First Look

«Web Therapy»

von
Ein Theaterstück der Onlinewelt, Showtimes Antwort auf «In Treatment» kommt aus dem Internet.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Lisa Kudrow die einzige Darstellerin aus dem «Friends»-Zirkel war, die händeringend versuchte, aus ihrer Klischeerolle der dummen Blondine herauszukommen. Mit «The Comeback» entwickelte und produzierte sie eine Serie für HBO, die jedoch nach einer Staffel ihr Ende fand und mit der britischen Doku-Serie «Who Do You Think You Are» ging sie auch unter die Produzenten. 2008 kreierte sie mit Don Roos und Dan Bucatinsky die Internetserie «Web Therapy», welche sich in ihren drei Staffeln schnell zu einem Erfolg entwickelte, und den Premiumsender Showtime im zurückliegenden Jahr dazu brachte, die Webserie ins Programm aufzunehmen. Lisa Kudrow übernimmt die Rolle der narzisstischen, gefühllosen Therapeutin Fiona Wallice, die genug von den Worten „Träume“ und „Gefühle“ hatte, und mit ihrer neuen Geschäftsidee – Therapiesitzungen mit einer Länge von einer Stunde auf jeweils drei Minuten in einem Videochat zu begrenzen – schwere Fälle und Beziehungsprobleme von fremden Menschen auf Distanz zu lösen.

«Web Therapy» hat jedoch einen kleinen Twist: Fiona hat keinerlei Erfahrungen im Therapie-Business und ihr kam die Idee der Online-Sitzungen recht schnell, weshalb sie sich gar nicht erst um ihre Patienten kümmert und ihnen regelmäßig schlechte Botschaften mit auf dem Weg gibt. Das einzige, was Fiona als Therapeutin ihren Patienten bieten kann, sind entnervende Augenroll-Momente, sinnlose Pointen aus ihrem Leben, sowie regelmäßige Unterbrechungen, in denen sie ihren Patienten ein Bild ihres Abendkleides schickt und nach einer fundierten Meinung fragt. Damit ist «Web Therapy» das komplette Gegenteil von HBOs «In Treatment» und geht mehr den Weg einer chaotischen Frau, die von sich behauptet alles über Psychotherapie zu wissen, jedoch darin scheitert, ein Interesse an ihren Patienten während der drei Minuten langen Online-Sitzungen zu entwickeln. Unter ihren Patienten befindet sich auch Fionas Ehemann Kip (Victor Garber), der den Großteil seiner Ehe als unzufrieden bezeichnet, und in seinen wortlosen Ausdrücken erkennen lässt, dass er die Idee seiner immer fremder werdenden Frau äußerst bescheuert findet.

Die originale Web-Serie besteht aus drei Staffeln mit 48 Episoden, jeweils zwischen drei und elf Minuten lang, welche Showtime in zehn halbstündige Episoden untergebracht hat. Zusätzlich zu dem schon produzierten Material, welches die Therapiesitzungen beinhaltet, wird es in der Showtime-Version neue Szenen geben, welche sich mehr mit Fiona als Charakter, sowie ihrem traurig-verrückten Heimleben beschäftigen sollen. Denn was «Web Therapy» zuerst ausmacht, ist die sterile Art und Weise der Produktion, welche auch schon «In Treatment» zum Kritiker-Erfolg machte: Die Charaktere sitzen nur vor einer Webkamera und halten ihre Therapiesitzungen – das Schauspiel liegt in der Mimik und Gestik der Darsteller, eine Handlung gibt es so gut wie gar nicht, die Entwicklung der Charaktere und der Geschichte liegt im Dialog des Geschehens. Und da die einzelnen Therapiesitzungen in der Regel selten die Fünf-Minuten-Marke durchschreiten, wird Fiona in den halbstündigen Episoden mehrere Fälle zu betreuen haben.

Dieses Element wird jedoch dafür verantwortlich sein, dass es in den Episoden keinen roten Faden geben wird. In der Zeit von Internet und YouTube, welche die Aufmerksamkeitsspanne der Internetbenutzer monatlich um ein paar weitere Sekunden nach unten drückt, kann das sicherlich vom Vorteil sein, jedoch könnte ein Serienfan vom Erzählmuster in «Web Therapy» abgeschreckt werden. «In Treatment» überzeugte durch einen fantastischen Cast, welcher es schaffte die dramatischen Geschichten über ihre Charaktere zu erzählen, während Starz' «Head Case» und HBOs «Curb Your Enthusiasm» den Aspekt des Berufes auf die Comedy legten. «Web Therapy» ist da noch ein ganzes Stück spezieller, da der Humor der Serie nur durch hochtrabende Konversationen, peinliche Schweigemomente und unzählbare Missverständnisse limitiert ist. Allerdings lebt «Web Therapy» von den Improvisationstalenten seiner Darsteller und wirkt deshalb auf dem ersten Blick als ein Theaterstück der Online-Welt, ausgestrahlt im Fernsehen, und ist durch ihrer Pflicht, Geschichten über Dialoge zu erzählen, wahrscheinlich abwechslungsreicher als eine Actionserie.

Nun besteht nur noch die Frage, ob Showtime mit «Web Therapy» mehr vorhat, als nur das Zusammenschneiden von drei Online-Staffeln zu zehn halbstündigen Episoden. Sollte die Serie ein Quotenerfolg werden, ist es vorstellbar, dass Kudrow und ihre Autorenpartner zur Serie zurückkehren, und neues Originalmaterial fürs Fernsehen produzieren. Allerdings sollte der Kritikerfolg der Onlineserie sich für die TV-Auswertung schon wiederholen, um Anerkennung bei den neuen Zuschauern zu finden. Allerdings hat schon HBO mit «In Treatment» bewiesen, dass Zuschauer kein unbedingtes Interesse an solch sterile Serien haben. Die Chancen für ein langes Leben im TV stehen auch mit Lisa Kudrows nächster Premiumserie deutlich schlecht da.

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