Hingeschaut

Dietmar Hopp als Heilsbringer und Hassfigur

von

Gelungene ZDF-Reportage rund um den Hoffenheimer Fußball-Milliardär.

Im Vorfeld dieser ZDF-Reportage wurde mehr über Jochen Breyer, einen der Autoren, diskutiert als über die Person, um die es eigentlich geht: «Der Prozess: Wie Dietmar Hopp zur Hassfigur der Ultras wurde» heißt die Doku, die diesen Samstagabend anstelle des «Sportstudios» zu sehen war. Über den Mann, ohne den die TSG Hoffenheim wohl maximal in der Verbandsliga spielen würde.

Seit die Kraichgauer 2008 in die Bundesliga aufstiegen, muss sich ihr Mäzen, der SAP-Milliardär Hopp, in fast allen gegnerischen Stadien beleidigen lassen – und oft auch im eigenen. Was letzte Saison zu der skurrilen Situation führte, dass die Hoffenheimer und die Spieler des FC Bayern München einfach das Kicken einstellten. Weil Hopp zu der ganzen Situation nichts sagen wollte (und bis heute Interviews verweigert), spielte das ZDF im Sportstudio ein Videostatement von Hopp ein. Moderator an diesem Abend war ausgerechnet Breyer, der zuvor in seinem Nebenjob als Freiberufler durch den Neujahrsempfang der TSG Hoffenheim führte.

So entsteht Misstrauen, erweckt das Zweifeln an der Neutralität. Und daher war Fernsehfußballdeutschland gespannt auf die nicht ganz 45 Minuten über Hopp als Hassfigur der Ultras. Das sind die beinharten Fans, die auswärts lieber nach Kaiserslautern anstelle nach Hoffenheim fahren möchten, die Braunschweig statt Wolfsburg, Dresden statt Leipzig und Essen statt Leverkusen in der Bundesliga spielen sehen würden.

Das Fazit vorab: Jochen Breyer und Jürn Kruse haben ihre Sache gut gemacht. Unstreitig ist, dass "Hurensohn" eine Beleidigung ist und Hopp als Mehrheitseigner der TSG Hoffenheim sich das nicht gefallen lassen muss; dass die Wortwahl schlicht nirgendwo etwas verloren hat, nicht in Stadien, nirgends. Aber der Film arbeitet auch heraus, dass Fußball dann vom Lebensgefühl zum Kommerz wird, zum reinen Geldgeschäft, wenn ein Milliardär einem Dorfverein ein Ticket für die Bundesliga bezahlt. Ein Ticket, das sich andere auf tiefen Böden erackern mussten und mit Spielern, die nebenbei noch in der Kohlegrube arbeiteten.

Und dass es eben Herzschmerzen bereitet bei denjenigen, die das verurteilen. Die Protestler wurden erst erhört, der Einspruch zum Thema, als sie Grenzen überschritten mit Worten wie "Hurensohn" oder dem Milliardär im Fadenkreuz. Hopp hätte es einfach akzeptieren müssen. Hinnehmen – und sich nicht wehren durch Anzeigen oder mit Tonaufnahmen im eigenen Stadion, um die Gesänge der gegnerischen Fans festzuhalten. Dann wäre "die Sache längst durch", heißt es in der Doku.

Reinhard Grindels Zugeständnis als DFB-Präsident, es würde keine Kollektivstrafen geben für Schmährufe und ähnliches, gingen ins Leere, als Borussia Dortmund später ein Heimspiel vor leeren Rängen austragen musste. "Wir wünschen allen ein frohes Fest - und Dir Dein letztes!" – das konnte man Ende 2019 beim Gastspiel der Dortmunder in Hoffenheim lesen. Adressat? Na, wer wohl!?

Dr. Rainer Koch als heute noch DFB-Vizepräsident soll Filmaufnahmen von verdeckten Ermittlern in den Fanblocks gefordert haben. Der interne Streit des Verbandes beziehungsweise zwischen seinem Führungsduo darf durchaus als ursächlich für die an sich freilich traurige Entwicklung gewertet werden. Auch das arbeitet die Doku sauber heraus.

Interessant natürlich die Fragen, was denn gewesen wäre Ende Februar 2020, wenn der FC Bayern München nicht mit 6:0 geführt hätte in Hoffenheim. Ob sich auch dann die Gäste verbündet hätten mit dem Entsetzen der Hausherren und sich locker die letzten Minuten den Ball hin und her gespielt hätten? An einem Tag, an dem die Aktion der Münchner Ultras anscheinend im Vorfeld allen Beteiligten bekannt war. Also eine Inszenierung? Ein Schauspiel?

Und was wäre, wenn Dietmar Hopp dem SV Waldhof Mannheim seine vielen Millionen gegeben und dem Traditionsverein ein Stadion für 70.000 Fans gebaut hätte, wenn Mannheim dadurch nun schon mehrfach Deutscher Meister geworden wäre? Wenn er den 1. FC Kaiserslautern gerade vor dem Absturz in die Viertklassigkeit bewahren oder die Kickers Offenbach in den internationalen Fußball führen würde? Nur "Sohn einer Mutter" würde man ihn sicherlich längst nicht mehr nennen.

Dietmar Hopp als "den letzten richtigen Fußballfan zu bezeichnen", wie es sein Anwalt Volker Schickhardt in dem Film tut, hilft natürlich nicht bei der Suche nach eh nicht zu findenden Lösungen des Abneigungs-Problems. Echte Antworten, und auch das muss man so sagen dürfen, konnte der Film am späten Samstagabend auf das alles auch nicht geben. Es prallen eben Welten aufeinander: Reiche Geschäftsleute in den VIP-Logen auf Bratwurt- und Bier-Fans auf den Stehrängen. Mäzene mit Rechtsanwälten in der Hinterhand auf Normalos mit Bengalos.


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