Interview

Andreas Kiendl: ‚Neue Mittel bieten ungeheure Vorteile‘

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Der Schauspieler ist ab Freitag bei «SOKO Wien» zu sehen. Im Gespräch mit Quotenmeter erzählt Kiedl, wie sich die Dreharbeiten in den vergangenen Jahren – unter anderem durch die Digitalisierung – verändert haben.

Sehr geehrter Herr Kiendl, Sie folgen auf Michael Steinocher bei «SOKO Wien». Eine große Aufgabe, die Sie übernehmen?
Natürlich. Allein das Volumen ist mächtig, ich hatte schon über 100 überaus umfangreiche Drehtage bei der «SOKO Wien» als "Klaus Lechner" und da hat man als Schauspieler mit ganz anderen Problematiken zu tun, als wenn man zum Beispiel einen Gastauftritt irgendwo macht, oder auch eine Kino-Hauptrolle in acht Drehtagen raushauen muss. Es macht auf jeden Fall nach wie vor Spaß, ich kannte die konditionellen Herausforderungen ja auch schon von der «SOKO Kitzbühel». Davon abgesehen ist die «SOKO Wien» ein wirklich erfolgreiches Format und es ist für mich schön, Teil davon zu sein.

Sie waren vor knapp 15 Jahren schon bei «SOKO Kitzbühel» an Bord, folgen nun in der Schwesterserie. Welche Unterschiede stellen Sie bei beiden Produktionen fest?
Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Geschichten. Das ist ja das tolle an der «SOKO»-Familie. Abgesehen von der personellen Frage war aber natürlich auch die Aufgabenstellung anders. In Kitzbühel war der Humor auf Seiten von Hannes und der Gräfin und wir Kommissare mussten recht trocken agieren, bei der «SOKO Wien» erstreckt sich der "Schmäh" auf alle Figuren des Ensembles und das in einer urbaneren und hoffentlich auch zeitgemäßen Art und Weise. Auch ich und somit meine Figur sind zehn Jahre älter, das alles sind Dinge, die sich verändert haben.

In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten hat sich die Arbeit vor und hinter der Kamera verändert. Haben Sie die gleiche Erfahrung mitgemacht?
Na hallo! Ich habe meinen ersten Kinofilm analog auf 35mm ohne Videoausspiegelung gedreht. Das heißt: nur der Kameramann hat das Bild gesehen und Regie und alle anderen mussten darauf vertrauen, dass alles gut war. Eine herrliche Zeit, finde ich. Mittlerweile wird eigentlich kaum mehr geprobt und viel Halbgares abgefilmt, weil es nichts kostet. Wir Schauspieler müssen zigfache Pensen abliefern und das geht schon oft zulasten der Qualität. Andererseits bieten die neuen Mittel natürlich ungeheure Vorteile, man kann wesentlich schneller und flexibler agieren. Insgesamt bin ich aber schon froh, dass ich die analoge Zeit noch erlebt habe.

Sie gehörten zum Ensemble von «Bier Royal», das vor einiger Zeit im Ersten lief. Der Titel war eine Anspielung auf «Kir Royal». Vermissen Sie solche Formate von der Münchner Schickeria?
Nein. Die Münchner Schickeria ist mir wurscht (die Wiener übrigens auch). Das abgründige bayrische Fernsehspiel finde ich aber schon interessant. Da gibt es ja nach wie vor tolle Produktionen und KollegInnen.

Die Kult-Formate der früheren Zeit bestanden aus wenigen Episoden, die «SOKO»-Serien sind dagegen mit hunderten Episoden vertreten. Sorgt man sich, dass die Serien irgendwann qualitativ abflachen?
Natürlich, das ist die Hauptsorge, vor allem, wenn die Ressourcen immer knapper und die Konkurrenz immer präsenter werden. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, aber man muss so eine Serie als Hauptdarsteller schon verdammt ernst nehmen, wenn sich das Produkt aus der Dutzendware hervorheben soll. Ich bin arrogant genug zu behaupten, dass uns das bei der «SOKO Wien» ganz gut gelingt, Dank des großartigen Einsatzes von Regie, Team, Produktionsfirma und uns DarstellerInnen.

Bevor Sie an die Schauspielschule gingen, studierten sie sechs Semester Chemie. Das hört sich nicht an, als wollten Sie mit dem Studium die Einschreibezeit überbrücken?
Nein, Schauspiel war für mich immer Lust und Hobby. Meine Herkunft und mein Verständnis als Jugendlicher lagen fernab des sogenannten "Kulturbetriebs". Ich belegte in der Schule einen naturwissenschaftlichen Zweig, die Chemie hatte es mir immer schon angetan. Als ich an der Technischen Uni in Graz studierte, habe ich aber erstens erkannt, dass ich bestenfalls ein durchschnittlicher Student bin und außerdem nebenbei als Beleuchter, Musiker und auch als Schauspieler bei einer tollen Off-Theater-Gruppe in Graz mitgearbeitet. Das war Zufall und Glück. Letztlich war der Wechsel zur Schauspielerei bei mir eine Entscheidung für einen Lebensstil. Das Unstete, immer wieder Neue liegt mir anscheinend. Der Rest kam im Laufe der Zeit zustande.

Für die Produktionsarbeiten pendeln Sie zwischen Graz und Wien – wie ist das Leben auf der Straße?
Ich bin wirklich viel im Auto unterwegs und ich mag diese Zeit ehrlich gesagt sehr, weil es zwischen Job und Familie oft die einzigen Phasen der Einsamkeit sind. Ich bin ganz gern allein.

Wie überbrücken Sie die Fahrten? Hören Sie Podcasts oder sind Sie beim klassischen Radio geblieben?
Ich bin ein Dinosaurier, auf vielen Ebenen. Mit Ö1, dem hervorragenden, anspruchsvollen und vielschichtigen Radioprogramm meiner Wahl wird mir auf der Autobahn eigentlich nie fad.

Die Corona-Pandemie überschattet ja die Dreharbeiten von «SOKO Wien». Können Sie uns von den Corona-Maßnahmen am Set erzählen?
Testen, testen, testen. Ich werde seit Anfang August 2020 zwei Mal wöchentlich PCR-getestet und finde das gut. Das Team leidet unter den Masken während der langen Drehtage. Catering ist schwierig, die Flexibilität insgesamt extrem eingeschränkt. Aber am ärgerlichsten sind die inhaltlichen Einschränkungen. Gäste aus dem Ausland, Motive, Szenen mit vielen Komparsen oder in engen Räumen - das alles stellt die Produktion vor große Herausforderungen. Ich bin wirklich stolz darauf, dass wir von August letzten Jahres bis jetzt eine ganze Staffel (16 Folgen) trotz Corona ohne einen einzigen positiven Fall im Team drehen konnten. Das spricht sehr für die Disziplin und den Einsatz aller KollegInnen - vielen Dank an dieser Stelle. Wird wieder super, wenn wir "normal" arbeiten können.

Während der ORF kräftig bei Krimis mitmischt, gibt es wenige Formate aus dem übrigen Österreich. Was für Themen sind Ihrer Meinung nach erzählenswert?
Das ist eine interessante Wahrnehmung. Krimi ist im deutschsprachigen Raum ja seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner. Ich frage mich immer wieder, warum. Das österreichische Format "Landkrimi" bedient genau das, schafft aber durch eine starke Regionalität Raum für unterschiedlichste Erzählarten und Sujets. Das finde ich gut. Abgesehen davon würde ich mir natürlich eine viel größere Präsenz von relevanten, unterhaltsamen Formaten, jenseits von Folklore und Kitsch, im fiktionalen Bereich wünschen. An Themen mangelt es meiner Meinung nach nicht, auch nicht an Kreativen. Publikumslieblinge können nur entstehen, wenn man ihnen ein Forum bietet. Das hat nichts mit Budgets zu tun, sondern mit einer guten Verbindung zwischen Entscheidungsträgern, Kreativen und dem Publikum.

Herzlichen Dank!

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