First Look

David gegen «Goliath»

von

Amazon Studios' neuer Coup: Eine Serie im Anwaltsmilieu aus der Feder von David E. Kelley. Wer ein neues «Ally McBeal» oder «Boston Legal» erwartet, wäre auf der völlig falschen Fährte.

Cast & Crew

Produktion: Amazon Studios
Schöpfer: David E. Kelley und Jonathan Shapiro
Darsteller: Billy Bob Thornton, William Hurt, Olivia Thirlby, Mario Bello, Sarah Wynter, Molly Parker, Britain Dalton u.v.m.
Executive Producer: David E. Kelley, Jonathan Shapiro, David Semel, Ross Fineman und Lawrence Trilling
David E. Kelley ist für ein Genre bekannt: Legal Dramas. Von seinen Anfängen als Autor und Showrunner beim Kritikerliebling «L.A. Law» in den 80er Jahren, über sein in Europa wohl bekanntestes Format «Ally McBeal» bis zum viel gelobten «Boston Legal» gilt er als Meister für Stoffe mit exzentrischen, gern völlig überzeichneten Figuren im Juristenmilieu. Nach weitgehend erfolglosen Ausflügen ins Medical-Genre mit «Monday Mornings» und einer Serie über eine schrullige Chicagoer Werbeagentur mit Robin Williams und Sarah Michelle Gellar, zieht es ihn nun, in Zusammenarbeit mit Jonathan Shapiro, mit «Goliath» wieder zu einem Stoff über einen verschrobenen Rechtsanwalt.

Zum ersten Mal allerdings hat Kelley seinen Anwaltsstoff nicht für das lineare Network-Fernsehen entwickelt, sondern den Streaming-Anbieter Amazon Prime. Das, so erhofft man sich, erlaubt größere künstlerische Freiheiten: neben derberen Dialoge vor allem natürlich horizontalere Plots, innovativere Erzählstrukturen, einnehmendere, komplexere Figurenzeichnungen.

Der Stoff von «Goliath» erzählt freilich horizontaler als Kelleys bisherige Produktionen: Die von Billy Bob Thornton gespielte Hauptfigur Billy McBride war mal höchst erfolgreicher Jurist in einer amerikanischen Großkanzlei. Als sein Leben immer unsteter wurde und er in der Alkoholsucht versank, schasste die ihn von seinem Posten als renommierter Prozessanwalt.

Ausgeschlossen und verfemt, bietet sich ihm nun die Gelegenheit zur Rache: Er erhält, trotz seines weitgehend desaströsen Allgemeinzustands, das Mandat in einem lukrativen, aber sonderbaren und schwierigen Fall, dessen mächtige Gegenseite just von der einflussreichen Großkanzlei vertreten wird, die McBride einst kaltstellte.

Ein Kampf David gegen Goliath, der sich schon im Titel der Serie niederschlägt, aber glücklicherweise keine verklärende Narrative, die in rührseliger Weise die lieben, braven Kleinen gegen die großen Bösen gegenüberstellt. Denn dieser Billy McBride kennt alle Tricks des Geschäfts – erst recht die seines ehemaligen Partners – und ist willens, mit allen Methoden für seine Seite zu kämpfen. Dabei geben Kelley und Shapiro – hier zeigt sich ihr Talent als begnadete Fernsehautoren – ihrer Hauptfigur eine immense Breite an positiven wie negativen Eigenschaften und Verhaltensweisen, Widersprüchen und Diskrepanzen, auf deren Klaviatur Thornton meisterhaft zu spielen vermag.

Allgemein ist «Goliath» meistens besonders dann gelungen und interessant, wenn es mehr um die Figuren als die Handlung geht, mehr um die komplexe Lebenssituation von Billy McBride als seine juristischen Taschenspielertricks und strategischen Winkelzüge. «Goliath» erzählt dabei langsamer als man das vom Großteils Kelleys bisheriger Produktionen mit ihren schnellen, gewitzten Dialogen und ihren mit Storylines vollgepferchten Folgen kennt. Mit Billy Bob Thorntons Billy McBride nehmen sich Kelley und Shapiro in der acht Folgen umfassenden ersten Staffel mehr Zeit zu einer komplexen Figurenentwicklung, die in seinen versierten Drehbüchern eindrucksvoll ausfällt.

Kurz-URL: qmde.de/89472
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