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Hansi Flick blamiert sich gleich mehrfach

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Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ist aus medienpolitischer Sicht eine Katastrophe. Die Nationalmannschaft konnte ebenfalls nicht überzeugen.

Der Weltfußballverband mit ihrem Vorsitzenden Gianni Infantino und das Gastgeberland Katar mitsamt des Emir Scheich Tamin bin Hamad Al Thani führen die Weltöffentlichkeit seit Tagen vor. Da wäre beispielsweise das kurzfristige Verbot von Alkohol in und um die Spielstätten. Der Sponsor Budweiser war natürlich enttäuscht, doch zog aus dieser Entscheidung keine Konsequenzen.

Beim Eröffnungsspiel, bei dem am Sonntag Katar gegen Ecuador mit 0:2 verlor, verließen zahlreiche Zuschauer vorzeitig das Stadion. Das erinnert an die «Simpsons»-Folge „Homer und der Revolver“ (Staffel 9, Folge 5) aus dem Jahr 1997. Damals wurde ein Fußballspiel zwischen Mexiko und Portugal ausgetragen. Die Stadt hat sich auf dieses Event gefreut, doch bereits nach wenigen Momenten langweilten sich die gelben Besucher. In Springfield brach eine Massenschlägerei aus, in Katar gingen die Einwohner wenigstens nur zum Auto. Ein Treppenwitz ist dies dennoch.

Das Interesse ist auch in Deutschland verschwindend gering. Bei der Fußball-Europameisterschaft 2020, die mit einem Jahr Verspätung ausgetragen wurde, schwanden schon zahlreiche Sportfans. Eineinviertel Jahre später sind die Werte zwar noch außerordentlich hoch, aber unverhältnismäßig schlecht. 6,21 Millionen Deutsche verfolgten das Eröffnungsspiel, das vorwiegend in den heimischen Gefilden verfolgt wurde. Public-Viewing, Sommerurlaub und Badesee laufen dem Fernsehen aktuell nicht den Rang ab, die Deutschen haben ihren Boykott wahr gemacht. Die Reichweiten sind enttäuschend. Zum Vergleich: «Brisant» holte gegen das Eröffnungsspiel ein Fünftel der Reichweite.

Bereits am Dienstag kam das ZDF etwas unter die Räder: Klar, die Partie zwischen den Vereinigten Staaten und Wales lief mit 4,35 Millionen Zuschauern prima. Aber das Das Erste mit einer Wiederholung von «Donna Leon» auf 4,41 Millionen Zuschauer kam, ist eine klare Aussage. Einen Tag später schlug die blaue Eins mit «Die Kanzlei» (5,05 Millionen) das Match Frankreich gegen Australien (4,96 Millionen).

Nur 9,23 Millionen Fernsehzuschauer ab drei Jahren sahen die Partie zwischen Deutschland und Japan. Der Auftritt von Hansi Flicks Team erreichte immerhin 59,7 Prozent Marktanteil. Auch die Sehbeteiligung von 2,30 Millionen 14- bis 49-Jährigen ist super, aber Experten hatten mit deutlich höheren Reichweiten gerechnet. Hinzu kommt, dass ein Sieg gegen die Japaner eigentlich obligatorisch sein müsste.

Am Sonntag muss Deutschland gegen Spanien liefern. Doch aufgrund der schwachen Leistung kann, trotz Wochenende, mit rückläufigen Reichweiten gerechnet werden. Auch die Diskussion um die One Love-Binde hat eine Teilschuld an dem geringen Interesse. FC Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß sagte bei «RTL Direkt», dass die FIFA die Kapitänsbinde bestimme. Dass man dann einknicke, weil man mehr als Geldstrafen zu erwarten habe, sei schwach.

Steffen Simon, der vom WDR zum Deutschen Fußball-Bund wechselte, sei von der FIFA zwar „massiv enttäuscht“ und „bedroht“ worden. Doch der ehemalige Fußballkommentator hatte auch keine Worte finden können, warum die Mannschaft kein Rückgrat gezeigt hat. In den sozialen Medien wurde gespottet, dass man eben ohne dieses kein Fußball spielen könne.

Ohnehin ist die Aktion der deutschen Mannschaft verpufft. Für das offizielle Team-Foto des Matches haben sich die Spieler demonstrativ den Mund zugehalten. Das Bild war allerdings eine Momentaufnahme und wird ins Nirvana verschwinden. Oder wurde bereits jemals über das Team-Foto einer Fußballmannschaft gesprochen? Wäre die Menschenrechtslage in Katar nicht so traurig, dann wäre die Situation wirklich zynisch.

Wie will Nationalspieler Thomas Müller, nachdem er bei vier Weltmeister- und drei Europameisterschaften dabei war, glaubhaft machen, dass mit der Teilnahme in Katar ein Traum erfüllt wird? Joshua Kimmich wolle sich „einfach auf die WM freuen“ - wie er das seinen homosexuellen und queeren Fans vermitteln will, steht in den Sternen. Vermutlich wird seine Aussage ähnlich sinnhaft ausfallen, wie damals, als er sich gegen die Corona-Impfung aussprach.

Es fehlen bei dieser Weltmeisterschaft richtige Typen, die die Wahrheit aussprechen. Per Mertesacker sagte vor acht Jahren, dass er keine schöne Schau bei einem Spiel abliefern müsse, sondern einen Titel gewonnen wolle. Das Eistonnen-Interview ist genauso legendär, wie der Sieg der Mannschaft. Das Wegschauen des deutschen Teams unter Manuel Neuer wird genauso wie das spielerische Debakel im Kopf bleiben – und die Zuschauer werden weiterhin abschalten.

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