Was mich besonders fasziniert hat, war, wie leichtfüßig der Dokumentarfilm von Michele zunächst beginnt. Man begleitet eine Gruppe junger Menschen mit einer Idee – und ehe man sich versieht, zieht einen die Geschichte immer tiefer in ihren Bann. Irgendwann kann man sich dem Drama und den moralischen Fragen, die sich daraus ergeben, kaum noch entziehen.
Gleichzeitig hat mich der Film auch persönlich erschüttert. Ich musste mir eingestehen, wie wenig ich über die Situation auf dem Mittelmeer wusste – obwohl sie ja sich praktisch vor unserer europäischen Haustür abspielt.
Da war mir eigentlich im Kino schon klar, dass diese Geschichte das Potenzial für einen großen Spielfilm hat. Dokumentarfilme sind unglaublich wichtig, erreichen aber oft nur ein begrenztes Publikum. Ich hatte das Gefühl, dass diese Geschichte alles hat, was einen großen Film ausmacht: Mut, Freundschaft, moralische Konflikte und eine emotionale Reise, mit der sich ein breites Publikum identifizieren kann.
Die Geschichte von „Jugend Rettet“ wirkt fast wie ein klassisches David-gegen-Goliath-Drama. Was hat Sie an dieser Konstellation als Produzent besonders gereizt?
Mich haben vor allem die Gegensätze an dieser Geschichte fasziniert: David gegen Goliath. Aufbruch und Ohnmacht. Weltpolitik und zwischenmenschliche Begegnungen. Auf der einen Seite eines der komplexesten weltpolitischen Themen unserer Zeit, auf der anderen Seite junge Menschen Anfang zwanzig, die einfach nicht länger zusehen wollen, wie Menschen sterben. Genau in dieser Spannung liegt für mich die Kraft der Geschichte.
Ich hoffe, dass der Film in einer Zeit, in der politische Debatten oft sehr laut und polarisiert geführt werden, den Blick wieder stärker auf das Menschliche lenkt. Und dass er Mut macht zu erkennen, dass wir vielleicht nicht die ganze Welt verändern können – aber jeder von uns etwas dazu beitragen kann, sie ein kleines Stück besser zu machen.
Der Film erzählt ein hochpolitisches Thema, will aber offenbar vor allem nah bei den jungen Menschen bleiben, die aufbrechen, um etwas zu verändern. Wie schwierig war diese Balance?
Uns war natürlich klar, dass wir dieses komplexe Thema nie in seiner ganzen Breite in 120 Minuten erzählen können. Deshalb haben wir uns bewusst für diese eine Geschichte entschieden. Denn in der öffentlichen Debatte geht es oft um Zahlen, Statistiken und politische Positionen und dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass hinter jeder Zahl ein Mensch mit einer eigenen Geschichte steht. Genau diesen Blick wollten wir zurückholen.
Sie haben gesagt, ein Dokumentarfilm erreicht selten ein Millionenpublikum. War genau das ein entscheidender Grund, diesen Stoff mit den Mitteln eines großen Spielfilms zu erzählen?
Ja, absolut. Ein Spielfilm kann Menschen erreichen, die sich vielleicht nie bewusst einen Dokumentarfilm über Seenotrettung ansehen würden. Unser Ziel war deshalb nie, Micheles großartigen Dokumentarfilm zu ersetzen, sondern ihn zu ergänzen und diese außergewöhnliche Geschichte einem internationalen Millionenpublikum zugänglich zu machen.
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass Geschichten über Migration heute oft vor allem dann große Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie Konflikte oder gesellschaftliche Spannungen erzählen. Das gehört selbstverständlich zu unserer Realität und darüber muss auch berichtet werden. Gleichzeitig wird unsere Gesellschaft aber doch vor allem von vielen Menschen geprägt, deren Integration gelingt und die unser Land jeden Tag mitgestalten. Auch diese Geschichten verdienen Sichtbarkeit. Abdulraman ist dafür ein schönes Beispiel: Er musste mit 14 Jahren aus seiner Heimat fliehen und arbeitet heute als Industriemechaniker in Singen. Solche Lebenswege schaffen es leider viel zu selten in die Schlagzeilen, sind aber genauso Teil unserer Gesellschaft.
Ich möchte mich auch einfach nicht damit abfinden, dass wir uns als Gesellschaft immer weiter spalten lassen. Kino kann diese Konflikte nicht lösen. Aber es kann Empathie schaffen – und manchmal beginnt Verständigung genau dort: wenn wir für zwei Stunden die Welt durch die Augen eines anderen Menschen erleben.
Die Geschichte basiert auf realen Ereignissen und realen Menschen. Wie groß war die Verantwortung, diesen Menschen und ihren Erfahrungen gerecht zu werden?
Diese Verantwortung war enorm. Uns war von Anfang an wichtig, diese Geschichte nicht über die Menschen hinweg zu erzählen, sondern gemeinsam mit ihnen zu entwickeln. Deshalb standen wir während der gesamten Entwicklung immer wieder im engen Austausch – sowohl mit den Menschen, die selbst Fluchterfahrungen gemacht haben als auch mit vielen ehemaligen Mitgliedern von Jugned Rettet und der Iuventa Crew.
Ich bin zutiefst dankbar, dass so viele von ihnen bereit waren, ihre Geschichten mit uns zu teilen. Und ich glaube wir können uns kaum ausmalen, wie viel Überwindung das mitunter kosten muss. Manche haben Jahre gebraucht, um überhaupt mit ihren engsten Angehörigen oder in einer Therapie über ihre Erlebnisse zu sprechen. Dass sie uns dieses Vertrauen entgegengebracht haben, war alles andere als selbstverständlich. Genau deshalb war uns ein respektvoller Umgang mit ihren Erfahrungen so wichtig.
Mit Markus Goller, Oliver Ziegenbalg und Michele Cinque kam ein sehr besonderes Kreativteam zusammen. Warum war genau diese Konstellation für den Film so wichtig?
Jeder von ihnen brachte seine ganz eigene Stärke mit. Michele Cinque war selbst auf der Iuventa und kennt die Ereignisse somit aus erster Hand. Das Vertrauen der Beteiligten ihm gegenüber und sein tiefes Verständnis für die Komplexität des Themas waren für uns sowohl bei der Entwicklung aber auch bei der Produktion von unschätzbarem Wert.
Oliver Ziegenbalg hat sich mit großer Leidenschaft in die Berichte der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen vertieft und sich sehr offen auf ihre Perspektiven eingelassen. Gleichzeitig hatte er von Anfang an eine klare Vision davon, wie man aus dieser außergewöhnlichen wahren Geschichte einen emotionalen Spielfilm machen kann.
Was ich an Markus neben seiner gefühlvollen Inszenierung besonders schätze, ist seine Art, Menschen zu begegnen. Gerade an einem Filmset, an dem der Druck oft enorm ist, hat er nie zugelassen, dass Respekt oder Wertschätzung verloren gehen. Er hat eine Arbeitsatmosphäre geschaffen, in der jeder das Gefühl hatte, gesehen und ernst genommen zu werden. Ich bin überzeugt, dass man diese Haltung dem Film am Ende auch ansieht. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Der Film rekonstruiert Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer. Was war produktionell die größte Herausforderung: das Schiff, der Wassertank auf Malta oder der Umgang mit der emotionalen Realität der Szenen?
Ich glaube, man kann das gar nicht voneinander trennen. Rein produktionell war der Film unglaublich anspruchsvoll. Wir haben einerseits mit einem echten Schiff auf dem Mittelmeer gedreht und gleichzeitig für die Szenen im riesigen Wassertank auf Malta einen nahezu vollständigen Nachbau der Iuventa gebaut. Dafür bin ich unserem Szenenbildner Christian Goldbeck und seinem Team unglaublich dankbar. Hier wurden große Bauten mit Liebe bis ins letzte Detail erschaffen.
Hinzu kamen die logistischen Herausforderungen: Dreharbeiten auf dem offenen Meer, komplexe Rettungsszenen, Spezialeffekte, Stunts sowie hunderte Komparsinnen und Komparsen. Hier durften wir auf viele großartige erfahrene KollegInnen und Kollegen aus Malta zurückgreifen.
Mit Sascha Girke, dem ehemaligen Head of Mission der Iuventa, und Benedikt Funke, einem ehemaligen Kapitän der Iuventa, hatten wir außerdem zwei Zeitzeugen und absolute SAR-Experten während der gesamten Dreharbeiten an unserer Seite. Sie haben den Film kontinuierlich beraten und begleitet. Das war nicht nur für uns als Produktion von unschätzbarem Wert, sondern auch für unsere Schauspielerinnen und Schauspieler, die jederzeit auf Menschen zurückgreifen konnten, die diese Geschichte selbst erlebt haben.
Mindestens genauso herausfordernd wie die Logistik war aber die Verantwortung, all das mit der nötigen Sensibilität umzusetzen. Es ging nie darum, spektakuläre Bilder zu erzeugen, sondern einer wahren Geschichte und den Menschen dahinter gerecht zu werden. Genau diese Verbindung aus höchster logistischer Präzision und großer menschlicher Verantwortung hat diese Produktion für mich so besonders gemacht.
Viele der Menschen, die Geflüchtete spielen, haben selbst Fluchterfahrungen gemacht. Wie haben Sie am Set dafür gesorgt, dass diese Arbeit verantwortungsvoll und nicht retraumatisierend wird?
Das war für uns von Anfang an einer der wichtigsten Aspekte der gesamten Produktion. Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Barbara Santos vom „Theater der Unterdrückten“ in Berlin und einem Team psychologisch geschulter Vertrauenspersonen rund um Nastaran Tajeri und Joana Kohrs haben wir ein Konzept entwickelt, das auf Empowerment und ein vorbereitendes Coaching setzt. Auch Michele Cinque war hier stark eingebunden und ist nach Matla gereist, um das Casting der DarstellerInnen zu begleiten und die Menschen und ihre jeweiligen Backgrounds kennen zu lernen.
Unser oberstes Ziel war es also, einen geschützten Rahmen zu schaffen, in dem niemand das Gefühl haben musste, etwas spielen oder erzählen zu müssen, was ihn oder sie überfordert. Jede und jeder hatte jederzeit die Möglichkeit, eine Szene zu unterbrechen oder die Dreharbeiten ganz zu verlassen – selbstverständlich ohne finanzielle Nachteile.
Viele der Darstellerinnen und Darsteller, die Geflüchtete verkörpern, haben selbst Fluchterfahrungen – einige sind sogar über die Mittelmeerroute nach Europa gekommen. Es ist ihre Geschichte und wir laden sie ein, dieser im Rahmen des Films eine Sichtbarkeit zu verleihen. Das verändert den Blick auf jede einzelne Szene. mit Geschichten arbeiten, die für viele Beteiligte gelebte Realität sind. Es ist ein Schaffensprozess mit Menschen, die Schreckliches erlebt haben, deren Identität sich aber nicht auf ihr Trauma reduzieren lässt
Ich bin Netflix sehr dankbar, dass sie diesen Ansatz von Anfang an mitgetragen und ihm denselben Stellenwert eingeräumt haben wie wir.
«23 000 Leben» versammelt einen bemerkenswert großen Cast ... War es ungewöhnlich leicht, Schauspielerinnen und Schauspieler für diesen Stoff zu gewinnen?
Viele Schauspielerinnen und Schauspieler haben sehr schnell zugesagt, weil sie die Geschichte unmittelbar berührt hat. Das erlebt man nicht bei jedem Projekt. Man hat gespürt, dass viele das Gefühl hatten, an einem Film mitzuwirken, der gesellschaftlich relevant ist und gleichzeitig eine zutiefst menschliche Geschichte erzählt.
Besonders beeindruckt hat mich aber, wie intensiv sie sich auf das Thema eingelassen haben. Einige sind vor Drehbeginn nach Lampedusa gereist, um dort gemeinsam mit Sea-Watch an einer Rettungsübung teilzunehmen und ein tieferes Verständnis für die Realität auf dem Mittelmeer zu entwickeln.
Und dieses Engagement endete nicht mit dem letzten Drehtag. Viele stehen bis heute in engem Kontakt mit ehemaligen Mitgliedern der Iuventa-Crew. Bei unserer Weltpremiere haben die Schauspielerinnen und Schauspieler gemeinsam mit ihnen ein stilles Zeichen gesetzt und acht Rettungswesten hochgehalten – stellvertretend für die durchschnittlich acht Menschen, die auch heute noch jeden Tag auf dem Mittelmeer sterben oder als vermisst gelten.
Der Film entsteht als lokale Netflix-Produktion, erzählt aber eine europäische und globale Geschichte. Welche Möglichkeiten eröffnet eine Plattform wie Netflix für einen solchen Stoff?
Ich bin Netflix sehr dankbar, dass sie sich dieser Geschichte angenommen haben. Auf den ersten Blick erzählt der Film zwar ein Ereignis, das in Europa spielt. Im Kern geht es aber um etwas Universelles: Menschlichkeit, Mitgefühl, Mut und die Frage, welche Verantwortung wir füreinander tragen. Das sind Themen, die Menschen überall auf der Welt verbinden.
Die Iuventa-Crew wurde nach sieben Jahren juristischer Auseinandersetzung freigesprochen. Wie wichtig war dieses reale Ende für die emotionale Klammer des Films?
Als wir mit der Entwicklung des Films begonnen haben, war das Verfahren noch im Gange. Dass die Anklage schließlich fallen gelassen wurde, ist eine wichtige und überfällige Bestätigung durch eine unabhängige Justiz. Gleichzeitig macht dieses Ende auch nachdenklich. Es zeigt, welchen persönlichen Preis viele der damaligen Crewmitglieder über Jahre gezahlt haben und wie stark sie öffentlich angegriffen und teilweise denunziert wurden, obwohl sie Menschen aus Seenot gerettet haben.
Mich berührt deshalb auch die Gerichtssaalszene am Ende des Films sehr. Sie erzählt für mich weniger von einem juristischen Sieg als von Menschlichkeit. Dort begegnen sich Menschen mit und ohne Fluchterfahrung auf Augenhöhe – und genau das war uns für den gesamten Film wichtig.
Der Film berührt die Frage, wo Recht endet und Gerechtigkeit beginnt. War das für Sie eines der zentralen Themen der Geschichte?
Mich hat an der Geschichte immer berührt, dass niemand losgezogen ist, um ein politisches Statement zu setzen. Diese jungen Menschen wollten zunächst einfach verhindern, dass andere Menschen ertrinken. Dass daraus plötzlich Fragen nach Recht, Gerechtigkeit und staatlicher Verantwortung entstehen, macht mich bis heute nachdenklich.
In Zeiten, in denen Seenotrettung politisch stark umkämpft ist, dürfte der Film auch Widerspruch auslösen. Haben Sie diese Reaktionen bei der Produktion mitgedacht?
Natürlich sind wir davon ausgegangen, dass der Film Diskussionen auslösen wird. Das gehört zu einem Stoff wie diesem dazu. Und wir haben auch nie geglaubt, dass unser Spielfilm einfache Antworten auf ein so komplexes Thema geben kann. Ich hoffe aber, dass wir bei allen politischen oder auch künstlerischen Unterschieden einen gemeinsamen Nenner finden können: Dass kein Mensch einfach im Meer ertrinken darf.
Dass ich dieses Interview führen darf, bestätigt ja, dass der Film einen ersten Dialog angestoßen hat. Und genau darin sehe ich die Chance von «23 000 Leben»: In einer Zeit, in der unsere Gesellschaft zunehmend polarisiert ist, können Filme Räume schaffen, in denen Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen – nicht über Schlagzeilen oder Ideologien, sondern über Menschen.
Am Ende ist «23 000 Leben» für mich deshalb auch ein allgemeiner Appell zur Menschlichkeit und die Frage, wo man selbst Verantwortung übernehmen und im eigenen Umfeld etwas bewirken kann. Denn das ist auch klar: Nicht jeder muss ein Schiff kaufen, um die Welt ein kleines Stück besser zu machen.
Danke für Ihren Einsatz!
«23 000» Leben ist ab Freitag, 17. Juli, bei Netflix abrufbar.







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