Die Kritiker

«Exit» – Scifi aus deutschen Landen!

von   |  1 Kommentar

Linus unterhält sich mit seiner Mutter via Videotelefonie. Ach, es wäre so schön, wenn er mal wieder nach Hause käme, bittet sie ihren in der Ferne weilenden Sohnemann. Linus wirkt seltsam verstört. Ja, das wäre schön, antwortet er. Und verspricht, dass er kommen wird. Mit seiner Freundin Luca. Dieses Jahr bestimmt. Das Gespräch endet. Mit einer Mutter – die vor drei Jahren verstorben ist.

Stab

REGIE: Sebastian Marka
DREHUCH: Erol Yesilkaya
KAMERA: Willy Dettmeyer
SCHNITT: Sebastian Marka
SOUND: Jan Cziharz
PRODUKTIONSMANAGEMENT: Sara Bold, Rebekka Garrido
DARSTELLER: Friedrich Mücke, Laura de Boer, Jan Krauter, Aram Tafreshian, David K.S. Tse
Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Das Erste zeigt an einem Mittwoch um 20.15 Uhr, jenem Sendeplatz, auf dem stets die Filme mit den gesellschaftlich relevanten Themen ausgestrahlt werden, einen Sciencefiction-Film. Near-Future-Filme nennen SWR und NDR als federführende Sendeanstalten das Format. Es wird demnach keine großen Raumschiffe und ähnliches zu sehen geben. Die nicht allzu ferne Zukunft soll im Mittelpunkt der angedachten Produktionen stehen. «Exit» macht den Anfang, ein zweiter Film unter der Regie von Emmy-Preisträgerin Maria Schrader befindet sich in der Produktion.

Die letzten Versuche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Scifi in die deutschen Wohnstuben zu bringen, fanden Ende der 1970er Jahre statt. Im Grunde kann Rainer Erlers Astronautenfilm «Operation Ganymed» als letzter ernsthafter Versuch gewertet werden, das Genre tatsächlich zu einem deutschen zu machen. Erler drehte den Film im Auftrag des ZDF – 1977. Seither herrscht Ödnis. Legendär sind unter Genrefans Roland Emmerichs Versuche, ein Reload von «Raumpatrouille» in deutschen Landen zu produzieren – ein Unterfangen, das der deutsche Blockbuster-Regisseur irgendwann still und heimlich aufgegeben hat. Selbst auf dem Höhepunkt seines Erfolges scheiterte er an der deutschen Mutlosigkeit.

Und nun bricht die ARD zu neuen Ufern auf? Man kann es kaum glauben. Noch weniger mag man glauben, dass «Exit» dann auch noch ein richtig guter Film geworden ist!



Der Zweifel der Visionäre
Die Welt in rund 20 Jahren. Linus Eckert ist ein junger Visionär aus deutschen Landen. Mit seinen Freunden Bahl und Malik sowie seiner ehemaligen Verlobten Luca hat er ein Programm entwickelt, das sämtliche Erinnerungen und Gefühle eines Menschen aufzeichnen kann. Ein nahe des Stammhirns implantierter Chip zeichnet all das auf, was man das Leben nennt. Jede Erinnerung, jedes Gefühl, jede Emotion wird gespeichert. Doch das, was die vier Deutschen entwickelt haben, ist mehr als eine Festplatte, die Erinnerungen archiviert. Ihr Programm erschafft aus all diesen Informationen einen Menschen. Oder genauer gesagt → den Menschen ←, dessen Erinnerungen es aufzeichnet. Der Tod wird digital besiegt.

Nach Jahren der Entwicklung steht für Linus, Bahl, Malik und Luca der große Tag an. In Tokio präsentieren sie ihr Programm einem japanischen Industriellen, um mit diesem ein Joint-Venture-Unternehmen zu gründen. Sicher, ihr japanischer Partner wird am Ende des Tages mit seinen Möglichkeiten – er ist der größte Hologramm-Entwickler der Welt – den größeren Reibach an ihrer Entwicklung machen als sie selbst. Aber eines ist klar: In dem Moment, in dem sie die Verträge unterschreiben, werden sie nicht nur wohlhabend sein. Ihre Unterschriften sind für sie Milliarden wert. Sie sind reich!

Oder wären reich, wenn Linus nicht plötzlich Gewissensbisse bekäme. An sich ist das Gespräch, das er mit seiner Mutter führt, der Beweis für all die Verkaufsversprechen, die sie ihrem japanischen Investor gegeben haben. Da ist die Mutter, die sich ihrer Nicht-Existenz nicht bewusst ist. Da ist das Umfeld, in dem sie agiert und das sich von der Realität nicht unterscheiden lässt. Und da ist das Gespräch, das die beiden führen. Ein Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich nahestehen. Nur, dass einer dieser Menschen nicht weiß, dass er gar nicht mehr existiert. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Linus' Mutter lebt. Auf ihre Art und Weise.

Aber ist das ein echtes Leben? Linus fühlt sich emotional nach diesem Gespräch überfordert, eine Unterschrift leisten zu können. Er erbittet Zeit von seinem Investor. Der nicht gerade erfreut reagiert, allerdings der Verzögerung zustimmt. Während Bahl und Malik vergrätzt reagieren, versucht Luca zu vermitteln. Was die Sache auch nicht einfacher macht, da Linus bis heute nicht versteht, warum sich Luca von ihm getrennt hat. Als Luca kurze Zeit später verschwindet, befürchtet Linus, dass ihn sein Partner in spe, Linden Li mit Namen, auf diese Weise recht unsanft unter Druck setzen will. Er vertraut Linden Li nicht und betrachtet dessen freundliche Fassade als eine Maske, hinter der er letztlich genauso ein gewissenloser, nur auf seinen Profit bedachter Industrieller ist wie alle anderen Investoren auch.

Aber nicht nur Luca ist plötzlich unauffindbar. Auch um Linus herum geschehen einige seltsame Dinge. Ganz so, als wäre die Welt, in der er sich bewegt, nicht wirklich real. Was ihn nicht verwundern würde, ist Linden Li schließlich Weltmarktführer in allen Bereichen, die irgendetwas mit dem Thema Holografie zu tun haben. Hat ihn Li in eine Falle gelockt, um eine Unterschrift zu erzwingen.

2029 – Geschichten von morgen
«Exit» basiert auf der Kurzgeschichte «Nachspiel» des aus Hagen stammenden Autors Simon Urban, die 2019 in der Suhrkamp-Anthologie «2029 – Geschichten von morgen» erschienen ist. Verfilmt haben es nun Erol Yesilkaya (Drehbuch) und Sebastian Marka (Regie), die 2019 für den «Tatort» «Meta» einen Grimme Preis erhalten haben. Seit einigen Jahren arbeiten die beiden als Duo zusammen und schon ihre erste gemeinsame Arbeit, ebenfalls ein «Tatort» (Das Haus am Ende der Straße) – war anders, denn statt eines klassischen Kriminalfilmes präsentierten sie dem Publikum einen Invasions-Thriller. Erol Yesilkaya hat darüber hinaus einen Horrorfilm für ProSieben geschrieben, 2009, als ProSieben tatsächlich noch eigene Spielfilme produzierte und den Hintern in der Hose hatte, auch mal etwas zu wagen, was sich vom deutschen Film- und Serieneinerlei abhob. «Gonger» hieß der Film, der sogar ein Jahr später noch eine Fortsetzung erlebte. Auch an der Serie «Sløborn» hat Yesilkaya mitgewirkt. Man kann den beiden Fernsehmachern somit durchaus eine Nähe zum Genre unterstellen und tatsächlich, es ist für den SWR ein Glückfall, dass die beiden den ersten Film der angedachten Near-Future-Reihe inszeniert beziehungsweise geschrieben haben.



Im Kinoformat
«Exit» ist nicht perfekt. Man spürt der Geschichte ihre Herkunft aus der Literaturgattung der Kurzgeschichte an. Die Handlung führt stringent, ohne größere Abzweigungen zu nehmen auf einen Aha-Moment zu und bewegt sich damit in der Tradition von Anthologieserien wie «Outer Limits» oder «The Twilight Zone». Deren Episodenspielzeiten bewegen sich für gewöhnlich zwischen 25 und 50/55 Minuten. In diesem Format wäre «Exit» mit Sicherheit auch gut aufgehoben gewesen. Dessen scheinen sich die Macher bewusst gewesen zu sein – und fügen die Geschichte in ein visuelles Gesamtkonzept ein, das die Handlung über die Spielfilmzeit zu tragen versteht. Sprich: Visuell erzählt «Exit» seine Geschichte auf Kinoniveau. 407 Effectshots sprechen ebenso eine deutliche Sprache wie die Tatsache, dass «Exit» im Kinoformat 2,35:1 inszeniert worden ist – inklusive entsprechender Kameralinsen. «Exit» sieht einfach schön aus. Er findet eine sehr eigenen Bildsprache, die sich weit von normalen Mittwochsfilmen entfernt. «Exit» wäre kein großer Kinofilm geworden (dafür ist das Budget dann vermutlich doch etwas zu tv-mäßig ausgefallen), als Festivalfilm aber hätte er mit Sicherheit sein Publikum auch jenseits des Bildschirmes gefunden.

Hauptdarsteller Friedrich Mücke wiederum erledigt seinen nicht ganz einfachen Job souverän. Ganz leicht ist der nicht, da er in fast jeder Szene anwesend ist. So wird die gesamte Geschichte letztlich alleine durch seine Augen erzählt, was wiederum bedeutet, dass sich die Zuschauer zu jedem Moment der Geschichte exakt auf seinem Wissensstand bewegen. Die Geschichte gönnt weder ihrem Protagonisten noch den Zuschauern einen Wissensvorsprung – bis auf das Ende, in dem dieses Prinzip ein ganz klein wenig gebrochen wird. Was aber, ohne zu spoilern, in diesem Moment Sinn macht.

Es tut sich etwas in deutschen Fernsehlanden. Netflix legt vor und beweist vor allem, dass auch Formate, die man gemeinhin nicht unbedingt als deutsche Genre bezeichnen würden, in deutschen Landen funktionieren können. Die Zuschauer nehmen sie an. Und die Macher können es. Man muss sie nur lassen. Etwas verborgen vor den Augen der ganz großen Öffentlichkeit hat 2020 schließlich mit «Spides» eine deutsche Alien-Invasionsserie aufs Publikum losgelassen. Allerdings „nur“ auf dem Spartensender Syfy, der mit «Spides» erstmals in Deutschland produzierte – nach einer Idee von Rainer Matsutani, der in den 90ern und frühen 2000ern mit einigen dem Horrorgenre nahestehenden Produktionen bereits Genrekino (und Fernsehen) aufs teutonische Publikum losließ, dann aber irgendwann den Kampf gegen die Windmühlen der Genrefeindlichkeit deutscher Sender und Produzenten aufgab und unter anderem Massen an «Soko Stuttgart»-Episoden drehte – um mit «Spides» dann einen langgehegten Traum zu verwirklichen. Allerdings, wie erwähnt, jenseits der großen Aufmerksamkeitsbringer. Ein solcher Aufmerksamkeitsbringer ist der Mittwochabend im Ersten auf jeden Fall. Bleibt zu hoffen, dass «Exit» dort sein Publikum findet, damit «Exit» der Anfang einer noch langen Reihe von Spielfilmproduktionen wird.

Am Mittwoch, 28. Oktober 2020, Das Erste, 20.15 Uhr.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Grungi
15.11.2020 18:21 Uhr 1
Handwerklich ist der Film gut gemacht, in dieser Hinsicht wird dem gelernten Hollywood-Blockbuster-Konsument einiges geboten.



Unterdessen werden derartige Ideen oft konterkariert durch ein Problem, das als Äquivalent zum Logikproblem in Zeitreisestories anzusehen ist. Auch in dieser dt. Antwort auf die Matrix-Filme geht aus der Handlung nicht hervor (und daran hängt eigentlich die ganze Prämisse wie an einem seidenen Faden), daß - wenn der Hauptcharakter durch Systemstörungen seiner Situation auf die Spur kommt, daß er in dem menschengemachten Atheistenparadies (denn er ist tot) steckt, an dessen Kreation er selbst beteiligt war - es diese Störungen zu seinen Lebzeiten nicht hätte geben dürfen und er folglich kein Motiv hätte, in den Tod zu springen (um seine Theorie zu veri-/falsifizieren).



Gegen Ende zieht er das persönliche Fazit, daß es für ihn (als Simulat) aus seiner künstlichen Umgebung kein Entrinnen gibt und fügt sich in sein Schicksal. Dies geschieht aus seiner Erkenntnis der Situation heraus, in einer Szene, die aus R. W. Fassbinders "Welt am Draht" (1973) oder der Neuauflage "The 13th Floor" (1999) entlehnt zu sein scheint. In dieser Richtung gehen jedoch beide Filme (die auf derselben Vorlage basieren) einen großen Schritt weiter, indem sie darstellen, daß außerhalb der falschen Welt doch eine echte Welt existiert.

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