Die Kritiker

Ähm, nee

von

Die Erfurter Gurkentruppe meldet sich mit einem neuen «Tatort» zurück. Wenn junge Darsteller altbackenen Stuss spielen müssen...

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Friedrich Mücke als Kommissar Henry Funck
Benjamin Kramme als Kommissar Maik Schaffert
Alina Levshin als Kommissarin Johanna Grewel
Kirsten Block als Kriminaldirektorin Petra Fritzenberger
Christian Redl als Kriminaldirektor Volker Römhild
Oliver Stokowski als Ingo Konzack
Franziska Petri als Nadine Schuricke

Hinter der Kamera:
Produktion: FFP New Media
Drehbuch: Leo P. Ard und Michael B. Müller
Regie: Johannes Grieser
Kamera: Michael Boxrucker
Produzent: Michael Smeaton
Seit der missglückten Premiere des betont jungen Erfurter «Tatort»-Teams ist mittlerweile über ein Jahr vergangen. Man kann dem ARD-Gott dafür danken, dass uns eine zweite Folge über die dreiköpfige Thüringer Truppe so lange erspart geblieben ist. Um es kurz zu machen: It’s gotten worse instead of better.

Aber zuerst die (wenigen) Verbesserungen: Immerhin kalauern die drei nun nicht mehr so viel herum, müssen sich nicht mehr von den Autoren dazu degradieren lassen, betont jugendlich – und damit gleichzeitig unfassbar altbacken zu sprechen. Alina Levshins Polizeipraktikantin Johanna muss den Energy Drink nicht mehr gezwungen keck zum „Stoffwechselbeschleuniger“ machen, Friedrich Mücke nicht mehr so geleckt-cool die Nachbarin klarmachen wie in der gruseligen Auftaktfolge.

Als Ersatz flüchtet sich „Der Maulwurf“ umso mehr in die Phrasendrescherei. Würden Alina Levshin, Friedrich Mücke und Benjamin Krumme nicht die ganze Zeit so schrecklich ernst dreinblicken, könnte man fast denken, das hier sei eine Parodie, so tatortig klingt das ganze Gestotter: „Sie haben von uns nichts zu befürchten“, wird da gebrabbelt, „Ja, natürlich, ähm, vielen Dank, Sie können gehen“, wird mühevoll das Nichts dialogisiert, und wenn schnell der Rechner der Dienstvorgesetzten ohne ihr Wissen durchsucht werden soll, können mit einem knappen „Dafür bräuchten wir eigentlich eine schriftliche Genehmigung“ – „Dafür haben wir keine Zeit“ alle Fragen und Dilemmata vollständig und intelligent geklärt werden.

Ähm, nein.

Der Blick auf den Plot offenbart ein ähnlich tristes Bild von verschenktem Potential zugunsten einer Abarbeitung uralter Klischees: Der Häftling Timo Lemke nimmt die Beisetzung seines kürzlich verschiedenen Vaters zum Vorwand, um mithilfe eines finsteren Komplizen zu flüchten und dem weiteren Vollzug seiner Freiheitsstrafe zu entgehen. Beide Männer kommen aus dem Rotlichmilieu und haben einiges auf dem Kerbholz – Lemkes Helfershelfer ist dankenswerterweise aber so schwer von Begriff, dass ihn das Erfurter Jugend-forscht-Team schnell ausfindig und dingfest gemacht hat. Der will aber so lange nicht reden, bis ihm Kommissar Maik – wir erinnern uns: der adrette, liebenswerte Typ mit der kurzen Zündschnur – einmal den Schädel auf die Tischkante gedonnert und sein Kollege Henry – der alleinerziehende Vater, der was mit seiner Nachbarin am Laufen hat – damit gedroht hat, ihn in die JVA zu stecken, in der auch seine Rotlichtfeinde hocken.

Maik, Henry und Johanna drängt da schon lange die Zeit: Lemke hat nämlich ihre Dienstvorgesetzte Petra Fritzenberger gekidnappt, die ihn damals hinter Gittern gebracht hat. Trotz gebetsmühlenartig vorgetragener Warnungen – in solchen «Tatorten» muss ja alles dreimal gesagt werden, damit auch Maik und Henry noch mitkommen – hatte sie nämlich trotz aller Alarmsignale Polizeischutz abgelehnt. Wird schon nichts passieren.

Tja, und dann ist da noch Ingo Konzack, der damals, als gegen Lemke wegen Mordes ermittelt wurde, der titelgebende Maulwurf im Dezernat gewesen sein soll, der ihm laut Anklage für ein paar Tausend Euro Informationen zugeschanzt hat. Hat er nicht, beteuert er bis heute. Doch, hat er, schließlich hat er dafür ein Jahr gesessen, sind sich Maik, Henry und Johanna zuerst sicher. Aber, ehm nee, vielleicht war er’s doch nicht, drehen sie eine dreiviertel Stunde später ihre Wendehälse. Jede Minute dieser Zumutung kostet einen eine bedenkliche Menge Gehirnzellen, so strunzdumm musste dieses Drehbuch seine Figuren machen, um auf seine Wendepunkte zu kommen.

Der Stoff böte ja durchaus Möglichkeiten, etwas Tiefsinniges, Intelligentes über Justizirrtümer, das Betrügen und Betrogenwerden zu erzählen. Aber nein: Am Schluss dreht der wahre Täter durch, psychologisch unsinnig und völlig konträr zur bis dahin erfolgten Figurenführung, und mutiert zum Psychopathen. Eineinhalb Stunden lang muss man dem Klischeebild des Jungen und Frischen zusehen, dem alles Junge und Frische fehlt. Junge Darsteller machen eben noch keine junge «Tatort»-Reihe. Und so sieht „Der Maulwurf“ auch eher wie eine alte «Derrick»-Folge aus. Genauso einfach gestrickt, genauso vorhersehbar, genauso alt und angestaubt. Nur eben mit viel, viel weniger Charme.

Ähm, nee.

Das Erste zeigt «Tatort – Der Maulwurf» am Sonntag, den 21. Dezember um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/75219
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