Die Kino-Kritiker

«Nach dem Urteil» - Familiendrama bis zur Unerträglichkeit

von

Xavier Legrands «Nach dem Urteil» beginnt dort, wo herkömmliche Scheidungsdramen enden und verwandelt sich mit jeder Minute mehr in einen unberechenbaren Thriller, in dem vor allem Denis Ménochet brilliert.

Filmfacts: «Nach dem Urteil»

  • Start: 23. August 2018
  • Genre: Drama/Thriller
  • Laufzeit: 93 Min.
  • FSK: 16
  • Kamera: Nathalie Durand
  • Buch & Regie: Xavier Legrand
  • Darsteller: Léa Drucker, Denis Ménochet, Thomas Gioria, Mathilde Auneveux, Mathieu Saikaly, Florence Janas
  • OT: Jusqu'à la garde (FR 2017)
Eine Scheidung ist für alle Beteiligten eine unangenehme Angelegenheit. In der Regel wirft man mit der offiziellen Beendigung einer Ehe nicht bloß die Hoffnung an eine gemeinsame Zukunft über Bord, sondern sieht sich außerdem mit einer Vergangenheit konfrontiert, auf die rückblickend nicht jeder Stolz ist. Filme über Scheidungen gehen daher häufig mit Rosenkriegen einher. Ausnahmen wie die zutiefst melancholische Liebeskomödie «Celeste & Jesse» lassen sich dagegen an einer Hand abzählen. Regisseur und Drehbuchautor Xavier Legrand («Unruhestifter») gelingt eine solche Ausnahme nicht durch die Inszenierung an sich; auch sein Film „Nach dem Urteil“ ist ein trister, ein dramatischer und mit der Zeit immer spannenderer Film über eine gescheiterte Liebe. Anders als seine vielen Kollegen setzt er aber erzählerisch ganz woanders an – nämlich nach der Scheidung, die außerhalb des Films längst stattgefunden hat. Trotzdem bleiben die Wege der ehemaligen Eheleute miteinander verbunden, denn beide wollen für den elfjährigen Sohn Julien da sein.

Dass dieser selbst etwas dagegen hat, macht die aller erste Szene unmissverständlich deutlich, wenn sich die zerschossene Familie bei einer Richterin um das Umgangsrecht streitet. Weniger deutlich dagegen ist bis zum bitteren Ende die Frage, ob es Mutter, Tochter und Sohn bei ihrer Vorsicht übertreiben und ihrem Ex und Vater nur eins auswischen wollen, oder ob hinter dem Versuch, ein Besuchsverbot zu erwirken, berechtigte Angst steckt. Aus dieser Fragestellung heraus ergibt sich einer der spannendsten Filme des Jahres, der sich durch seine niederschmetternd-realistische Thematik zusätzliche Brisanz erarbeitet.

Der Kampf ums Kind


Miriam (Léa Drucker) ist fassungslos, als das Gericht ihrem unberechenbaren Ex-Mann Antoine (Denis Ménochet) das Besuchsrecht für den gemeinsamen Sohn Julien (Thomas Gioria) zuspricht. Von nun an soll der 11-Jährige jedes zweite Wochenende bei seinem Vater verbringen. Die Besuche bei Antoine werden für Julien zur Tortur. Während Miriam daheim krank vor Sorge wartet, setzt Julien alles daran, seinen um Annäherung bemühten Vater nicht zu provozieren. Aber ist Antoine wirklich ein Pulverfass, oder einfach nur unbeholfen im Umgang mit der Situation?

Die erste Szene ist auch gleich eine der stärksten des gesamten Films, denn Xavier Legrand beweist hier beispielhaft, wie sich lediglich mit den richtigen Dialogen und brillanten Schauspielern eine möglichst ungreifbare Atmosphäre kreieren lässt. Wer auf den ersten Blick denkt, von Anfang an zu wissen, auf welcher Seite er bei diesem Konflikt wohl stehen wird, den belehren die anfänglichen Minuten von „Nach dem Urteil“ umgehend eines Besseren. Natürlich käme man niemals auf die Idee, eine Mutter und ihr Kind anzuzweifeln, wenn diese mehrmals die Gefährlichkeit ihres Mannes und Vaters betonen. Und vielleicht mag man gerade die Figur der resoluten Richterin dadurch schnell als herzlos abstempeln. Doch je mehr Minuten vergehen, desto mehr häufen sich die Zweifel, denn mindestens genauso überzeugend darin, Antoine für sein gefährliches Fehlverhalten zu schelten, ist Antoine selbst, der immer wieder betont, überhaupt nicht zu wissen, um was für Vorwürfe es sich hier handelt. Und wenn seine Anwältin schließlich auch noch den Verdacht äußert, Mutter Miriam wirke einfach nur ganz gezielt auf ihre Kinder ein, um Unmut gegenüber des Vaters zu schüren, dann geschieht das mit solch wohl gewählten Worten, dass man diese in Kombination mit dem wie ein Häufchen Elend auf seinem Stuhl sitzenden Antoine plötzlich auch für ganz schön plausibel hält.

«Nach dem Urteil» wirft den Zuschauer mitten hinein in einen moralischen Zwiespalt. Und da es lange Zeit über schier unmöglich ist, zu erkennen, wer hier lügt und wer die Wahrheit spricht, nimmt einem Xavier Legrand auch noch jede Möglichkeit, sich an irgendetwas festzuhalten.

Ein Drama, das zum Thriller wird


So ganz ohne erzählerische Konstante wird es für den Zuschauer alsbald unbequem. Xavier Legrand benötigt nur wenige, dafür umso prägnantere Einzelszenen, um behutsam das ganze Ausmaß zu offenbaren, das die Gerichtsentscheidung mit sich bringt. Dabei steht weniger die Frage im Mittelpunkt, ob diese nun richtig (ergo: Antoine gefährlich) oder falsch (also Miriam eine Lügnerin) war. «Nach dem Urteil» handelt vor allem von der Unberechenbarkeit des Menschen, denn egal wer hier wie und warum agiert, das Skript macht immer wieder deutlich, dass sich die beiden Hauptcharaktere überhaupt nicht einschätzen lassen. Eine Szene, in der Antoine und sein Sohn Seite an Seite im Auto sitzen, treibt den Puls allein durch diese Figurenkonstellation bis in unerträgliche Höhen. Doch auch die Interaktion zwischen Miriam und Antoine fördert Erkenntnisse zutage, durch die man sich zeitweise fragt, ob das Kind überhaupt bei irgendjemandem von den beiden bleiben sollte.

Doch in dem Moment, in dem sich endlich klärt, was genau hinter den Anschuldigungen steckt, mag die Anspannung ob der Ungewissheit zwar vorbei sein, Xavier Legrand fährt im Finale aber nochmal die ganze Bandbreite an packenden Emotionen auf, wenn er seinen Film auf erschreckend realistische eskalieren lässt. Im Anbetracht der zuvor so unberechenbaren Erzählweise steigert sich die Atmosphäre zusätzlich durch die Tatsache, dass man «Nach dem Urteil» in diesem Moment einfach alles zutraut.

Getragen wird «Nach dem Urteil» erzählerisch vom Konstrukt Familie, darstellerisch hingegen vor allem von Denis Ménochet («7 Tage in Entebbe»), der allein schon durch sein massiges Erscheinungsbild einschüchternd wirkt. Das steht von Beginn an im starken Kontrast zur von ihm eingenommenen Opferposition und konfrontiert den Zuschauer unterschwellig auch mit Vorurteilen. Schließlich muss niemand automatisch böse sein, nur weil er böse aussieht. Ménochet agiert in der Rolle des schwer einschätzbaren Antoine mal passiv, mal betont aggressiv aber gleichzeitig scheinen sich beide Facetten immer zu ergänzen. Sein lebensechtes, authentisches Spiel trägt dazu bei, dass man bei «Nach dem Urteil» tatsächlich lange Zeit nicht weiß, woran man ist. Dasselbe gilt auch für Léa Drucker («Das blaue Zimmer»), die vor allem in den letzten zehn Minuten so richtig gefordert wird. Zuvor wirkt sie die meiste Zeit ein wenig zu verhuscht für ihre eigentlich so starke Rolle, gleichzeitig nimmt man ihr die unbedingte Aufopferungsbereitschaft für ihren Sohn so sehr ab, dass auch hier der Sprung von der liebevollen Mutter hin zur überfürsorglichen Helicoptermum kein großer wäre; und so macht auch sie es dem Zuschauer nicht leicht, sie und ihr Handeln einzuschätzen.

Zwischen den beiden liefert Newcomer Thomas Gioria («Adoration») eine starke Performance ab, mit der sich der Nachwuchsschauspieler früh für eine ganz große Filmkarriere empfiehlt. Sie in so jungen Jahren und direkt in seinem Debüt mit einer solch niederschmetternden Bandbreite an Gefühlen auseinanderzusetzen und diese auch noch glaubhaft zum Ausdruck zu bringen, ist, im wahrsten Sinne des Wortes, ganz großes Kino.

Fazit


«Nach dem Urteil» ist hochemotionales und bisweilen unerträglich spannendes Dramakino, das einen auch nach Verlassen des Kinosaals noch lange beschäftigen wird. Denn letztlich sind die darin behandelten Themen nur das Abbild eines für viele Menschen stattfindenden Alltags.

«Nach dem Urteil» ist ab dem 23. August in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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