Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Der Teletubby von Sat.1

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Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 179: Die wahrscheinlich überflüssigste Talkshow der deutschen Fernsehgeschichte, die dennoch einige krasse Momente hervorbrachte.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir des einzigen Talkshow-Gastgebers, dem oft selbst die Worte fehlten.

«Ricky!» wurde am 23. August 1999 in Sat.1 geboren und entstand zu einer Zeit, als der Talkboom der 90er Jahre seinen Höhepunkt bereits überschritten hatte. Dennoch entschieden sich sowohl RTL als auch Sat.1, zwei neue Vertreter ins Rennen zu schicken – und das ausgerechnet am selben Tag. Während der Marktführer mit Oliver Geissen einen Moderator gefunden hatte, der mit seiner Sendung rund ein Jahrzehnt auf dem Schirm bleiben würde, entpuppte sich die Wahl des Konkurrenten als weniger weise. Er setzte nämlich auf den gebürtigen Amerikaner Ricky Harris, bei dem nie klar war, was gerade ihn dazu befähigt haben sollte, ein eigenes Talkformat zu präsentieren.

Als Begründung für sein Engagement wird wiederholt auf einen Auftritt beim damals konzerninternen Shoppingkanal H.O.T. verwiesen, in der er als Verkäufer von Lamafelldecken derart überzeugend gewesen sein soll, dass er damit die Verantwortlichen begeistern konnte. Mit ihm verlängerte Sat.1 seine vormittägliche Talkschiene um eine Stunde, die nun von 11.00 bis 15.00 Uhr reichte. Dies angeblich sehr zum Zorn seiner Talk-Kolleginnen, wie er zuletzt im Dschungelcamp behauptete. Insbesondere Vera Int-Veen, deren Studio sich ebenfalls auf dem Film-Gelände in Potsdam-Babelsberg befand, soll sich demnach über den Neuzugang geärgert haben.

In der Sendung war Ricky dann vor allem laut, unnatürlich fröhlich sowie hyperaktiv und er begann jede Ausgabe damit, ins Studio zu rennen, zu brüllen und einige Zuschauer abzuklatschen. Aufgrund dieser aufgedrehten Art und nicht zuletzt wegen seiner markanten Dreadlocks erhielt er schnell den Spitznamen „Der Teletubby von Sat.1“. Ganz konsequent war die Ausrichtung des Konzepts jedoch nicht, denn einerseits setzte es auf einen lockeren Entertainment-Stil, versuchte diesen aber andererseits mit ernsthaften Themen zu kombinieren. Daher sollte Ricky laut Pressetext auch "Hilfestellung und Hoffnung in schwierigen Lebenslagen" anbieten, was aber eben nicht so recht zu seiner schrägen Art passte. Nur selten gelang es ihm, diese beiden gegensätzlichen Facetten angemessen auszubalancieren. In einer Sekunde etwa ermahnte er die Anwesenden mit ernster Miene noch, dass Gewalt und Beleidigungen abzulehnen sind, um sich im nächsten Augenblick quirlig und euphorisch-brüllend vom Publikum zu verabschieden. Trotzdem wird er auf seiner Website noch immer als „einfühlsamster, liebenswertester und aufgeschlossenster Gastgeber unter all den täglich laufenden Talkshows“ bezeichnet.

Zusätzlich erwies sich die Sprachbarriere als großes Problem für ihn, denn zuweilen hatte man das Gefühl, dass er seine eigenen Gäste nicht verstand. Anders war es nicht zu erklären, wieso er auf Wortäußerungen oft nicht einging und stattdessen einfach eine vorgefertigte Frage von seiner Karte ablas. Zudem griff er häufig nicht in die Streitigkeiten auf der Bühne ein, wodurch manches Gespräch eskalierte. Wie nahezu alle seine Konkurrenten lieferte auch er deswegen eine Reihe von Ausgaben ab, die von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen als problematisch eingestuft wurden. Darunter war eine Folge, in dem einem wehrlosen 6jährigen Jungen die alleinige Schuld an den Schwierigkeiten seiner Mutter zugeschoben wurde. Deutlich turbulenter ging es in der Episode mit dem Titel „Ich wünschte, wir hätten uns nie kennen gelernt“ zu, in der ein Mann und dessen Ex-Freundin sowie ihr aktueller Lebensgefährte zu Gast waren. Im Laufe des Gesprächs provozierten sich die drei dermaßen, dass nicht nur die Security eingreifen, sondern sogar das Bild ausgeblendet werden musste. Anfangs ließ man den Ton noch weiter laufen, sodass weiter zu hören und zu erahnen war, was sich gerade im Studio zutrug. Als sich die Situation jedoch weiter zuspitzte, musste die Aufzeichnung sogar komplett unterbrochen werden.

Diese Vorfälle sind insofern erwähnenswert, als dass Sat.1 vorab ausdrücklich zusicherte, den Landesmedienanstalten mit dem neuen Programm keinen Anlass zum Eingreifen geben zu wollen. "Es geht um zwischenmenschliche Probleme und um Beziehungen, aber nicht auf Kosten der Betroffenen“, ließ die damals zuständige Redakteurin stattdessen verlauten. Ricky selbst versprach darüber hinaus, dass er eine Sendung machen wolle, die selbst seine drei Kinder sehen können.

Letztlich reichten weder die Skandale noch seine witzige Frisur aus, um die Produktion tragen zu können. Daher blieben die Urteile der Kritiker und das Interesse der Zuschauer stets verhalten. Gegen die noch härtere Gangart von «Birte Karalus» und den längst etablierten Klassiker von Arabella Kiesbauer im Gegenprogramm kam der nette Amerikaner nicht an. Da half ebenso wenig die Tatsache, dass er laut seiner Website „der einzige Talkshow-Moderator in Deutschland [war], der seine Talkshow-Trailer selbst schrieb, sang und choreographierte“. Rund ein halbes Jahr ließ sich Sat.1 die unterdurchschnittlichen Marktanteile gefallen und ersetzte ihn schließlich durch das ehemalige MTV-Gesicht Peter Imhof, der sowohl den Sendeplatz als auch die fast unveränderte Deko übernahm und immerhin anderthalb Jahre durchhielt.

«Ricky!» wurde am 10. März 2000 beerdigt und erreichte ein Alter von 145 Folgen. Die Show hinterließ den Moderator Ricky Harris, der nach einer kurzen Bildschirmpause für eine noch kürzere Dauer eine Talentsuche beim Mitmach-Sender 9Live präsentierte. Im Jahr 2005 wirkte er als Kandidat im skandalträchtigen ProSieben-Format «Die Burg» mit. Danach tauchte er sporadisch bei verschiedenen Teleshopping-Anbietern auf, bevor er begann, als Bademeister in einer Therme sowie als Lehrkraft an einem bayerischen Gymnasium zu arbeiten. Durch seine Teilnahme an der zehnten Staffel von «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!» im Januar 2016 erhofft er sich, im TV „wieder voll durchstarten“ zu können.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann der direktesten Castingshow des deutschen Fernsehens.

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