Interview

‚Ich wünsche mir Geschichten, die nicht nur in WG-Küchen und Verhörräumen spielen‘

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Mit «Stardust Hotel» bringt Regisseur Simon Ostermann eine ungewöhnliche Mischung aus Science-Fiction, RomCom und Ensemble-Komödie in die ARD Mediathek. Im Interview spricht er über begrenzte Mittel im deutschen Genrefernsehen, die Liebesgeschichte zwischen Mensch und Maschine und warum ihn „Genrereinheit“ eher abschreckt. 

Herr Ostermann, «Stardust Hotel» verbindet Science-Fiction mit Romantik und Humor. Was hat Sie an diesem ungewöhnlichen Genre-Mix besonders gereizt?
Die Möglichkeit im Studio eine filmische Welt zu erschaffen, die einerseits im Weltraum schwebt und anderseits mit dem spielt, was es über Jahrhunderte geschafft hat, Luxus zu definieren, wird einem in Deutschland nicht so oft gegeben, daher war ich sehr schnell dafür zu begeistern im «Stardust Hotel» einzuchecken.

Die Serie spielt in einem heruntergekommenen Luxushotel im All – wie haben Sie diesen Ort visuell und atmosphärisch entwickelt?
Uns war es wichtig, eine Welt zu schaffen, die ein Relikt ist aus einer Zeit, die man für eine bessere gehalten hat. Wir haben uns gefragt: Was würde die Menschheit mitnehmen, wenn sie sich ins All absetzt, weil die Erde nicht mehr bewohnbar ist - da blieben wir schnell an Statussymbolen und dekadentem Luxus hängen. Zusammen mit meiner Ko-Regisseurin Elsa van Damke, dem Szenenbildner Matthias Klemme, seinem Team, der Kostümbildnerin Kaya Kürten, sowie den Maskenbilderinnen Maike Heinlein und Melanie Krieg und unseren Produzent*innen haben wir viel mit verschiedenen Modellen erarbeitet, um dem, was Sebastian Egert und Valentina Brüning ersonnen hatten, gerecht zu werden.

Außerdem haben uns ein paar Beschränkungen „geholfen“:
1. Wir wussten, dass unser Hotel im Studio des Großstadtreviers Platz finden muss.
2. Wir hatten einen sehr straffen Zeitplan und
3. Wir wussten immer: Tonndorf ist nicht Hollywood: Unsere Mittel für Zukunft, Weltraum und Luxushotel waren durchaus begrenzt.

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen der neuen Besitzerin Nia und dem Androiden Adam. Wie nähert man sich einer Liebesgeschichte zwischen Mensch und Maschine?
Es gibt in der Filmgeschichte jede Menge Antworten zu dieser Frage, siehe «Bladerunner», oder «Ich bin dein Mensch». Wir hatten explizit den Wunsch einen liebevoll humoristischen Ansatz zu finden. Ein Gedanke macht mir noch immer Spaß und Angst zugleich: Was, wenn irgendwo ein Roboter herumläuft, der mehr spürt als die Menschen? Der sich so genau angeschaut hat, wie Menschen sind oder sein können, dass er praktisch fühlt. Während die Menschen um ihn herum genau das immer mehr verlernen. Vanessa Loibl und David Brizzi dabei zuzusehen, wie sie sich kennenlernen und dabei wahnsinnig im Weg stehen, macht großen Spaß!

Der Concierge-Android Adam ist nicht nur funktional, sondern auch emotional angelegt. Was macht diese Figur für Sie besonders spannend?
Wie gesagt: Der Roboter, der alles Menschliche so sehr liebt und so gern dazugehören will zu dieser unvollkommenen Spezies, dass er seine eigene Überlegenheit als Defizit erkennt und sogar sämtliche Systemupdates verweigert, ist ein absurder und zugleich romantischer Gedanke.

Die Menschheit hat die Erde verlassen – ein großes, dystopisches Setting, das aber eher beiläufig erzählt wird. Warum haben Sie sich für diesen Zugang entschieden?
Einerseits ist es natürlich eine Dystopie, die wir erzählen - andererseits ist es eine RomCom im Weltall. Und noch dazu ein klassisches Ensemblestück. Ein Hotel im Weltall, in dem sich ein Mensch und eine Maschine ineinander verlieben und das als Komödie. Ich habe kürzlich den Begriff „Genrereinheit“ gehört. Ein Graus!

Humor spielt eine große Rolle in der Serie. Wie schwierig ist es, die Balance zwischen Witz, Emotion und Science-Fiction glaubwürdig zu halten?
Eine Frage für eine Doktorarbeit, finde ich. Ganz unabhängig von unserer Serie glaube ich fest daran, dass gute Komik nicht ohne Emotion funktioniert. Eine Herausforderung, die wir im Dreh hatten, war sicher der enorme Aufwand, den die Science-Fiction-Welt uns abverlangt hat. Aber sie haben recht: Das stetige Abwägen von Komik und einem kohärenten, nachvollziehbaren Kosmos, die unserem Format gerecht wird, hat das Projekt bis zum Schluss geprägt.

Mit Detlev Buck als Stimme des Serviceroboters „Smartie“ hat die Serie eine sehr markante Figur. Welche Bedeutung hat dieser Charakter für den Ton der Serie?
Ich liebe Smartie. Er ist gezwungen, unter seinen Möglichkeiten zu bleiben. Er ist, wie sein Name schon sagt, ziemlich clever, aber seine motorischen Einschränkungen haben ihn über all die Jahre mürbe gemacht. Er ist ein Zyniker, der als Schuhputzroboter nicht mehr am Zahn der Zeit ist. Aber jeder, der das Hotel betritt, muss an ihm vorbei - das gibt ihm eine gewisse Wirkkraft.

Viele bekannte Gesichter tauchen in Episodenrollen als Gäste auf. Welche Funktion haben diese „Gastgeschichten“ innerhalb der übergeordneten Handlung?
Wir haben festgestellt, dass wir anders als andere Comedyserien, zunächst ziemlich viel erklären müssen, um in unserer Welt anzukommen. Im Laufe der Serie gibt es dann - einem Grandhotel angemessen - in jeder Folge Gäste, die unsere Equipe auf die Probe stellen. Ich bin sehr dankbar für unsere „Besucher*innen“. Unter anderen besuchten uns Sarah Fazilat, Marie Nasemann und Wilson Gonzalez Ochsenknecht.

Wie wichtig war es Ihnen, trotz futuristischer Umgebung eine sehr menschliche Geschichte zu erzählen?
Es war für uns klar, dass das Eine nicht ohne das Andere funktionieren soll und dass wir innerhalb dieser besonderen Welt universelle Fragestellungen verhandeln wollten. Es geht natürlich um Zugehörigkeit, um Einsamkeit, um Ausgrenzung und auch um die Frage, wieso der Kapitalismus eben nie die beste Idee für alle sein kann.

Die Serie entsteht für die ARD Mediathek. Wie beeinflusst die Plattform Ihre Erzählweise im Vergleich zum klassischen Fernsehen?
Ich glaube, ohne die Bereitschaft der ARD für die Mediathek Inhalte zu erzählen, die nicht primär auf den Erfolg auf einem linearen Sendeplatz zielen, wäre unser Ausflug in den Weltraum nicht möglich gewesen. Die Lust, den Mut und die Bereitschaft diese Genres zu mischen, finde ich toll und wünsche mir mehr davon.

Science-Fiction aus Deutschland ist eher selten. Sehen Sie «Stardust Hotel» auch als Versuch, dem Genre hierzulande neue Impulse zu geben?
Ich wünsche mir sehr, dass wir aus Deutschland heraus auch Geschichten erzählen, die nicht nur in WG-Küchen und Verhörräumen angesiedelt sind. Da kann «Stardust Hotel» sicher ein Beispiel sein.

Wenn das Publikum nach sieben Folgen aus dem «Stardust Hotel» auscheckt: Was soll im Idealfall bleiben – die große Liebesgeschichte oder die skurrile Welt im All?
Ich hoffe, dass jede*r Zuschauer*in etwas Eigenes aus unserem kleinen Weltraumhotel mitnehmen kann - ob es der Glaube an die Liebe, eine neue Definition von Familie, die Sehnsucht nach dem Weltraum oder einfach auch die neu entdeckte Liebe für unseren Planeten Erde ist.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Stardust Hotel» erschient am Freitag, 22. Mai, in der ARD Mediathek. Am 12. Juni laufen alle Folgen ab 22.30 Uhr bei One.

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