Die Kritiker

«Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie»

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Cenk Batus letzter Auftrag führt ihn hinter die Kulissen der Finanzwelt. Er ist Teil einer konzertierten Aktion der Regierung um den neuen Bundeskanzler Grasshof, in der mehrere verdeckte Ermittler mit dem Ziel in Banken eingeschleust wurden, illegale Finanzgeschäfte aufzudecken und konkrete Beweise gegen das undurchschaubare System zu beschaffen.
In der Bank gerät Andreas Dobler, ein junger und besonders skrupelloser Trader, ins Visier der Ermittlungen. Doch nachdem Cenk ein geheimes Treffen zwischen Dobler und der mysteriösen Valerie observiert, gerät alles außer Kontrolle. Valerie war vor 20 Jahren eine weltweit gesuchte Auftragskillerin. Nun ist die seltsame Frau zurückgekehrt, um todkrank noch einen letzten Auftrag durchzuführen: die Ermordung von Kanzler Grasshof. Sie entführt Cenks Lebensgefährtin Gloria, um Cenk dazu zu bewegen, ihren Auftrag für sie auszuführen. Wird er es tun?

Darsteller
Mehmet Kurtulus («Equilibrium») als Cenk Batu
Peter Jordan («Ki.Ka-Krimi.de») alsUwe Kohnau
Corinna Harfouch («Hand in Hand») alsValerie
Anna Bederke («Soul Kitchen») als Gloria
Jonas Nay («Homevideo») als Kilian
Christoph Letkowski («Bella Australia») als Dobler
Kai Wiesinger («Die Anwälte») als Bundeskanzler Grasshoff

Kritik
Zum Schwanengesang von Cenk Batu wollte man sich etwas Besonderes einfallen lassen. Der Hamburger «Tatort» um den türkischstämmigen Verdeckten Ermittler, der im Rahmen der Reihe bereits einen islamistischen Anschlag in der Bundesrepublik verhindert hat, erzählte schon immer düsterer und schneller, in Teilen auch staatstragender und politisch relevanter als die übrigen Reihen der «Tatort»-Marke. Zum großen Finale, das Cenk bekanntermaßen nicht überleben wird, versucht Drehbuchautor und Regisseur Matthias Glasner alle Register zu ziehen. Das aktuelle Thema, das man diesmal auf der zweiten Ebene angehen will, ist die Bankenkrise und die dahinter stehende Psyche so mancher Trader, die jede Minute mit achtstelligen Beträgen hantieren und jeden Sinn für die Realität verloren haben. Zumindest stellt man es sich landläufig so vor – und Glasner inszeniert es auch auf diese Weise. Damit rutscht er jedoch unweigerlich ins Groteske ab, was zum Gesamtkonstrukt, das in gewohnter Weise düster und Thriller-ähnlich ausfällt, ganz und gar nicht passt. Die Welt der Banken wird hier als eine Art hedonistische Parallelgesellschaft dargestellt, zu der der Rechtsstaat keinerlei Zugang hat: Die durchgeknallten Trader rufen Batu auf seinem Weg zum Kanzler an und jubeln ihm in einer freudigen Weltuntergangsstimmung zu, dass er den verhassten Staatsmann endlich abschießen soll. Sie erzählen der Polizei offen und ehrlich von ihren Plänen, so ziemlich alle Richter des Landes zu bestechen. Sie arbeiten als organisierter Körper mit Auftragskillern zusammen, um unliebsame Politiker aus dem Weg räumen zu lassen. Mit der Realität hat das natürlich nichts zu tun – dass Glasner also versucht, all diese Absurditäten in einen Kontext zu setzen, der so realitätsfremd an sich nicht ist, kann nicht funktionieren.

Problematisch ist natürlich auch, dass das dramaturgische Konstrukt vor ein paar Plot-Holes nicht gefeit ist, die oftmals wohl aus dem Bedürfnis herrühren, immer noch einen Tacken mehr zu emotionalisieren, wodurch manche Szene deutlich mehr verwässert wird als dies notwendig gewesen wäre: Gerade hat der Bundeskanzler abgelehnt, seinen Tod vorzutäuschen, um Cenks Lebensgefährtin frei zu bekommen. Cenk ist (verständlicherweise) stinksauer. Dann klingelt sein Handy. Er nimmt ab. Am Telefon ist Gloria, die sich vom Sohn ihrer Entführerin dessen Handy geben ließ und nun, ohne das Wissen ihrer Kidnapperin, Cenk angerufen hat, um ihn zu informieren, zu welchem Arzt sie gerade transportiert wird. Cenks Reaktion? Er richtet die Waffe auf den Kanzler, teilt ihm seine Verbitterung über dessen Weigerung, sich für ein paar Stunden tot zu stellen, mit, flieht aus dem Gebäude, in dem es von Polizisten nur so wimmelt, und begibt sich auf den Weg zu der ihm genannten Praxis, um seine Lebensgefährtin frei zu schießen. Seine Kollegen zu informieren und die Bude stürmen zu lassen, fällt ihm nicht ein. Eine Verfolgungsjagd pro «Tatort» scheint die zu erfüllende Minimalanforderung zu sein.

Dass Gloria gerade schwanger ist und sich in einer Vertrauenskrise mit Cenk befindet, wirkt leider auch viel zu konstruiert. Das fällt umso negativer auf, weil dieser Subplot die deutlich dynamischer und schneller geschriebenen Szenen um Cenks verzweifelte Suche nach Gloria und seine Sinnkrise sowie die äußerst interessante, wenn auch leider nur am Rande thematisierte Charakterstudie um die empathielose Auftragskillerin Valerie, die ein wenig mehr Vertiefung durchaus hätte vertragen können, an Screentime beschneidet.

Ohne Frage: Dieser Stoff hätte spannend werden können, politisch und gesellschaftlich relevant. Durch die Wahl einer zumindest in Teilen sehr grotesken Inszenierung wird dies jedoch allenfalls rudimentär erreicht. Die Defizite dieses Drehbuchs sind offenkundig. Das kann leider auch die noch so packende szenische Umsetzung mit der filigran eingesetzten Handkamera und den subtil gesetzten Leitmotiven sowie das eindrucksvolle Spiel von Mehmet Kurtulus und Corinna Harfouch nicht ändern.

Das Erste zeigt «Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie» am Sonntag, 6. Mai 2012, um 20.15 Uhr.

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