Interview

Marie Rosa Tietjen: ‚Hebammen sind für mich wie Höchstleistungssportler‘

von

In der zweiten Staffel von «PUSH» spielt Tietjen die erfahrene Hebamme Elke, die zwischen Professionalität, Überforderung und moralischen Grenzsituationen an ihre Belastungsgrenzen gerät. Im Interview spricht sie über die radikale Ehrlichkeit der Serie, die politische Dimension weiblicher Körper – und warum sie die dokumentarische Direktheit von «PUSH» besonders reizt.

Frau Tietjen, «PUSH» erzählt Geburtshilfe ungewöhnlich direkt und tabufrei. Was hat Sie an diesem ehrlichen Blick auf den Klinikalltag besonders gereizt?
Ich finde besonders interessant, dass die Serie in ihrer Direktheit eher dafür sorgt, dass die Zuschauer:innen weniger Sorgen vor bestimmten Themen haben. Keines der Bilder wird erzählt, um zu schocken - die Reaktionen sind ja auch gegenteilig: viele Zuschauer:innen der ersten Staffel beschreiben, dass sie sich mit ihren Erfahrungen und Fragen weniger alleine fühlen. Für mich ist das eine Form von radikaler Normalisierung.

Ihre Figur Elke wirkt erfahren, schlagfertig und gleichzeitig enorm belastet. Wie haben Sie sich dieser Mischung aus Professionalität und Erschöpfung angenähert?
Mit großer Neugier auf diese Ambivalenz. Zwischen einer Liebe zu dem was man tut, einer Kompetenz als Hebamme und den Momenten, wo man trotzdem einfach nicht mehr kann. Ich glaube, dass das ein Gefühl ist, mit dem sich viele verbinden können. Auch in anderen Bereichen.

Die Serie zeigt Hebammen nicht idealisiert, sondern oft am Limit. Warum ist es wichtig, genau diese Realität sichtbar zu machen?
Ich habe einen riesigen Respekt für die Menschen, die dafür sorgen, dass die Geburt eines Menschen würdevoll passiert - genauso wie vor denen, die die Menschen begleiten, wenn sie sterben. Existenzieller geht es wahrscheinlich nicht. Ich würde mir wünschen, dass sich die Strukturen im Gesundheitssystem dahingehend ändern, dass sie weniger prekär sind und die Hebammen und Pflegenden nicht so dermaßen erschöpft. Damit meine ich auch, dass sie angemessen bezahlt werden. Und im künstlerischen Erzählen hilft es ja manchmal, den Fokus auf eine einzelne Person im System zu legen, um ihre Erfahrungen sichtbar zu machen.

Besonders Folge fünf schildert eine komplette Schicht im Ausnahmezustand. Wie intensiv war es, solche permanenten Stresssituationen zu spielen?
Eine Stresssituation zu spielen ist natürlich ganz anders als sie im wirklichen Leben zu erfahren. Mich nicht mit den Menschen zu vergleichen, die die Arbeit wirklich machen, ist mir wichtig. Die Folge 5 hat einen gewissen Fokus verlangt, weil ich mir genau überlegen musste, wann ich was zeige - und was auch nicht. Ich liebe es, “all inn” zu gehen und gleichzeitig präzise zu bleiben - und da ist diese Folge spielerisch wirklich ein Geschenk. Ich war also eher fokussiert als gestresst.

In der Staffel geht es um Themen wie Fehlgeburten, IVF-Behandlungen, Trisomie-Diagnosen oder Leihmutterschaft. Hatten Sie das Gefühl, dass «PUSH» bewusst gesellschaftliche Debatten aufgreifen will?
Ja und mir gefällt, dass das ganze so wertfrei passiert - dass man sich bei Themen wie IVF-Behandlungen, Trisomie-Diagnosen oder Leihmutterschaft, seine eigenen Gedanken machen kann oder vielleicht nochmal einen anderen Blick auf eines dieser Themen wirft. Das finde ich unter anderem eine große Qualität von Headautorin Luisa Hardenberg, dass sie Gedanken aufwerfen kann, und sich die Zuschauenden dann ihr eigenes Bild machen können.

Ihre Figur erlebt einen Moment, in dem sie sich fragt, ob sie eine Grenze überschritten hat. Wie schwer ist es, solche moralischen Zweifel glaubwürdig darzustellen?
Ich liebe im Spiel diese ambivalenten Momente - da wo ich mir auch nicht sicher bin, wie ich handeln würde, wo ich im Spiel versuchen kann, etwas zu verstehen. Ich begreife das “verstehen wollen” schon als Werkzeug, um die eigenen Verhältnisse zu befragen. Das ist für mich das Reizvollste an meinem Beruf.

«PUSH» arbeitet mit einer sehr unmittelbaren, fast dokumentarischen Inszenierung. Wie beeinflusst dieser Stil Ihr Schauspiel?
Darin fühle ich mich sehr zuhause - es verlangt eine Mischung aus Gelassenheit und Konkretheit. Das mag ich und das kommt mir sehr entgegen.

Viele Szenen drehen sich um körperliche und emotionale Extremsituationen. Wie schafft man es als Schauspielerin, dabei authentisch zu bleiben, ohne in Überdramatisierung zu geraten?
Ich glaube, ich habe ein gutes Gespür dafür, mich selbst nicht wichtiger als das Thema oder die Figur zu nehmen. Das hilft mir. Und ich habe mit Pia Hellenthal und Joya Thome auch zwei Regisseurinnen an der Seite gehabt, die auch ein klares Gefühl dafür haben.

Die Serie erzählt Geburt nicht nur als glücklichen Moment, sondern auch als medizinische und psychische Grenzerfahrung. Glauben Sie, dass sich dadurch der Blick des Publikums auf Hebammen verändert?
Zumindest meinen Blick auf Hebammen hat sich durch die erste Staffel und meine Vorbereitung auf Staffel 2 total verändert. Für mich sind Hebammen wie Höchstleistungssportler - nur, dass es bei ihnen wirklich um Leben und Tod geht.

Zwischen all der Belastung gibt es auch humorvolle oder intime Momente im Team. Wie wichtig ist dieser Kontrast für die Serie?
Ganz wichtig, denn darin steckt für mich das Leben. Es ist ja auch im eigenen Leben manchmal ziemlich paradox, dass in den herausforderndsten Momenten auch der beste Humor und die größte Nähe stecken kann. Und diese humorvollen, nahen Szenen spiegeln auch gut wider, wie wir als Ensemble am Set gearbeitet haben. Das war toll - gerade für mich als „Neue“ im Team.

«PUSH» zeigt sehr unterschiedliche Frauenfiguren und Lebensrealitäten. Was gefällt Ihnen daran, dass die Serie keine „perfekten“ Figuren erzählen will?
Für mich ist Push so stark darin, Widersprüchlichkeiten zuzulassen - das finde ich sehr entlastend beim Sehen der Serie und beim Spielen. Das Ganze hat einen sehr warmen und großzügigen Blick auf Menschen und in dieser Welt bewege ich mich gerne- weil es dann gar nicht um Kategorien wie „perfekt“ geht.

Serien über Krankenhäuser gibt es viele. Was unterscheidet «PUSH» Ihrer Meinung nach von klassischen Medical-Dramen?
Ich liebe, dass die Serie ein Höchstmaß an Empathie in sich trägt, queere Liebe wirklich selbstverständlich erzählt wird und es einen ganz konkreten Bezug zu weiblichen Körpern gibt - gerade deshalb ist Push für mich auf eine sehr zarte Weise höchst politisch, weil Körper immer politisch sind - gerade der weibliche.

Nach dieser Staffel: Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung Ihrer Figur Elke?
Das lege ich vertrauensvoll in die Hände von Luisa Hardenberg, die diese Serie geschrieben hat und trägt wie einen Atlas.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Push» ist seit 22. Mai in der ZDFmediathek abrufbar. Ab 27. Mai laufen mittwochs ab 21.45 Uhr jeweils drei Folgen.

Mehr zum Thema... PUSH Push
Kurz-URL: qmde.de/171923
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger ArtikelYannick Posse: ‚«Der Lehrer» soll dem Publikum wieder Hoffnung und Zuversicht geben‘nächster ArtikelBeim «ESC» spielte die Musik
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel
Weitere Neuigkeiten

Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipp


Surftipps


Werbung