Interview

Ein fremdes Leben als zweite Chance: Karen Elste über «Und was macht das mit Ihnen?»

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In ihrer neuen Audible-Dramedy «Und was macht das mit Ihnen?» schickt Karen Elste eine gescheiterte Frau in das Leben ihrer verschwundenen Zwillingsschwester. Im Interview spricht die Autorin über Identität, Geschwisterrivalität und die Faszination von Neuanfängen.

Frau Elste, Ihre neue Geschichte «Und was macht das mit Ihnen?» beginnt mit einer radikalen Ausgangssituation: Eine Frau übernimmt das Leben ihrer verschwundenen Zwillingsschwester. Was hat Sie an dieser Identitätsidee besonders gereizt?
Zwillinge sind ein tolles Thema, vor allem aber Zwillinge, die aus dem Erwartungshorizont ausbrechen und eben nicht Hanni und Nanni sind und sich heiß und fettig lieben. Was passiert, wenn einem noch nicht einmal das eigene Aussehen ganz gehört und von anderen abgrenzt? Das ist Geschwisterrivalität durch ein Brennglas betrachtet und diesen Gedanken finde ich spannend.

Emma ist Mitte 30, gescheitert, frisch getrennt – und landet plötzlich in einem scheinbar perfekten Leben. Wie wichtig war Ihnen dieser Kontrast zwischen Absturz und Fassade?
Die meisten Menschen kennen Tiefpunkte in ihrem Leben und wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, gerade dann jemand anderes zu sein und wie durch Zauberhand ein neues Leben leben zu können? Vor allem eines, das sehr perfekt zu sein scheint. Das Gras scheint immer grüner auf der anderen Seite, aber in Wahrheit ist es vielleicht ja auch nur Rasenfarbe, wer weiß?

Die Geschichte bewegt sich zwischen Thriller, Drama und teils auch Humor. Wie finden Sie die richtige Balance zwischen Spannung und Leichtigkeit?
Im echten Leben. Unser Alltag plätschert ja oft einfach so dahin, aber dann gibt es eben auch diese Tage, an denen einem alles passiert, an denen man erst weint und dann so sehr lachen muss, dass man sich fast verschluckt - von Tragik bis zu Absurd-Komisch ist dann alles dabei. Gut, außer Thriller. Das jetzt weniger, aber da bin ich im echten Leben auch nicht traurig drum.

Besonders spannend ist, dass Emma plötzlich als Therapeutin arbeiten muss – ohne wirklich vorbereitet zu sein. Was hat Sie an diesem Rollenwechsel interessiert?
Immerhin hat Emma ja wenigstens Psychologie studiert, auch wenn das natürlich keine therapeutische Ausbildung ist. Psychotherapie sieht von außen jetzt erstmal leichter aus Gehirnchirurgie, aber Emma bekommt rasch mit, dass nicht alles leicht ist, nur weil es so aussieht und sie gewinnt unter anderem neuen Respekt für ihre Schwester, den gesamten Beruf und die Verantwortung, die er mit sich bringt.

Leider leben wir ja brandaktuell in Zeiten mit massiven Einsparungen im Gesundheitssystem, gerade im psychotherapeutischen Bereich. Auch wenn das, als ich den Stoff geschrieben habe, nicht abzusehen war, freut es mich jetzt sehr, dass er hoffentlich auch ein bisschen zu einer größeren Sichtbarkeit für Psychotherapie beiträgt und vielleicht dabei helfen kann, die Stigmata, die immer noch mit einer Psychotherapie verbunden sind, abzubauen.

Die Frage nach Identität zieht sich durch die gesamte Handlung: Wer bin ich, wenn ich jemand anderes spiele? War das für Sie eher ein psychologisches oder ein gesellschaftliches Thema?
Beides. Wir alle haben so viele Rollen in unserem Leben, die wir mehr oder weniger glaubhaft rüberbringen müssen und in denen wir uns auch nicht immer komplett wohlfühlen. Ich glaube, es ist wichtig, sich darüber nicht selbst zu verlieren und das wird an Emma sehr schön deutlich.

Gleichzeitig geht es um das Verschwinden von Nina. Wie stark stand für Sie die Krimihandlung im Vordergrund – und wie sehr die persönliche Entwicklung von Emma?
Auch wenn es sich nach Krimi liest – es ist keiner. Auch wenn die Frage, wo Nina ist, über allem schwebt, und ihre eventuelle Rückkehr das Damoklesschwert ist, unter dem Emma zu leben lernt, geht es in erste Linie um Emma, die sich genauso verloren hat wie ihre Schwester Nina, und ihren eigenen Weg sucht.

Sie haben bereits mehrere erfolgreiche Hörserien für Audible geschrieben, etwa «Der Übergangsmanager». Was unterscheidet das Schreiben für Audio von klassischer Prosa oder Drehbuch?
Ich glaube, man muss die Story etwas anders gewichten, mitdenken, dass beim Hören Details untergehen können, die beim Lesen nicht so leicht durchrutschen, und öfter mal etwas wiederholen. Oft multitasken die Hörenden (ich ja auch), kochen dabei, werkeln im Garten, gehen einem Hobby nach. Und auch wenn sie im Schnitt gut drin sind beides zu balancieren, sind es oft so Mikrounaufmerksamkeiten, bei denen man auch mal den Anschluss verlieren kann. Natürlich kann ich beim Schreiben nicht wirklich wissen, wer wann wo wegdriftet, aber vielleicht lasse ich mir für manche Szenen etwas mehr Zeit, um sie darzulegen und erhöhe auch die Dialogfrequenz. Aber das liegt sicher auch daran, dass ich sehr gern Dialoge schreibe.

Beim Hörformat fehlt das Bild – vieles entsteht im Kopf. Schreiben Sie Szenen anders, wenn Sie wissen, dass sie ausschließlich über Sprache und Klang funktionieren müssen?
Ich versuche sehr sehr bildlich zu schreiben, damit beim Hören ein Film entsteht, der mitreißt, und verlasse mich dann aber auch schamlos auf die wunderbaren Schauspieler*innen, die meine Texte bisher gelesen haben. Ich durfte bei Karoline Herfurth schon reinhören und war so begeistert wie sie das macht! Und liebe auch die Interpretation des Übergangsmanagements von Hanno Koffler und Josefine Preuß, die beide die Stoffe auch so schön gespielt und gelesen haben.

Und ich finde es immer wieder großartig, wenn ich dann eine neue Interpretation meines Textes höre. Das haut mich jedes Mal sehr positiv um.

Ihre Figuren wirken oft wie Menschen in Umbruchphasen. Warum interessieren Sie sich besonders für solche Übergangsmomente im Leben?
Das sind für mich die spannenden Phasen im Leben. Vielleicht nicht immer die angenehmsten, aber die, die in Erinnerung bleiben, etwas in uns bewegen und große Chancen sind, das eigene Leben noch einmal komplett auf den Kopf zu stellen, uns selbst neu zu erfinden. In unserem Alltagstrott vergessen wir oft, dass wir viele Dinge auch selbst in der Hand haben und leben so vor uns hin, aber Umbrüche machen uns deutlich wie viel mehr in uns steckt und wie stark wir sein können, wenn wir es müssen.

Wenn die Geschichte weitererzählt wird: Welche Facetten von Emma oder Nina würden Sie gerne noch tiefer ausloten?
Ich hoffe sehr, dass ich die Geschichte weitererzählen darf, und Emmas Lebensweg damit auch weiterbegleiten. Ich würde sehr gern noch tiefer in die gemeinsame Geschichte der beiden Schwestern einsteigen und natürlich auch gern ergründen, ob Emma am Ende doch noch zu sich selbst findet und wer genau dieses „selbst“ eigentlich ist.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Am 25. Juni 2026 erscheint die Dramedy «Und was macht das mit Ihnen?» gelesen von Karoline Herfurth bei Audible.

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