Interview

Stephan Lacant: ‚Das Schöne ist nicht beruhigend, sondern unheimlich‘

von

Regisseur Lacant spricht über internationale Verbrechenssysteme, moralische Grauzonen und warum der neue «Zielfahnder»-Film bewusst auf verstörende Gegensätze zwischen Luxus und Gewalt setzt.

Herr Lacant, Sie inszenieren mit «Zielfahnder – Kalte Sonne» Ihren zweiten Film der Reihe. Was hat Sie an diesem konkreten Fall besonders gereizt?
Mich hat gereizt, dass im Zentrum die Konfrontation mit einem hochorganisierten System steht. Einem System, das international vernetzt ist und im Verborgenen fungiert. Fälle wie Epstein und Maxwell haben gezeigt, wie lange solche Strukturen funktionieren können, wenn Macht, Reputation und gute Netzwerke zusammenkommen. Für die Zielfahnder Landauer und Röwer bedeutet das: Sie können nicht einfach jemanden festnehmen und der Fall ist gelöst - sie müssen Strukturen freilegen, in denen Geld, Angst und Abhängigkeit ineinandergreifen. Interessant fand ich auch den Kontrast zwischen der scheinbar idyllischen Oberfläche und der brutalen Realität dahinter. Aus solchen Gegensätzen entsteht Spannung – wenn unter Sonne und Luxus etwas zutiefst Verstörendes verborgen liegt.

Im Zentrum steht ein internationaler Menschenhändlerring – ein sehr düsteres Thema. Wie nähert man sich einem solchen Stoff, ohne ihn zu sensationalisieren?
Indem man die Mechanismen in den Vordergrund stellt und nicht den voyeuristischen Blick. Für uns war klar, dass wir nicht aus der Perspektive des Verbrechens erzählen, sondern aus der Perspektive der Zielfahnder und der Betroffenen. Es ging nie darum, Gewalt auszustellen oder Elend bebildern zu wollen, sondern darum, die Systeme sichtbar zu machen, mit denen Menschen ausgebeutet werden. Das eigentlich Erschreckende an realen Fällen wie Epstein/Maxwell sind ja nicht in erster Linie einzelne Exzesse, sondern wie professionell solche Netzwerke organisiert werden können, über Jahrzehnte hinweg – mit Rekrutierung, Abschirmung, Schweigen und gesellschaftlicher Protektion.

Die Antagonistin Maria Weinert wird als eiskalt und skrupellos gezeichnet. Was war Ihnen bei der Darstellung dieser Figur besonders wichtig?
Der Autorin Mia Meyer und mir war wichtig, dass Maria nicht als eindimensionale „Monsterfigur“ erscheint. Gerade Ghislaine Maxwell hat gezeigt, dass weibliche Mittäterschaft oft über Vertrauen, Zugang und soziale Intelligenz funktioniert – nicht über offene Brutalität. Diese Form von Macht ist subtiler und deshalb oft gefährlicher. Maria beherrscht Räume, liest Menschen und weiß genau, welche Maske sie in welchem Moment tragen muss. Mich interessiert an solchen Figuren weniger die Lautstärke des Bösen als seine Eleganz. Maria handelt strategisch. Gerade diese Ruhe macht sie gefährlich. Gleichzeitig sollte man spüren, dass sie selbst Produkt eines Systems ist, das Macht über Moral stellt.

Der Film verbindet eine sonnige Mittelmeer-Ästhetik mit einer bedrohlichen Atmosphäre. Wie haben Sie diesen visuellen Kontrast inszenatorisch genutzt?
DOP Michael Kotschi und mich interessiert es immer, wenn Bild und Gefühl im Spannungsfeld stehen. Die mediterrane Schönheit - Sonne, Meer, helle Farben, Weite - suggeriert Freiheit, Reichtum und Leichtigkeit. Wenn man darunter eine latente Bedrohung legt, entsteht Reibung. Wir wissen aus diversen realen Fällen, dass Missbrauch oft gerade in luxuriösen Umgebungen stattfindet – Villen, Inseln, exklusive Orte, die Sicherheit und Privileg ausstrahlen. Diesen Widerspruch wollten wir filmisch nutzen: Das Schöne ist nicht beruhigend, sondern unheimlich. Die Sonne blendet eher, als dass sie aufklärt. Wir haben versucht, die Postkartenmotive nie rein dekorativ zu nutzen, sondern ihnen etwas Trügerisches zu geben. Das Licht ist schön, aber nicht beruhigend. Die Weite wirkt nicht befreiend, sie ist isolierend. Der Ort selbst wird Teil der Spannung.

Malta ist ein ungewöhnlicher Schauplatz für einen deutschen Krimi. Welche Rolle spielt der Ort für die Dramaturgie der Geschichte?
Malta ist Knotenpunkt zwischen Europa, Nordafrika und dem Mittelmeerraum. Malta vereint Tourismus, Internationalität und Wohlstand, aber gleichzeitig politische und wirtschaftliche Grauzonen. Für unsere Geschichte über internationale Netzwerke ist das interessant. Ein Ort der Übergänge: Menschen kommen an, verschwinden, wechseln Identitäten, tauchen unter. Gleichzeitig ist eine Insel aber auch ein abgeschlossener Raum. Man kann sich verlieren – aber man kommt auch nicht so leicht weg. Diese Ambivalenz ist spannend.

Das Drehbuch zeigt ein System, das Menschen zur Ware macht. Wie wichtig war es Ihnen, auch die strukturelle Dimension dieses Verbrechens sichtbar zu machen?
Sehr wichtig. Solche Verbrechen entstehen durch Strukturen, in denen viele Ebenen zusammenspielen: Not, Korruption, Nachfrage, Wegsehen, internationale Lücken in der Strafverfolgung. Ausbeutung entsteht meistens durch Systeme, in denen Menschen zur Ware reduziert werden und Profit wichtiger ist als Würde.

Die «Zielfahnder»-Reihe lebt stark von ihrem Ermittlerduo. Wie entwickelt sich die Dynamik zwischen Landauer und Röwer in diesem Film weiter?
Hannah Landauer ist analytisch, kontrolliert und sehr präzise. Lars Röwer handelt oft direkter, intuitiver und emotionaler. In „Kalte Sonne“ geraten beide an persönliche Grenzen und dadurch verschiebt sich ihre Dynamik. Sie müssen einander mehr auffangen als zuvor und gegenseitiges Vertrauen wird wichtiger. Außerdem stoßen sie hier auf einen Gegner, der nicht nur brutal, sondern hochintelligent und bestens vernetzt ist. Das verändert ihre Arbeit. Es reicht nicht Spuren zu verfolgen – sie müssen Fassaden durchdringen und Menschen misstrauen, die auf den ersten Blick unangreifbar wirken.

Ihre Figuren geraten diesmal selbst ins Fadenkreuz der Täter. Verändert das die Tonalität im Vergleich zu früheren Filmen der Reihe?
Ja, definitiv. Dadurch dass Landauer und Röwer selbst zur Zielscheibe werden, bleibt der Fall nicht mehr rein berufliche Aufgabe, sondern dringt in ihre Existenz ein. Dadurch wird der Film unmittelbarer und emotional riskanter. Die Zielfahnder verlieren einen Teil ihrer professionellen Distanz – und genau das erhöht die Spannung.

Gewalt und Ausbeutung sind zentrale Themen des Films. Wie findet man als Regisseur die Balance zwischen Härte und erzählerischer Verantwortung?
Indem man Härte nicht als Selbstzweck versteht. Gewalt sollte eine erzählerische Konsequenz haben, sie sollte etwas über Figuren, Machtverhältnisse oder die Situation erzählen. Verantwortung bedeutet für mich auch, Leerstellen zuzulassen. Nicht alles muss gezeigt werden. Manchmal ist das, was man ahnt, stärker und verstörender als das, was man explizit sieht.

Sie arbeiten hier erneut mit einem starken Ensemble. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit Schauspielern wie Ulrike C. Tscharre oder Hanno Koffler für Ihre Inszenierung?
Enorm wichtig. Film entsteht im Zusammenspiel. Durch Schauspieler bekommen die Szenen Widersprüche und Lebendigkeit. Ulrike C. Tscharre und Hanno Koffler bringen neben viel Talent und viel Einfühlungsvermögen, auch große Präzision mit und Mut zum Risiko. Gerade bei einem Stoff, der sich mit Macht, Täuschung und moralischen Grauzonen beschäftigt, braucht es Schauspieler, die kleinste Nuancen tragen können. Ulrike und Hanno schaffen es immer wieder, gleichzeitig Stärke, Zweifel und Verletzlichkeit spürbar und erlebbar zu machen.

Darüber hinaus war auch die Zusammenarbeit mit Kim Riedle und Godehard Giese, die das Ensemble komplettieren, sehr inspirierend. Die Schauspieler tragen die Geschichte, weil „Kalte Sonne“ nicht nur vom Fall lebt, sondern davon, was der Fall mit den Figuren macht.

Der Film wirft auch Fragen nach Identität und Täuschung auf – etwa durch die mögliche Veränderung des Aussehens. Welche Rolle spielen solche Motive für Sie als Erzähler?
Mich interessiert die Frage, was macht Identität eigentlich aus und wie stabil ist sie. Was bleibt von einem Menschen, wenn Name, Herkunft, Gesicht oder Biografie manipulierbar werden? In einer Welt, in der vieles Oberfläche ist, wird Identität schnell zu etwas Strategischem.

Für Thriller sind solche Motive natürlich spannend, weil Täuschung Spannung erzeugt. Aber dahinter steckt auch eine existenzielle Frage: Wie gut kennen wir andere Menschen – und wie gut kennen wir uns selbst? Hierzu gab es viel essentiellen Input von Kostümbildnerin Regina Tiedeken und Maskenbildnerin Andrea Allroggen.

Welche Themen oder erzählerischen Richtungen würden Sie gerne noch erkunden?
Mich interessieren Stoffe mit gesellschaftlicher Relevanz. Geschichten, die Spannung nicht nur als Unterhaltung begreifen, sondern als Möglichkeit, etwas über das Menschsein zu erzählen, Figuren, die unter Druck Entscheidungen treffen müssen und daran wachsen oder scheitern. Ob Thriller oder Drama – entscheidend ist für mich am Ende immer der Mensch im Konflikt und der Mensch im Widerspruch. Woher kommt Grausamkeit? Warum entscheiden sich manche für Mitgefühl und andere für Ausbeutung? Was verführt Menschen dazu, Macht über Würde zu stellen? Gleichzeitig interessiert mich immer auch die größere Frage: In welcher Welt wollen wir leben – und wer wollen wir sein? Jede Geschichte ist für mich auch Einladung zur Selbstbefragung - durch Figuren, die scheitern, kämpfen, lieben, verraten oder Verantwortung übernehmen. Denn am Ende liegt es in unser aller Verantwortung, daran mitzuwirken, in welcher Welt wir leben.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Zielfahnder» mit „Kalte Sonne“ ist am Samstag, 18. April, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Der Film ist seit 16. April in der ARD Mediathek abrufbar.

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