Stab
Darsteller: Oriana Schrage, Mark Waschke, Yahli Yogev, Adam Lukas, Samuel Finzi, Inge MauxMusik: Can Erdogan-Sus und Beat Soler
Kamera: Omri Aloni
Drehbuch: Momme Peters und Ester Amrami
Regie: Ester Amrami
Ester Amramis Fernsehfilm «Doitscha – Alles geht vorüber» erzählt von einer Frau, die all diese Erwartungen kennt und zunehmend weniger Lust verspürt, sie zu erfüllen. Das ist zunächst ein ausgesprochen guter Ausgangspunkt für eine Tragikomödie. Nur möchte der Film gelegentlich so viel über die deutsche Gegenwart erzählen, dass seine Figuren darunter etwas zu kurz kommen.
Adriana Alkalaj (Oriana Schrage) leitet ein jüdisches Theater in Köln, ist mit dem Nichtjuden Georg (Mark Waschke) verheiratet und Mutter zweier Söhne. Nach einem aufsehenerregenden Talkshow-Auftritt soll sie eine Rede zum Gedenken an die nationalsozialistischen Novemberpogrome halten. Während sie nach angemessenen Worten sucht, gerät ihre Familie zunehmend aus dem Gleichgewicht. Der ältere Sohn David (Yahli Yogev) entdeckt seine jüdische Identität zunehmend als Gegenentwurf zum deutschen Vater und denkt über eine Zukunft in Israel nach. Der jüngere Sammy (Adam Lukas) wird in der Schule antisemitisch angefeindet, verschweigt seine Erfahrungen jedoch zunächst. Und Georg muss feststellen, dass seine Vorstellung einer liberalen, selbstverständlich funktionierenden Familie weniger belastbar ist, als er bislang angenommen hat.
Die Geschichte basiert auf Adriana Altaras’ Roman „Doitscha“ von 2015, wird aber ausdrücklich in der gesellschaftlichen Realität nach dem 7. Oktober 2023 verortet. Der Film handelt damit nicht einfach von kulturellen Missverständnissen innerhalb einer deutsch-jüdischen Familie, sondern von der Frage, wie politische Ereignisse familiäre Gewissheiten verändern. Plötzlich wird aus einer scheinbar selbstverständlichen Zugehörigkeit etwas, das erklärt, verteidigt oder neu ausgehandelt werden muss.
Amrami und ihr Co-Autor Momme Peters besitzen ein gutes Gespür für die Absurditäten dieser Situation. Besonders gelingen ihnen jene Momente, in denen gesellschaftliche Erwartungen nicht als große politische Konflikte auftreten, sondern als beiläufige Zumutungen, etwa wenn Adriana in einer Talkshow mit Vorstellungen von jüdischer Identität konfrontiert wird, die mehr über die Unwissenheit ihrer Gesprächspartner verraten als über sie selbst. Der Humor entsteht hier aus der präzisen Beobachtung eines Milieus, das sich seiner Aufgeschlossenheit sehr sicher ist und gerade deshalb seine eigenen Vorurteile kaum bemerkt.
Oriana Schrage trägt den Film dabei mit einer Mischung aus Schlagfertigkeit, Erschöpfung und kontrollierter Ungeduld. Ihre Adriana ist keine geduldige Erklärerin jüdischen Lebens, sondern eine Frau, die gelegentlich selbst nicht weiß, wie sie den unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden soll. Das macht sie interessant. Auch Mark Waschke überzeugt als Georg, dessen liberale Haltung durchaus aufrichtig ist, der aber nur schwer akzeptieren kann, dass seine Kinder andere Erfahrungen von Zugehörigkeit machen als er selbst. Besonders die Auseinandersetzungen mit David besitzen eine Glaubwürdigkeit, die über ihre politischen Inhalte hinausreicht: Hier streiten nicht nur unterschiedliche Weltbilder, sondern ein Vater und ein Sohn, die einander zunehmend als Gegner behandeln.
Allerdings zeigt sich gerade an diesen Konflikten auch die Schwäche des Films. Auf knapp neunzig Minuten verteilt, müssen Antisemitismus, Erinnerungskultur, israelische Politik, familiäre Entfremdung, religiöse Identität und kulturelle Selbstbestimmung verhandelt werden. Das ist viel Stoff für eine Geschichte, die zugleich leichtfüßig und persönlich bleiben möchte. Manche Szene wirkt deshalb weniger wie ein zufälliger Ausschnitt aus dem Familienalltag als wie die sorgfältig vorbereitete Illustration eines gesellschaftlichen Problems. Die Figuren sprechen dann nicht nur miteinander, sondern gewissermaßen stellvertretend für unterschiedliche Positionen.
Besonders bedauerlich ist das dort, wo der Film eigentlich die Möglichkeit hätte, Widersprüche stehen zu lassen. Davids Hinwendung zu Israel etwa enthält neben politischen Überzeugungen auch jugendliche Selbstbehauptung und das Bedürfnis, sich vom Vater abzugrenzen. Diese Ebenen werden durchaus sichtbar, doch die Dramaturgie neigt dazu, sie recht schnell in einen verständlichen Konflikt zu übersetzen. Auch Sammys Erfahrungen hätten mehr Raum verdient. Seine Verletzlichkeit besitzt eine stille Eindringlichkeit, die der Film nicht immer lange genug aushält. Denn eine Familie ist kein gesellschaftliches Diskussionsforum, und ihre Mitglieder müssen nicht stellvertretend für die Welt zu einer gemeinsamen Haltung finden, um einander trotzdem lieben zu können. Vielleicht ist das – ein bisschen wider Willen – die wichtigste Erkenntnis dieses Films. Der Film «Doitscha – Alles geht vorüber» wird am Mittwoch, den 4. November um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.







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