteste Film, der das Kinopublikum auf eine Reise in den menschlichen Verstand mitnimmt, ist Christopher Nolans «Inception». Darin versucht eine Gruppe geistreicher Gentleman-Gangster, einem Großkonzernerben die Idee in den Kopf zu pflanzen, sein Imperium aufzulösen. Mit Pixars «Alles steht Kopf» hat der 825,5-Millionen-Dollar-Kracher entsprechend wenig gemein. Zumindest auf den ersten Blick. Denn ein exzellentes Bonmot teilen sich die beiden Produktionen: Sie funktionieren auf mehreren Ebenen. Einerseits ganz schlicht und schnörkellos als spannende, emotional aufgeladene sowie gewitzte Kinounterhaltung. Und dann wiederum auf einer höheren Ebene, auf der sich sowohl Nolans Actionthriller als auch Pete Docters Animationsmeilenstein als faszinierende, komplexe Verschränkung intellektueller sowie psychologischer Beobachtungen und Ideen erweisen.

Diese Aspekte sind es, die «Alles steht Kopf» ganz ungezwungen, jedoch umso effektiver für das erwachsene Publikum auf ein meisterliches Niveau heben. Ohne die zentrale Handlung auszuhebeln, lassen Pete Docter und die zahlreichen ebenfalls für das Skript verantwortlichen Künstler ihre Rechercheergebnisse und Lebenserfahrungen einfließen, um gewitzte Aussagen zu treffen. Über die Funktionsweise unseres Gehirns sowie über seine diversen Macken. Da wird der Ohrwurm genauso pfiffig dargestellt wie ein imaginärer Freund oder die allmähliche Wandlung unserer Interessen sowie Charakterzüge, etwa wenn wir uns vom Kind zum Teenager entwickeln.

Weshalb sich die cleveren, fantasievollen Darstellungen des emotionalen und psychologischen Innenlebens so nahtlos mit der Kerngeschichte vereinen, liegt auf der Hand: Auch sie ist, im Grunde genommen, nichts Weiteres als die ausführliche Schilderung eines sich im Kopf abspielenden Phänomens. Wenn Freude und Kummer durch eine Verkettung von irrationalen Umständen arbeitsunfähig werden, skizzieren die Pixar-Künstler, wie sich Riley in eine vorübergehende emotionale Dysfunktion hineinsteigert. Und sie unterstreichen damit, weshalb wir als Einzelpersonen und als Gesellschaft deprimierte Gemüter, geschweige denn Menschen mit Depressionen, kaum verstehen können: In dem einen Moment lief alles noch reibungslos ab, und dann entschwinden Freude und heilsam wirkender Kummer urplötzlich aus dem emotionalen Vokabular.

Darauf lassen es der «Oben»-Regisseur und sein Team allerdings nicht beruhen. Schließlich lässt sich auch unser emotionaler Alltag gesünder, produktiver, harmonischer gestalten. Und so macht Freude während ihrer teils bizarren Reise durch Rileys Bewusstsein an unserer Stelle die Erfahrung, die uns Psychologen so erfolglos einzutrichtern versuchen: Kummer hat einen Wert. Aber da «Alles steht Kopf» dies nicht spröde erläutert, sondern erlebbar und nachfühlbar macht, bleibt diese Lehre hängen. Wie schon Docters vorhergegangener Animationsfilm «Oben» lässt auch dieser das Publikum durch melancholische Täler schreiten, damit es am Ende eine bittersüße Katharsis erfährt. Nur dass besagter Effekt hier um ein Vielfaches enger mit den Figuren, dem Schauplatz und den erzählerischen Themen verknüpft ist – und daher noch beeindruckender und kraftvoller.

Freude und Kummer unterwegs


Der grandios konstruierte intellektuelle Überbau von «Alles steht Kopf» wäre, ebenso wie das emotionale Fundament, nahezu wertlos, hätten sich Docter und Ko-Regisseur/Ko-Storyschöpfer Ronnie Del Carmen nicht eine derartig reizvolle, ergreifende Geschichte ausgedacht. Zwar greifen unentwegt mehrere Handlungsstränge und -ebenen ineinander, aber zu keinem Zeitpunkt besteht die Gefahr der Verwirrung. Ohne die diesem Konzept innewohnenden Ideen zu verraten, hält das Story- und Regie-Team das Geschehen geradlinig und verständlich. Man könnte auch sagen: Kinderleicht. Schließlich lässt sich der Plot wie folgt zusammenfassen: Freude ist aufgrund eines von ihr mitverantworteten Missgeschicks in der Bredouille und muss dies wieder gut machen. Die darüber hinausgehenden Implikationen werden dank des formidablen, intuitiven Produktionsdesigns auf visueller Ebene nachvollziehbar gemacht. Zudem sorgen die klare Inszenierung und der präzise Schnitt stets dafür, dass die beidseitige Aktion-Reaktions-Kette zwischen Rileys Innenleben und der Außenwelt offensichtlich bleibt.

Deswegen können sich junge wie reifere Zuschauer während des Kinogenusses zurücklehnen und allein auf den abenteuerlichen Trip durch den Verstand konzentrieren, wenn es ihnen denn beliebt. Die spaßigen, durchdachten Zwischenstationen geben einen Vorgeschmack darauf, was alles zwischen den Zeilen von «Alles steht Kopf» aufzufinden ist – und sorgen obendrein für brüllend witzige Running Gags. Jene und eine tüchtige Prise Situationskomik machen diese 175 Millionen Dollar teure Produktion trotz ernster Zwischentöne sowie tränenreicher Entwicklungen zu einem von Pixars lustigsten Filmen. Dazu trägt außerdem der ausgefeilte Dialogwitz bei: Die Gespräche zwischen den Stimmen in Rileys Kopf sind gespickt mit schmissigen Wortspielen, kreativen Bemerkungen und gerissenen Gemeinheiten, mit denen sie sich bekriegen.

Durch die nie feindlich gesinnten, trotzdem passionierten Auseinandersetzungen zwischen den Emotionen und auch anderen „Mitarbeitern“ und „Bewohnern“ in Rileys Verstand hat der Film streckenweise das Flair einer dynamischen Ensemblekomödie. Von diesem Eindruck, eine eingespielt-exzentrische Figurentruppe bei der Arbeit zu sehen – man denke etwa an die Muppets – profitieren sämtliche der zentralen Rollen: Immerhin definieren sie sich nicht nur durch ihr alleiniges Auftreten, sondern auch durch ihre Interaktion. Insbesondere Freude gewinnt so ihre fesselnde Persönlichkeit: Ihre guten Intentionen stehen nie außer Frage, und ihre Fröhlichkeit ist ansteckend – trotzdem erlaubt ihre ignorante Haltung gegenüber Kummer Reibungspunkte. Wodurch die Handlung viel einnehmender gerät, als handle es sich bei ihr um ein schlichtes „Gut gegen Böse“ oder eine ganz alltägliche Buddy-Komödien-Konstellation.

Die Architektur des Verstandes


Auf technischer Seite müsste man eigentlich kaum ein Wort über «Alles steht Kopf» verlieren, schließlich ist handwerkliche Brillanz bei Pixar Standard. Selbst der Rohrkrepierer «Cars 2» sieht fabelhaft aus! Und so ist auch dieses Meisterwerk wieder randvoll mit feinen Details und dem ungeübten Auge nicht offensichtlich werdenden, handwerklichen Entscheidungen, die gesammelt jedoch die Wirkung des Gesamtwerks enorm verstärken. So ähnelt die Kameraarbeit und Lichtsetzung in Rileys Verstand dem Studiostil aus der Goldenen Ära Hollywoods, während die „echte“ Welt den entsättigten, der Kamera mehr Freiheit gebenden Look moderner Realfilme nachahmt. Freude wiederum strahlt in Rileys malerisch-wundersamen Kopf so sehr, dass sie keinen Schatten wirft. Diese und andere Details mögen nicht jedem auffallen. Unterbewusst helfen solche geniale kleine Ideen aber, die Trennung beider Welten zu vollziehen und der Welt des Verstandes eine kindliche, bewusst gekünstelt-freundliche Magie zu verleihen.

Das Figuren- und Weltendesign ist schlicht exquisit und voller erfrischender Überraschungen, wobei Trickfilmliebhaber wohl besonders die Gestaltung der Emotionen lieben dürften. Die Oberflächen dieser sympathischen, fantasievoll realisierten Figuren wirken mit ihren grobkörnigen Elementen, als seien sie teils mit Kreide gezeichnet – bloß, dass diese ausdrucksstarken Charaktere zudem ein solches inneres Leuchten aufweisen, wie es nun einmal nur mit dem Computer verwirklicht werden kann. Das i-Tüpfelchen ist zu guter Letzt die bezaubernde, verspielte Musik von Oscar-Preisträger Michael Giacchino, der das Geschehen mit eingängigen Melodien unterlegt, die stets den richtigen Ton treffen, um Gags spaßiger und wehmütige Momente trauriger zu gestalten.

Fazit: Perfektion in Trickfilmgestalt! «Alles steht Kopf» ist bildschön, überaus lustig und geht zu Herzen. Hinzu kommen die zahllosen smarten Details, liebenswerte Figuren und eine wunderbare Hintergrundmusik: Fertig ist eine der besten Pixar-Produktionen – und das Must-See des Kino-Herbsts!

«Alles steht Kopf» ist ab dem 1. Oktober 2015 in zahlreichen deutschen Kinos zu sehen – in 2D und in 3D!

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