Interview

‚Taylor Swift ist längst auch Narrativ, Marke und Projektionsfläche‘

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Ab Anfang Juli widmet sich eine neue ARD-Dokumentation dem Leben und der Karriere von Taylor Swift. Im Interview sprechen die Autorinnen Anna Bilger und Inga Turczyn darüber, warum der Superstar weit mehr als nur eine Musikerin ist und weshalb ihre Geschichte zugleich viel über unsere Gesellschaft erzählt.

Was war der ursprüngliche Auslöser für die Dokumentation «The Taylor Swift Years – Schicksalsjahre eines Superstars» – und warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für dieses Projekt?
Inga Turczyn:
Uns hat die Frage interessiert, wie sich die Figur Taylor Swift, als einer der erfolgreichsten Popstars der Gegenwart, in ihre Zeit einordnet. Und dann in das Heute im Verhältnis zum Gestern. Ihre anstehende Hochzeit ist der Aufhänger – schon wie sie sich als Verlobte präsentiert, macht sie zum Zentrum popkultureller, aber auch gesellschaftlicher Debatten. Denn Taylor Swift ist heute nicht nur Musikerin, sondern eine Projektionsfläche für gesellschaftliche Diskurse über Macht, Öffentlichkeit, Feminismus, Kapitalismus oder politische Verantwortung. Und, andersherum, weiß sie diese Debatten für sich zu nutzen.

Und gerade in einer Zeit, in der viele gesellschaftliche Entwicklungen als zunehmend polarisiert oder autoritär wahrgenommen werden, stellt sich auch die Frage: Welche Verantwortung trägt eine der einflussreichsten Popfiguren unserer Gegenwart? Was sagt es über unsere Zeit aus, dass sich Menschen wünschen, dass ein Popstar wie Taylor Swift überhaupt Verantwortung übernimmt? Und wie sichtbar will Taylor Swift diese Verantwortung überhaupt annehmen? Gleichzeitig wirft das natürlich weitere Fragen auf: Wo endet Selbstbestimmung und wo beginnt strategische Markenführung? Taylor Swift bewegt sich permanent in diesem Spannungsfeld zwischen Verletzlichkeit, Nähe und hochprofessioneller Selbstinszenierung. Genau diese Ambivalenz macht sie so interessant. Gerade wenn es um eine vermeintlich private Entwicklung in ihrem Leben geht wie ihre Hochzeit. Dieser Moment, nach dem großen Hype der ERAS-Tour, schien mir deshalb besonders interessant.

Taylor Swift ist nicht nur Musikerin, sondern längst ein globales Kulturphänomen. Wie nähert man sich einer Persönlichkeit, die so viele unterschiedliche Bedeutungen für ihr Publikum hat?
Inga Turczyn:
Ich glaube, man kann Taylor Swift kaum „nur“ als reale Person betrachten. Sie ist längst auch Narrativ, Marke, Projektionsfläche und emotionaler Bezugspunkt. Deshalb war für mich wichtig, nicht so zu tun, als könnte man hinter all diesen Ebenen vollständig „die echte Taylor“ freilegen. Interessanter fand ich die Frage, warum so viele Menschen so unterschiedliche Dinge in ihr sehen. Für manche ist sie Identifikationsfigur, für andere perfekter Mainstream, für wieder andere eine brillante Unternehmerin. Diese Vieldeutigkeit macht sie kulturell so relevant.

Welche Phase ihres Lebens und ihrer Karriere stand für Sie besonders im Mittelpunkt?
Anna Bilger: Uns hat besonders interessiert, wie sie über die Jahre begonnen hat, ihre eigene öffentliche Erzählung stärker zu kontrollieren und strategisch zu formen. Also der Übergang von einer jungen Künstlerin, die stark von außen bewertet wurde, hin zu jemandem, der das Spiel mit Öffentlichkeit selbst sehr bewusst beherrscht. Besonders spannend ist ja auch, dass es ihr irgendwann nicht mehr nur um Songs und Image geht, sondern sehr konkret um Eigentum, Kontrolle und Deutungshoheit. Gerade der Konflikt um ihre Masterrechte und die Re-Recordings erzählt nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern auch eine strukturelle. Da geht es um die Frage, wem Kunst eigentlich gehört und wer an ihr verdient.

Die öffentliche Wahrnehmung von Taylor Swift hat sich über die Jahre stark verändert. Wie bildet die Dokumentation diesen Wandel ab?
Inga Turczyn:
Wir wollten zeigen, wie stark Taylor Swift immer wieder neu gelesen wurde: vom Country-Teenager über die Figur der „Serial Daterin“, später die vermeintlich kalkulierende Businessfrau bis hin zur globalen Ikone. Viele dieser Zuschreibungen spiegeln auch gesellschaftliche Erwartungen an Frauen.

Die Reihe versucht deshalb weniger, ein endgültiges Urteil zu fällen, als sichtbar zu machen, wie Öffentlichkeit funktioniert und wie Narrative entstehen. Gerade an Taylor Swift lässt sich sehr gut beobachten, wie sehr Popstars auch von außen mitgeschrieben werden.

Wie schwierig war es, bei einer Figur mit enormer Medienpräsenz noch neue Perspektiven oder unbekannte Facetten zu finden?
Inga Turczyn:
Sehr schwierig – gerade weil Taylor Swift ihr Bild extrem präzise kontrolliert. Während der Recherche ist uns aufgefallen, wie begrenzt der Zugriff auf bestimmtes Bild- und Filmmaterial tatsächlich ist. Sie bestimmt zu einem großen Teil selbst, welche Bilder von ihr öffentlich zirkulieren und welche emotionale Erzählung dadurch entsteht. Das macht sie als Figur gleichzeitig sehr präsent und erstaunlich ungreifbar. Genau darin lag aber auch ein spannender Ansatz für die Dokumentation.

Welche Rolle spielen Themen wie Selbstbestimmung, Öffentlichkeit und Kontrolle über die eigene Erzählung innerhalb der Doku?
Anna Bilger:
Genau um diese Themen geht’s uns. Wir wollten zeigen, dass es bei Taylor Swift nie nur um Musik geht, sondern immer auch um die Frage, wer ihre Geschichte erzählt und wer die Kontrolle über dieses Bild behält.

Mich beeindruckt, wie produktiv sie mit Angriffen oder Krisen umgeht. Sie verschwindet nicht einfach, sondern verarbeitet solche Momente in Songs und sehr unterhaltsamen Musikvideos. Gleichzeitig erzeugt sie eine große Nähe, wenn sie ihre Katzen filmt oder über ihre Back-Obsession spricht. Und genau das ist spannend: Dieses Gefühl von „sie ist wie eine große Schwester oder gute Freundin“ mit der milliardenschweren globalen Unternehmerin zusammenzubringen. Da stellt sich automatisch die Frage: Was ist echt, wo beginnt die Inszenierung?

Taylor Swift polarisiert bis heute – zwischen Popstar, Unternehmerin und Projektionsfläche. Wie gehen Sie mit dieser Vielschichtigkeit um?
Inga Turczyn:
Indem wir versucht haben, diese Widersprüche nicht aufzulösen. Ich glaube, viele Menschen wünschen sich klare Kategorien: authentisch oder kalkuliert, politisch oder unpolitisch, Opfer oder Machtfigur. Aber gerade bei Taylor Swift funktionieren diese Gegensätze oft gleichzeitig. Sie kennt die kapitalistische Logik der Popindustrie wahrscheinlich besser als fast jede andere Künstlerin – und bewegt sich darin extrem erfolgreich, ohne dabei nur passives Produkt dieses Systems zu sein.

Wie wichtig war Ihnen, nicht nur den Superstar, sondern auch den kreativen Arbeitsprozess hinter den Songs und Tourneen sichtbar zu machen?
Anna Bilger:
Das war mir wichtig. Taylor Swift ist eine sehr talentierte Songwriterin, hat schon früh eigene Songs geschrieben. Gleichzeitig war sie immer auch extrem diszipliniert und ehrgeizig. Und sie hat sich getraut, mutig zu sein! Gerade an ihrem Album 1989 sieht man das sehr gut. Das war nicht einfach nur der nächste Karriereschritt, sondern eine bewusste künstlerische Entscheidung: neuer Sound, neues Selbstbild, weg vom Country. Solche Momente wollten wir sichtbar machen

Die Fan-Community rund um Taylor Swift gilt als außergewöhnlich intensiv. Welche Bedeutung hatte dieser Aspekt für Ihre Erzählweise?
Inga Turczyn:
Für uns war dieser Aspekt wichtig, weil die Beziehung zwischen Taylor Swift und ihrer Community fast Teil des Kunstwerks selbst ist. Fans entschlüsseln Hinweise, interpretieren Narrative weiter und bauen emotionale Nähe auf.
Gleichzeitig zeigt diese Community, wie sehr Popkultur heute Identität, Zugehörigkeit und emotionale Räume schafft. Ich finde es wichtig, das nicht arrogant oder herablassend zu betrachten, denn gerade kulturelle Phänomene, die vor allem von jungen Frauen getragen werden, werden oft vorschnell unterschätzt oder abgewertet.

Gab es während der Recherche oder Produktion einen Moment, der Ihren Blick auf Taylor Swift persönlich verändert hat?
Inga Turczyn & Anna Bilger:
Es gab weniger den einen Moment als eher ein wiederkehrendes Muster. Besonders beschäftigt hat uns der Wandel von einer Phase, in der sie sich politisch klarer positioniert hat, hin zu einer vorsichtigeren oder stilleren Haltung. Im aktuellen gesellschaftlichen Klima wirkt dieses Schweigen für viele besonders präsent.

Die Musikindustrie hat sich seit ihrem Karrierebeginn massiv verändert. Erzählt die Dokumentation damit auch etwas über den Wandel des Popgeschäfts insgesamt?
Anna Bilger:
Absolut. Wir erzählen über Taylor Swift auch eine Geschichte darüber, wie sich das Popgeschäft insgesamt verändert hat: von physischen Verkäufen zu Streaming, von klassischer Starinszenierung zu permanenter digitaler Öffentlichkeit und von der Musikerin zur Marke.

Mich interessiert daran besonders, dass Popstars heute nicht mehr nur Musik veröffentlichen. Sie müssen Communities aktivieren, ständig neue Songs produzieren und ihre eigene Biografie fast permanent mitproduzieren. Taylor Swift hat diese neue Form von Popstar in vieler Hinsicht perfektioniert.

Wie finden Sie die Balance zwischen kritischer Distanz und emotionaler Nähe zu einer der größten Künstlerinnen der Gegenwart?
Anna Bilger:
Ich finde, man darf sich bei Popkultur auch emotional einlassen. Es wäre ja Quatsch, so zu tun, als könnte man nur dann klug darüber sprechen, wenn man möglichst kühl und unberührt bleibt. Pop funktioniert genau darüber, dass Menschen sich wiedererkennen, mitfühlen, anhimmeln, Teil einer Community sind – und das wollten wir ernst nehmen.

Gleichzeitig sind wir Autorinnen einer Dokumentation und unser Job ist es auch zu hinterfragen: Taylor Swift ist eben nicht nur eine faszinierende Künstlerin, sondern auch eine sehr strategische und machtbewusste Playerin im Popgeschäft.

Wenn Zuschauerinnen und Zuschauer die Doku gesehen haben: Was sollen sie über Taylor Swift – und vielleicht auch über Ruhm und Popkultur allgemein – neu verstehen?
Inga Turczyn:
Vielleicht vor allem, dass Popkultur mehr als nur oberflächliche Unterhaltung ist, wenn man analytisch darauf schaut. Figuren wie Taylor Swift erzählen immer auch etwas über gesellschaftliche Sehnsüchte, Machtstrukturen, Projektionen und darüber, wie Öffentlichkeit funktioniert. Mich interessiert weniger die Frage, ob Taylor Swift „gut“ oder „schlecht“, authentisch oder kalkuliert ist. Spannender finde ich, warum wir überhaupt so dringend nach solchen eindeutigen Antworten suchen – und was das über unsere Zeit erzählt.

Und natürlich agieren auch wir als Autor:innen innerhalb der Strukturen von „Öffentlichkeit.“ Das Projekt ist ein journalistisches des öffentlichen rechtlichen Fernsehens – viele Stimmen haben hier Mitsprache. Wir sind die Autor:innen dieser Filme, aber die Filme sind keine Autor:innenfilme, sondern entstehen im engen Austausch mit allen involvierten Hersteller:innen.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«The Taylor Swift Years – Schicksalsjahre eines Superstars» ist ab 1. Juli in der ARD Mediathek zu sehen. Außerdem ist der erste Teil „American Sweetheart“ am 1. Juli um 23.50 Uhr zu sehen.

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