Interview

Patricia Schlesinger: ‚Wir haben nur diese eine Welt‘

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In dieser Woche beschäftigt sich die ARD mit #WIELEBEN und stellt unter anderem stark die Jugend in den Mittelpunkt. Quotenmeter sprach mit rbb-Intendantin Patricia Schlesinger über die kommenden Tage.

Die ARD-Themenwoche mit dem Motto „#WIELEBEN Bleibt Alles Anders“ geht vom 15. bis 21. November der Frage nach „Zukunft – braucht die jemand oder kann das weg?“. Mit einem großen Angebot aus wirtschaftlicher, kultureller, sozial-politischer und klimapolitischer Sicht versucht die ARD mit neuen Dokumentationen, Serien, Talk-Shows und Podcasts die Zuschauer auf das Thema zu sensibilisieren. Dazu hat Quotenmeter die rbb-Intendantin Patricia Schlesinger interviewt, die die Federführung der Themenwoche übernommen und die Programmdiversität überwacht hat.

Die Themenwoche #WIELEBEN hat ein großes Angebot von Umwelt, über Mobilität, Arbeit und Kultur. Denken Sie, dass Sie mit den Inhalten ein großes und besonders ausreichend breites Programm abgedeckt haben oder fehlt Ihnen etwas?
Das berührt direkt eine der zentralen Fragen der Themenwoche: Ist „mehr“ auch immer „besser“? Ich denke, wir machen ein umfangreiches, aber auch gut abgestimmtes Angebot, dafür haben wir fünf Schwerpunkte gesetzt: Gesellschaft und Politik, Wirtschaft und Arbeit, Mobilität und Bauen, Freizeit und Konsum, Umwelt und Klimaschutz. Das umreißt zentrale Felder unseres Zusammenlebens und jeder dieser Bereiche erlebt auf seine Weise Einschränkungen oder sogar Einschnitte durch die Pandemie. Die Coronakrise hat die Welt, wie wir sie kennen, aus den Angeln gehoben, wirtschaftlich, kulturell, sozial. Wir fragen jetzt: Können und wollen wir gemeinsam die Krise nutzen, um Strukturen zu überdenken, zu lernen und neue Ansätze zu entwickeln? Da setzt die ARD-Themenwoche an, vielfältige in den Formaten, den Ausspielwegen und Zielgruppen.

Wie erhoffen Sie sich, dass die Themenwoche mit Ihren Inhalten die Zuschauer dazu inspiriert, selbst über dieses Thema nachzudenken? Zeigen Sie durch die Formate nicht eher eine dystopische Zukunft?
Wir machen ja keine Fantasy oder entwickeln Horrorszenarien, sondern setzen bei unserem Blick in die Zukunft sehr konkret im Hier und Jetzt an. Dass wir am Ende düster oder ängstlich nach vorn schauen, ist nicht das Ziel. Im Gegenteil: Vieles kann inspirieren und faszinieren, da bin ich sicher. Die inhaltliche Bandbreite haben Sie schon angesprochen: Sie reicht von den aktuellen Formaten wie dem «ARD-Mittagsmagazin», den «Tagesthemen» oder auch der «Sportschau» über Talks wie «maischberger. Thema», «Wir müssen reden» im rbb oder «hart aber fair» bis zu eigens für die Themenwoche produzierten Dokumentationen, Serien und Spielfilmen wie «RAUS» und «Ökozid». Auf den Social-Media-Kanälen der ARD laden wir mit dem Format #7T7F zum Dialog über provokante Zukunftsfragen ein, das wird spannend.

Mit den Programmhighlights «Ökozid», «Expedition Arktis» sowie «Aufschrei der Jugend» haben Sie großen Wert auf die Klimakrise und den Klimawandel gelegt. Sollte Ihrer Meinung nach, dieses Thema verstärkt in den Fokus gerückt werden, besonders im Rahmen dieser Themenwoche, oder erachten Sie die anderen Themen als gleichwertig?
Das Programm im Ersten rückt die beiden Zukunftsaufgaben Klimawandel und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Nachhaltigkeit sehen wir als Herausforderung für alle Lebensbereiche, entsprechend vielfältig sind die Facetten, die wir dazu in der Themenwoche beleuchten, und das nicht nur im Ersten, sondern auch in den Dritten, im Radio, im Netz. Mit der Themenwoche setzt die oft als so uneins dargestellte ARD-Jahr für Jahr einen klaren gemeinsamen Schwerpunkt. Wenn das Projekt erfolgreich ist, gibt es Impulse für die Diskussion über wichtige gesellschaftliche Themen wie Glück, Arbeit, Gerechtigkeit oder Bildung. In diesem außergewöhnlichen Jahr nehmen wir nicht nur ein Zukunftsthema in den Blick, sondern unsere Zukunft wird selbst zum Thema.

Wie denken Sie, hilft das Programm der Themenwoche in der jetzigen Zeit, Falschmeldungen entgegenzuwirken und den sachlichen Diskurs von Fakten voranschreiten zu lassen?
Auf die Frage, wie wir leben wollen, gibt es sicher nicht die eine richtige Antwort. Da kommen viele persönliche Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen ins Spiel, deshalb müssen Antworten so vielfältig wie unsere Gesellschaft sein. Es geht uns ausdrücklich nicht um den moralischen Zeigefinger, sondern um einen konstruktiven Blick nach vorn – natürlich auf der Grundlage gesicherter Fakten. Wir laden auf dieser Basis dazu ein, Erfahrungen, Erwartungen und Ideen auszutauschen, darüber, wie wir mit unserer Lebenswelt umgehen wollen. So funktioniert in meinen Augen demokratische Willens- und Meinungsbildung.

Sie verleihen mit «Aufschrei der Jugend» oder «rbb young reporter» besonders auch den jungen Menschen in unserer Gesellschaft ein Gehör. Wie wichtig ist für Sie die Einbindung dieser Stimmen in Bezug auf die große Zukunftsfrage?
Sie ist unverzichtbar, denn ein zukunftsorientierter Generationendialog gelingt nur dann, wenn sich Jung und Alt angesprochen fühlen und voneinander wissen. In «Aufschrei der Jugend» erleben wir, wie junge Klimaaktivisten von „Fridays for Future“ sich und ihren Anliegen öffentliches Gehör in Politik und Gesellschaft verschaffen. Bei «rbb young reporter» erzählen junge Menschen aus dem Sendegebiet des rbb, was sie bewegt, was sie erlebt haben und in welcher Welt sie leben wollen. Ich kann versprechen: Da sind tolle Geschichten zu sehen und zu hören. Und noch eine besondere junge Stimme haben wir im Programm: Den Soundtrack zur ARD-Themenwoche liefert der 21-jährige Songwriter und Rapper Majan mit einer Adaption seines Songs „Es geht mir gut“.

Die Inhalte sind breit gefächert und divers. Wenn Sie noch Inhalte persönlich hinzufügen könnten, welche wären das?
Die Themenwoche, wir haben es oft genug erwähnt, geht in einem ganz außergewöhnlichen Jahr an den Start. Diese Tage prägt ein Teil-Lockdown, wir erleben parallel zur Themenwoche Einschränkungen des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Gerade für viele Kreative, die freischaffend, selbständig oder in kleinen Ensembles arbeiten, geht es um die berufliche und wirtschaftliche Existenz. Wir verstärken deshalb im rbb gerade wieder unser Engagement für die Kultur und für die Künstlerinnen und Künstler in Berlin und Brandenburg: mit der Übertragung von Kulturveranstaltungen, mit vielen Kreativen im Programm, die über ihre aktuellen Projekte berichten. Wenn Orte der Kultur schließen müssen, öffnen wir neue Räume. Parallel loten wir auch andere Formen der Unterstützung aus, das ist aber noch nicht ganz spruchreif.

Ihr Wunsch und Ziel ist es, nachhaltig zu leben sowie zu produzieren. Wie gedenken Sie sich eine langfristige Einbettung dieses Themas in Ihre Arbeit und den Produktionen innerhalb der ARD?
In dieser Woche legt die ARD zum ersten Mal ihren Nachhaltigkeitsbericht vor. Er dokumentiert, was die Sender unseres Verbundes als Inhalteproduzenten, Arbeitgeber und Wirtschaftsunternehmen ökologisch, ökonomisch und auch sozial in die Waagschale werfen können, zum Beispiel durch klimafreundliche und ressourcenschonende Produktionen oder energiesparendes Bauen oder Fahren. In der gesamten ARD sind wir gerade dabei, solche Bestrebungen auch strukturell abzusichern, etwa über Nachhaltigkeitsbeauftragte oder fachübergreifende Koordination. Nachhaltigkeit berührt dabei nicht zuletzt auch unsere Rollen als Auftraggeber für die Kreativ- und Medienbranche, als Ausbildungsstätten oder als Partner für Kultureinrichtungen.

Was ist denn Ihre Antwort auf die Frage der Themenwoche? Wie sollen wir leben? Bleibt denn alles anders?
Wenn ich auf die Frage antworten soll, wie und in welcher Welt wir leben wollen, sage ich: Wir haben nur diese eine Welt, also tun wir besser etwas für sie. Die Corona-Pandemie führt uns „live“ vor Augen, was Globalisierung bedeutet und wie stark wir alle für diesen Planeten mit seinen endlichen Ressourcen verantwortlich sind. Der Philosoph Hans Jonas sprach von der „Weiterwohnlichkeit“ der Welt. Wie wohnlich sie in Zukunft sein wird, hängt von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen. Vielleicht trägt die Themenwoche ein wenig dazu bei, sie noch klüger zu treffen – das wünsche und erhoffe ich mir.

Herzlichen Dank.

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