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«Star Trek» und «Twilight Zone»: Wie CBS sein eigenes Streaming-Süppchen kocht

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Aktuellster Neustart ist die Serie «Strange Angel», die von einem Raketen- und Okkult-versessenen Wissenschaftler erzählt. Ja, Sie haben richtig gelesen. Wie das mit Streaming-Erfolg zusammenpassen soll? Ein Erklärungsversuch…

Facts zu CBS All Access

  • Launch im Jahr 2014
  • Seit 2017 eigenproduzierte Exklusivserien
  • ca. 2,5 Millionen Abonnenten (+1 Mio. gegenüber Februar 2017)
  • Expansion: seit April in Kanada verfügbar, ab Ende 2018 in Australien
Dass CBS seine neue Serie «Strange Angel» genannt hat, passt vielleicht zur gesamten Streaming-Strategie des großen amerikanischen Sender-Networks. Denn strange, also merkwürdig, ist diese Strategie allemal. Anstatt seine Programme an große Player wie Netflix oder Amazon lukrativ zu verkaufen, investiert CBS in seinen eigenen kostenpflichtigen Service – wohlgemerkt (bislang) nur in den USA. Dort bietet „CBS All Access“ seit einigen Jahren Zugriff auf die CBS-Formate aus dem Fernsehen. Seit 2017 aber bietet man nun auch eigenproduzierte Formate beim Streamer an, die im Fernsehen gar nicht zu sehen sind. Bislang sind das: «The Good Fight», ein hochgelobtes Spin-Off der TV-Serie «The Good Wife», die Polizei-Comedy «No Activity» – und «Star Trek: Discovery», die langersehnte Serien-Wiederauferstehung des berühmten SciFi-Franchise.

In Deutschland ist diese bei Netflix empfangbar, in den USA müssen Fans CBS All Access abonnieren. Es ist auch eine Demonstration der alten Entertainment-Giganten gegenüber den Platzhirschen wie Netflix: Wer starke Marken besitzt – wie Star Trek –, hat so manchen Trumpf in der Hand. Eben auch den, einen eigenen Streaming-Service aufzuziehen. Dazu gehört, die in den USA popkulturelle Serie «Twilight Zone» wiederzubeleben.

Eine starke Marke ist «Strange Angel» noch nicht. Die neueste Serie des CBS-Streamings ist ein historisches Porträt des skurrilen Wissenschaftlers Jack Parsons, der in den 1930er Jahren große Fortschritte auf dem Gebiet der Raketenwissenschaft erzielte. Parsons interessierte sich zeitlebens für das Phantastische und Ungewöhnliche – nicht nur für Raketen und den Weltraum, sondern auch für die Okkultismus-Szene in Los Angeles, für Sex-Rituale und Kulte. Parsons machte Bekanntschaft mit vielen fragwürdigen Figuren des 20. Jahrhunderts, darunter Aleister Crowley und Scientology-Gründer L. Ron Hubbard.

«Strange Angel» schafft es allerdings in den ersten Folgen nicht, diese skurrile Charakter-Ambivalenz in Parsons herauszukitzeln. Hauptsächlich wird seine frühe Karriere als Wissenschaftler beleuchtet, weniger seine dunkle Seite, die er über seinen neuen Nachbarn erst kennenlernt. Dieser Nachbar ist Teil der Kult-Szene, die Parsons früher oder später entdeckt. Eine Verlagerung der Erzählperspektive hätte hier vielleicht Wunder gewirkt. So aber bleibt der Eindruck eines gewöhnlichen Biopics, das einen jungen ambitionierten – aber fast schon normalen – Wissenschaftler zeigt. Auf den großen inhaltlichen Knall, der qua historischer Vorlage kommen wird, wartet man erst einmal vergeblich, leider. Allerdings hat CBS erst drei Folgen der zehnteiligen ersten Staffel ausgestrahlt.

„Was hat das Potenzial, unser «Mad Men» oder «Handmaid’s Tale» zu werden?“


Auch damit bleibt CBS strange: Statt die gesamte Staffel dem bewährten Netflix-Prinzip zufolge auf einmal zu veröffentlichen, wählt der Streamer eine wöchentliche Erscheinungsweise. Ein bisschen TV, ein bisschen Streaming also. Die handwerkliche Qualität der Serie ist hoch, ungewöhnlicherweise für CBS. Das Network steht in der Fernsehlandschaft hauptsächlich für massenproduzierte Procedural-Ware, man denke an die «NCIS»-Formate oder das frühere «CSI»-Franchise. «Strange Angel» ist zudem die erste Drama-Serie, die nicht auf einer bereits bekannten Marke basiert. Ein komplett originaler Stoff also. Die Verantwortliche für CBS All Access, Julie McNamara, erklärte die Strategie einmal so: „Auf der einen Seite haben wir «Star Trek» und «Twilight Zone». Das sind große Shows und Eckpfeiler, globale Marken, die uns viele Zuschauer bringen können.“ Auf der anderen Seite wolle man im Premium-Serienbereich einige Versuche wagen. „Was hat das Potenzial, unser «Mad Men» oder «Handmaid’s Tale» zu werden?“



Dass McNamara ausgerechnet diese beiden Shows nennt, ist ungewöhnlich für jemanden, der bei CBS arbeitet. Die Formate stehen für Awards, für Kritikerlieblinge, für hochkomplexes, kreatives und literarisch inspiriertes Erzählen. Eine Qualität also, die CBS mit seinen Produktionen eigentlich nicht kennt. Als große Entertainment-Marke hat CBS aber wohl nun gemerkt, dass es nicht unbedingt von Nachteil sein muss, diese Kompetenzen auszubilden. In einem Nischenmarkt wie CBS All Access. Ob dieser letztlich profitabel oder erfolgreich ist, das ist dabei vielleicht nur zweitrangig. Wichtiger ist, sich inhaltlich breiter und kreativer mit eigenen Produktionen aufzustellen. In disruptiven Märkten wie dem Entertainment können solche Qualitäten schnell wichtig werden. HBO beispielsweise beherrscht die ganze Palette des Serien-Spiels, von den großen epischen Formaten mit Massengeschmack («Game of Thrones») bis zu den Nischen-Experimenten ohne nennenswerte Zuschauerzahlen («Room 104», «The Deuce»).

Wenn CBS aber kreativ und qualitativ die Muskeln spielen lassen will, dann ist «Strange Angel» nicht das beste Beispiel. Die Serie hat weder die Kritiker auf ihrer Seite noch spricht das potenzielle Publikum in den USA darüber. Das Gegenteil hat beispielsweise Hulu mit «The Handmaid’s Tale» erreicht, das eine Art kreativer und qualitativer Durchbruch für den Streamer ist. «Strange Angel» dagegen wirkt unausgegoren, inhaltlich fast ängstlich in der Herangehensweise an den spannenden Titelcharakter. Dass die Serie ursprünglich für AMC entwickelt wurde, merkt man ihr an der langsamen, ausufernden Erzählweise an. Das Projekt CBS All Access bleibt – mit diesen Versuchen – durchaus strange.

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