Die Kritiker

«Deutscher»

von   |  2 Kommentare

Tür an Tür mit Rechten: In «Deutscher» wird eine AfD-ähnliche Partei an die Macht gewählt, was tiefe Gräben durch eine gutbürgerliche Nachbarschaft reißt. Über eine extrem gut beobachtete und wunderbar zynismusfreie Serie.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Milena Dreißig als Ulrike Pielcke
Thorsten Merten als Frank Pielcke
Johannes Geller als Marvin Pielcke
Meike Droste als Eva Schneider
Felix Knopp als Christoph Schneider
Paul Sundheim als David Schneider
Lara Aylin Winkler als Cansu Oktay

Hinter der Kamera:
Produktion: Bantry Bay Productions und ZDF - Das kleine Fernsehspiel
Drehbuch: Stefan Rogall
Regie: Simon Ostermann und Sophie Linnenbaum
Kamera: Tom Holzhauser und Claire Jahn
Produzenten: Lasse Scharpen und Gerda Müller
Zwei Häuser Seite an Seite, ein rotes und ein blaues, in einer Mittelschichtssiedlung irgendwo in Mittelschichtsdeutschland, und in ihnen wohnen zwei Mittelschichtsfamilien, die so unterschiedlich gar nicht sind. Links die Schneiders, bestehend aus einer angestellten Apothekerin, einem Gesamtschullehrer und einem post-pubertären Sohn; und rechts die Pielckes: ein selbstständiger Klempner und seine Ehefrau, die die Buchhaltung des kleinen Familienunternehmens abwickelt, samt Sprössling im selben Alter wie der Nachbarsjunge, mit dem er Garten an Garten aufgewachsen ist.

Doch als der politische Damm bricht und bei der Bundestagswahl eine der AfD nachempfundene, neofaschistische, deutschtümelnde, ausländerfeindliche Partei an die Macht kommt, die „Sümpfe trocken legen“ und die Interessen der „echten Deutschen“ vertreten will, jubeln die einen, während die anderen in eine Schockstarre verfallen. Wer nun angesichts des milieutypischen deutschen Wählerverhaltens darauf setzt, dass Klempner und Gattin sich nun freuen, weil „eine neue Regierung endlich die richtigen Probleme des Landes anpacken wird“, während die Apothekerin und der Lehrer es nicht fassen können, hat richtig geraten.

Damit die Milieuzuordnungen nicht zu Klischees degenerieren, lässt sich «Deutscher» bei der genaueren Beschreibung seiner Hauptfiguren – und der Ausdifferenzierung seiner ethnisch, weltanschaulich und politisch diversen Nebencharaktere – auf einen umso größeren Facettenreichtum ein. Denn die AfD-wählenden Nachbarn sind Rechte, aber keine Nazis, sie sind Alltagsrassisten, aber keine Holocaustleugner, sie sind antiliberal, aber nicht faschistisch. Hinsichtlich der Gefährlichkeit dieser Anschauungen für die Aufrechterhaltung einer liberalen, pluralistischen, geschweige denn progressiven Republik mag diese Differenzierung trivial bis unnötig sein – doch zur psychologischen Betrachtung und zur Beschreibung des Wertekanons dieser Figuren ist sie von großer Bedeutung.

Doch Menschen sind nicht nur Wähler, und ihre Identitäten sind weit vielfältiger als ihr Platz auf dem politischen Spektrum und ihre Einstellung zu den Shibboleths unserer Gesellschaft: Nun sag, wie hältst du’s mit der ethnischen Heterogenität des Deutschseins, mit der Ausdifferenzierung der Lebensentwürfe, mit der Vielfalt der deutschen Sprachen, Kulturen, Wirklichkeiten und Essgewohnheiten?

Was ändert sich nun im Nachbarschaftsverhältnis der Schneiders und Pielckes nach der Neuordnung der politischen Verhältnisse? Zuerst: nicht viel. Denn diese Miniserie hat verstanden, dass sich auch ein politisches Erdbeben und eine massive Revision des gesellschaftlichen Konsenses nicht von einem Tag auf den anderen im gelebten Alltag der meisten Deutschen fortsetzen. Die Progressiven und die Neurechten werden etwas muffeliger miteinander, aber natürlich trottet Frank Pielcke nach Feierabend noch nach nebenan, um auf gute Nachbarschaft die Abflüsse der Schneiders durchzuspülen.

Die erste Konsequenz, die im Leben der Pielckes und Schneiders spürbar wird, ist dann auch nicht durch konkretes politisches Handeln der neuen, rechtsextremen Bundesregierung bedingt, sondern durch einen Dammbruch in den gesellschaftlichen Verhältnissen, der sich zuerst an denen entlädt, die schon in unserer pluralistischen Demokratie Diskriminierung ausgesetzt sein können: Dem Kollegen von Eva Schneider, in Deutschland geboren, aber mit nicht-europäischen Vorfahren, wird in der Apotheke erst von einer reaktionären, aber süffisant-freundlichen alten Kundin das Deutschsein abgesprochen, bevor ihn die von Gewinnsucht getriebene Chefin nach seiner verständlicherweise geringen Freundlichkeit alsbald durch einen migrationsfreien Deutschen austauscht. Und bei einem Bagatellunfall mit Rechtsradikalen fühlen die sich durch das neue politische Klima ermutigt, ihn in die Klinik zu prügeln: Zustände, von denen auch die Pielckes von nebenan schockiert sind – auch wenn Eva Schneider auf der gemütlichen Gartenparty bald einen dieser Peiniger wiederfindet.

Die rechten Pielckes müssen daraufhin das tun, was den meisten AfD-Sympathisanten in ihrer heute nicht mehrheitsfähigen Rolle erspart bleibt: Farbe bekennen, zeigen, wo sie stehen, auf der Seite der menschenfeindlichen Neonazis und Neofaschisten, oder doch noch irgendwie in einer pluralistischen Demokratie.

Doch das ist nur eine von vielen erzählerischen Ebenen, in denen «Deutscher» niemals didaktisch und immer mit einer erstaunlichen Sympathie für seine Figuren sein Gedankenexperiment entfaltet: Bald brennen auch im bis dahin gutbürgerlichen Deutschland die türkischen Burgerläden, die neuen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse schlagen sich erst langsam, dann umso drastischer auf die Beziehung des Schneider’schen Sohns zu seiner Freundin namens Cansu Otkay durch, und auch der engagierte, gebildete, und politisch klar progressive Gesamtschullehrer muss bittere menschliche Erfahrungen machen, als eine Kollegin in die Resignation abdriftet, mit der er auf Basis eines gemeinsamen Wertekanons bis dato Seite an Seite stand.

Was bleibt, sind die wechselseitigen Abhängigkeiten: Die Schneiders müssen Tür an Tür mit Rechten leben, aber die Rechten eben auch mit den Schneiders. Um mit Kurt Tucholsky zu sprechen: Deutschland ist auch unsere geliebte Heimat. Und obwohl sich die Serie – glücklicherweise unter Vermeidung einer zu einfachen Zuspitzungsdramaturgie – auf die Herausstellung der Unterschiede zwischen den beiden Mittelschichtshaushalten einschießen will, ist unterm Strich doch erstaunlich, wie viel die beiden Familien miteinander gemeinsam haben. Was wir mit dieser Erkenntnis anfangen sollen, überlässt uns die Serie derweil schön brav selbst. Gut so.

ZDFneo zeigt vier Folgen von «Deutscher» am Dienstag, den 28. April, und Mittwoch, den 29. April, jeweils ab 20.15 Uhr und in Doppelfolgen.

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Montgomery
30.04.2020 12:34 Uhr 1
Exzellenter Kommentar von Julian Miller. Ich teile seine Analyse uneingeschränkt.
Wolfsgesicht
30.04.2020 14:49 Uhr 2
Auch die erste deutsche Serie seit längerem, die ich mir notiert habe zum schauen.

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