Interview

Der Thriller zum Mauerfall-Jubiläum: Hinter den «Wendezeit»-Kulissen

von   |  5 Kommentare

Quotenmeter.de hat mit «Wendezeit»-Produzentin Heike Voßler und -Autorin Silke Steiner über komplexe Frauenrollen, die Darstellung der DDR und Tonalität gesprochen.

Seite 2

Autorin Silke Steiner: 'Mich stört es nicht, wenn man meine weiblichen Hauptfiguren schwierig findet'


Ursprünglich war es eine Serienkonzeption, die sehr breit erzählt werden sollte. Als die Filmversion feststand, hieß es zuerst, dass es 105 Minuten werden sollen, letztlich wurden es knapp 120 Minuten – das war schon eine große Herausforderung, diese Fülle an Stoff auf diese Laufzeit zu stutzen.
Silke Steiner
Wie lief die Entwicklung von «Wendezeit» ab?
Das war ein etwas spezieller Fall: Ursprünglich war es eine Serienkonzeption, die sehr breit erzählt werden sollte. Als die Filmversion feststand, hieß es zuerst, dass es 105 Minuten werden sollen, letztlich wurden es knapp 120 Minuten – das war schon eine große Herausforderung, diese Fülle an Stoff auf diese Laufzeit zu stutzen.

Wie sah die Serienversion von «Wendezeit» aus?
Michael Dreher hatte die Idee von einer Doppelagentin, deren Existenz durch den Mauerfall bedroht wird. Ich war davon gebannt, denn ich mag es generell, Geschichten über Frauen zu erzählen, denn da gibt es noch viel Raum für authentische Geschichten, die bislang unerzählt geblieben sind. Die Serie stellten wir uns als Achtteiler mit 45-minütigen Folgen vor. Die Serie hatte natürlich auch mehr Erzählstränge: Die Opposition, Markus Wolf und seine politische Agenda… Aber als klar war, dass es keine Serie, sondern ein Film wird, stand außer Frage, auf welchen Strang ich mich konzentrieren sollte: Die emotionalste Erzählung – die einer Mutter und Ehefrau, die wegen der politischen Entwicklungen gezwungen ist, sich zwischen Ideologie und Familie zu entscheiden.

Was bremste die Idee aus, «Wendezeit» als Serie anzupacken?
Als «Deutschland '83» für RTL keine überragenden Quoten geholt hat. Das war für die Sender ein Signal, dass eine Serie über innerdeutsche Spionage nicht unbedingt die Massen an die Mattscheiben holt. Ich war sehr traurig, als es so aussah, dass dieser Stoff nicht umgesetzt wird, denn ich hatte nicht nur viel Zeit und Mühe in «Wendezeit» gesteckt, sondern auch viel Herzblut. Als dann das Wendejubiläum näher gerückt ist, hatte die Produktion die Idee, den Stoff als Eventfilm zum Mauerfall anzubieten. Zum Glück hat das geklappt, denn so hatten wir die seltene Möglichkeit, so eine emotionale Geschichte mit realer Historie zu verbinden und dann noch als Agententhriller! Ich liebe dieses Genre und es bietet eine neue Perspektive auf dieses Kapitel deutscher Geschichte …

Uns war klar, dass eine Doppelagentin der HVA keine Helikoptermutter sein kann. Wenn man sie als unterkühlt wahrnimmt, finde ich das interessant. Neben dem Muttermythos gibt es ja noch mehr Frauen- und Mutterbilder und mich stört es nicht, wenn man meine weiblichen Hauptfiguren schwierig findet. Auch wenn das bedeuten kann, dass ich meine Stoffe schwerer verkauft kriege …
Silke Steiner
Ich habe schon mehrmals die These gehört: Das Publikum verzeiht Frauenrollen weniger als Männerrollen – war das in der Konzeption von «Wendezeit» eine Sorge, die Sie mit sich getragen haben?
Ich denke, dass diese These zutrifft, aber ich hatte sie beim Schreiben überhaupt nicht im Sinn. In «The Americans» ist ja auch die weibliche Hauptfigur härter als ihr männliches Pendant – und die Serie ist großartig, sie war mir ein Vorbild. Ich habe als Kritikpunkt an «Wendezeit» gesagt bekommen, dass die Hauptfigur unsympathisch sei, weil sie so eine unterkühlte Mutter wäre. Darüber habe ich beim Schreiben nicht nachgedacht und auch bei den Drehbuchgesprächen war das nie Thema. Uns war klar, dass eine Doppelagentin der HVA keine Helikoptermutter sein kann. Wenn man sie als unterkühlt wahrnimmt, finde ich das interessant. Neben dem Muttermythos gibt es ja noch mehr Frauen- und Mutterbilder und mich stört es nicht, wenn man meine weiblichen Hauptfiguren schwierig findet. Auch wenn das bedeuten kann, dass ich meine Stoffe schwerer verkauft kriege …

Wie balancieren Sie beim Schreiben die Recherche mit Ihrer Erzählung? Gab es mehrere "Kontrollrunden", in denen Sie Ihre Geschichte mit der Historie abgeglichen haben?
Ach, der Schreibprozess ist für mich magisch, da kann man nicht planen. Daher habe ich zuerst sehr, sehr viel recherchiert, um die Zeit, die Fakten und das Milieu zu verinnerlichen – und dann ging es ans Schreiben innerhalb dieser Parameter. Ich bin nicht wirklich oft zurück zum Recherchematerial gegangen – das war das Grundgerüst, das ich zuerst erarbeitet habe.

Gab es für Sie "Anti-Inspirationen", also Filme oder Serie, deren Stil Sie vermeiden wollten?
Mir war es wichtig, die DDR, ihre Bürger und Politik nicht durch und durch negativ zu zeichnen und alle als Karikaturen darzustellen. Ich wollte diese Zeit und diese Menschen ernst nehmen – das bedeutet ja nicht sogleich, die DDR zu verklären. «Wendezeit» sollte authentisch bleiben. Wir mussten daher auch viel über die Darstellung der Spionagearbeit diskutieren, denn der Zuschauer hat viele Vorurteile und daher falsche Erwartungen, wie sie im Film auszusehen hat. Es ist viel mehr Bürojob, als man erwarten würde.

Vielen Dank für das Gespräch.

Anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls zeigt Das Erste am Mittwoch, den 2. Oktober 2019, um 20.15 Uhr den historischen Spionagethriller «Wendezeit».

vorherige Seite « » nächste Seite

Kurz-URL: qmde.de/112609
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger ArtikelProSiebenSat.1 geht Nachhaltigkeits-Partnerschaft einnächster ArtikelAMC bestellt zwei neue Serien
Es gibt 5 Kommentare zum Artikel
Kingsdale
02.10.2019 18:32 Uhr 1
Wieder typisch Deutsch! Deutsche Filmemacher machen nur Filme über die DDR, über den zweiten Weltkrieg oder dümmliche (Liebes)Komödien. Nur diese drei Sparten. Nicht mehr und nicht weniger. Wen interessiert das noch? Also mich ganz bestimmt nicht! Gähn!
Ja-Sager
02.10.2019 20:48 Uhr 2


Öhm....Mauerfall, Wiedervereinigung, historisches Ereignis, 30 jähriges Jubiläum...schon irgendwie nicht so ganz unwichtig für die deutsche Geschichte.



Da wäre jetzt ein Film über eine polnische Prostituierte, die sich beim Badeurlaub an der Ostsee mit fleischfressenden Bakterien infiziert auch irgendwie deplaziert....



Und übrigens - wär's ein Krimi, würde wohl auch gemeckert werden, dass in Deutschland nur noch Krimis gesehen und produziert werden. ;)
Sentinel2003
03.10.2019 17:18 Uhr 3
das stimmt so nicht, dass deutsche filme und serien macher auch völlig anders können, zeigt momentan auch netflix mit der echt guten serie "Skylines"!
kauai
03.10.2019 19:50 Uhr 4


Das Jubiläum zum Mauerfall ist am 9.11. und nicht am 3.10. Von dem her kann ich das heutige Getöse in der Richtung nicht nachvollziehen. Im Übrigen kann ich Kingsdale verstehen. Ich boykottiere Filme und Serien zu dieser Thematik auch schon eine ganze Weile.
Anonymous
03.10.2019 20:02 Uhr 5


Leberkäsjunkie, Ostwind - Aris Ankunft, Immenhof, Club der roten Bänder - Wie alles begann, Die drei !!!, Benjamin Blümchen, Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten, Gut gegen Nordwind (Liebesfilm, aber keine Liebeskomödie nach deutschem Standard), Der goldene Handschuh, Systemsprenger, Weil du nur einmal lebst - Die Toten Hosen auf Tour, Wer4Sind. Und das sind nur ein paar Ausnahmen aus diesem Kinojahr. Mit TV multipliziert sich das noch.

Optionen

Drucken Merken Leserbrief



Heute für Sie im Dienst: Fabian Riedner Veit-Luca Roth

E-Mail:

Quotenletter   Mo-Fr, 10 Uhr

Abendausgabe   Mo-Fr, 16 Uhr

Datenschutz-Info

Letzte Meldungen

Werbung

Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipp


Surftipps


Werbung