Die Kritiker

«Tatort: Es lebe der Tod»: So gut, dass es nur ein Murot sein kann

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Murot ist zurück und taucht tief hinab in die Psyche eines kranken Geistes, der nicht nur vielen anderen Menschen geschadet hat, sondern auch den Ermittler selbst als Puzzlestück seines perfiden Plans sieht. «Hannibal» meets «Tatort».

Der eigenbrötlerische Ermittler, den der Hessische Rundfunk seit 2010 (bis auf eine Pause im Jahr 2012) mit Vorliebe im per se dunklen Herbst oder Winter auf seine spezialgelagerten Sonderfälle loslässt, findet sich nach dem experimentellen „Wer bin ich?“ von 2015 dieses Mal in einem klassischeren Kriminalfall wieder.

In „Es lebe der Tod“ heftet er sich an die Fersen eines Serienkillers, der im Stile von Hannibal Lecter einen großangelegten Plan verfolgt, der – wie sollte es auch anders sein – Felix Murot direkt betrifft und sogar mit einschließt.

Unhappy birthday


Ausgangspunkt der Reise ist der Geburtstag des Ermittlers – ein Tag, dem er scheinbar wenig Bedeutung beimisst und den er nicht im Kreise seiner Kollegen (explizit nicht Freunde) verbringen möchte. Der notorische Einzelgänger frönt lieber seiner gewohnten Routine und macht sich auf den Heimweg – als eine Stimme aus dem Nichts plötzlich das Kommando übernimmt – oder doch nicht?

Der rund zwanzig Minuten währende Auftakt der Episode ist gekonnt inszeniert und geschrieben – und letztlich doch nur erster Akt eines Verwirrspiels aus Täuschungen und Halbwahrheiten, der die Gangart für den Neunzigminüter festlegt: Eine hakenschlagende Handlung mit undurchsichtige Figuren im Schattenbereich zwischen Gut und Böse.

Eine Frage der Ästhetik


Ulrich Tukur spielt erneut groß auf, doch auch der Rest des Ensembles weiß zu gefallen. Dass der Fall sich bei vielen großen Vorbildern des europäischen und amerikanischen Kinos bedient, ist letztlich zweitrangig – der Transfer auf den Murot-Kosmos gelingt perfekt und fördert ausreichend Alleinstellungsmerkmale zu Tage. Irgendwo zwischen «Seven», «Saw» und anderen Genrelbeiträgen gelingt hier ein Beitrag, der trotz der Nähe zu seinen Brüdern und Schwestern im Geiste auf eigenen Beinen stehen kann.

Visuelle Montagen wie zu Beginn, als eindeutig auf «The Truman Show» angespielt wird, bereichern die abstrahierte aber clevere Ästhetik. Die Musik erinnert stark an die Serie «Hannibal», die übergeordneten Inszenierung nimmt sich einen klassischen Film Noir zum Vorbild.

Der lakonische Humor bleibt größtenteils und mit zunehmender Spielzeit im Halse stecken - ergibt sich wenn aber wie auch schon in den vorigen Fällen organisch aus Situationen, Bildern und handelnden Personen. Dabei immer im Zentrum: Ulrich Tukur, der – wie einst Götz George – eine Paraderolle auf den Leib geschneidert bekommen hat. Dass sein Murot dabei oft wirkt, als wäre der Krebskandidat aus «Akte X» als Ermittler in einem deutschen Provinzkrimi untergetaucht, tut dem Genuss keinen Abbruch. Viel zu präzise skizziert Tukur diese gebrochene und zerbrechliche Figur, die sich hilfesuchend an Zigaretten klammert – immer mit dem Wunsch nach emotionalem Halt, den seine Mitmenschen ihm nicht geben können - weil er sie nicht lässt oder lassen kann? Viel Subtext für einen deutschen Krimi.

Dass sein Gegenspieler letztlich auf eine verdrehte Art auf der Suche nach menschlicher Wärme ist und sich für dieses Streben als Erlöser und Todesengel inszeniert, spiegelt letztlich die Figur des Ermittlers, der durch die aufgeworfenen Fragen weit hinab in seine eigene Sozialisationsgeschichte steigen muss. Wieviel Liebe sollten Kinder von Eltern bekommen? Wozu führt entzogene Liebe? Wie stark ist die zersetzende Kraft negativen elterlichen Einflusses? Murot gerät an seine Grenzen und weit darüber hinaus - und der Zuschauer, wie einst an der Seite von Brad Pitt und Morgan Freeman in David Finchers «Seven», gleich mit. Und das hier ganz ohne abgetrennten Kopf in einem Pappkarton.

Fazit


Felix Murot ist längst mehr als nur ein weiterer «Tatort»-Kommissar. Der Wiesbadener Ermittler und sein brillanter Darsteller Ulrich Tukur sind vielmehr zu einer eigenen Marke verschmolzen: Verschroben, düster, abgründig und weit abseits des Mainstreams, dabei aber auch irgendwie sympathisch und in der Ausführung schlicht brillant. Wie in den vergangenen Jahren ist auch der der neuste Wiesbaden-Krimi ein Fest für Fans düsterer Thriller.

Das Erste zeigt «Tatort – Es lebe der Tod» am Sonntag, den 20. November um 20.15 Uhr.

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