Die Kino-Kritiker

«Malcolm & Marie» – Wenn zwei sich streiten, freut sich kein Dritter

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Die junge Netflix-Produktion kommt nicht an Werke wie «Wer hat Angst vor Virginia Woolf» (1966) oder «Szenen einer Ehe» (1974) heran.

Im ersten Corona-jahr 2020 gab es nach dem ersten Lockdown eigentlich nur einen richtigen Blockbuster, und der hieß «Tenet». In Christopher Nolans Science-Fiction-Thriller durfte sich John David Washington erstmals als Actionheld unter Beweis stellen, nachdem er zuvor schon in Spike Lees «BlacKkKlansman» brillieren durfte. Damit trat der 35-Jährige endgültig in die Fußstapfen seines weltwebrühmten Vaters Denzel Washington, der zuletzt als «The Equalizer» die Kinokassen füllen konnte.

Sohn John David wollte ursprünglich Football-Player werden, entschied sich dann aber für die Schauspielerei. Nach Abschluss der Dreharbeiten zu «Tenet» ließ sich John David Washington mitten im ersten Lockdown zu einem Schnellschuss überreden. Denn Regisseur Sam Levinson wollte sich nicht damit abfinden, wegen Corona mit dem Fortlauf seiner Serie «Euphoria» in die Zwangspause geschickt zu werden. Also entwickelte er für seine «Euphoria»-Hauptdarstellerin Zendaya («Spider-Man: Far From Home») schnell einen Filmstoff, der ohne großen Aufwand und unter strengen Pandemie-Sicherheitsbestimmungen umgesetzt werden konnte. Dafür brauchte er nur noch einen namenhaften Hauptdarsteller und fand John David Washington. Herausgekommen ist die Netflix-Produktion «Malcolm & Marie» – ein Zweipersonenstück, in dem es zwischen einem Ehepaar zum Streit kommt, der ihre Beziehung auf den Prüfstand stellt.

Zwischen Euphorie und Eklat
Nach der Premiere seines neuen Films kommt Malcolm (John David Washington) völlig euphorisiert nach Hause. Er ist überzeugt, mit seinem Drogendrama sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik punkten zu können. Seine Freundin Marie (Zendaya), die ihn begleitet hatte, scheint seine Begeisterung aber nicht zu teilen. Ihr Blick bleibt stoisch, ihr Mund geschlossen. Bis es aus ihr herausschießt, wie unmöglich sich Malcolm auf der Premiere benommen hat.

Er habe sich noch nicht mal bei ihr bedankt, obwohl sie doch die Inspirationsquelle für seinen Film war. Malcolm sieht das anders, verheddert sich in Erklärungsversuchen, und schon ist er da: Ein handfester Streit! Beide provozieren sich immer wieder, dann nähern sie sich wieder an, weil sie doch eigentlich glauben, füreinander bestimmt zu sein. Aber dann folgt wieder ein falsches Wort dem nächsten. Längst geht es nicht mehr um den Film, sondern um die Zukunft ihrer Liebe. Bald ist der Graben zwischen ihnen so groß, dass alles auf der Kippe steht.

Es geschah in einer Nacht
Im Grunde genommen ist nichts dagegen zu sagen, wenn ein Film dermaßen reduziert ist, dass er zeitlich, räumlich und personell eine Übersicht schafft, die es Zuschauern leicht macht, sich sofort hineinbegeben zu können. Meisterwerke wie Alfred Hitchcocks «Cocktail für eine Leiche» (1948) oder Louis Malles «Mein Essen mit André» (1981) sind nach diesem Konzept entstanden. Die erste Voraussetzung ist natürlich, von charismatischen Darstellern in das Geschehen hineingezogen zu werden.

Das ist mit John David Washington und Zendaya zunächst gegeben. Die zweite Voraussetzung ist allerdings, dass die Konflikte, die verhandelt werden, ergreifend genug sind, dass sich damit eine Spannung aufbauen lässt. Genau an diesem Punkt scheitert «Malcolm & Marie». Im Grunde genommen bekommt man nicht mehr als ein belangloses Beziehungsdrama vorgesetzt, dass ganz weit entfernt ist von ähnlich gelagerten und inzwischen zu Klassikern gewordenen Filmen wie «Wer hat Angst vor Virginia Woolf» (1966) oder «Szenen einer Ehe» (1974).



Ein ewiges Auf und Ab
Es reicht nun mal nicht, wenn sich Männlein und Weiblein zuerst in Ekstase streiten, dann im Versöhnungsrausch versinken, um dann sogleich in die nächste Auseinandersetzung zu schlittern. Ein ewiges Auf und Ab, das letztendlich zu nichts führt und den Zuschauer mit einem Achselzucken zurücklässt. Na und? Streiten und Versöhnen gehört zum Leben, erst recht in einer Beziehung.

Aber um mehr geht es hier leider nicht. Keine existentiellen Fragen, keine tiefgreifenden Erkenntnisse. Das ist mehr als dürftig, sieht aber stylisch aus. Denn Sam Levinson drehte sein Kammspiel in einem schicken Apartment und in Schwarzweiß. Künstlich aufgepeppt, emotional jedoch leer und langweilig.

Fazit: Ein in Schwarzweiß gedrehtes Kammerspiel, in der sich ein Paar immer wieder kabbelt. Für alle, die andere gern beim Streiten zusehen. Auf die Dauer ist das jedoch sehr ermüdend.

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