Die Kritiker

«Die Weite der Nacht»: Das Fräulein vom Amt und der Kerl vom örtlichen Radiosender vernehmen das Unbekannte

von

Amazon Prime hat mit dem im Original «The Vast of Night» betitelten Retro-Sci-Fi-Film ein wahres Kleinod im Programm.

Filmfacts «The Vast of Night»

  • Regie: Andrew Patterson
  • Produktion: James Montague, Melissa Kirkendall, Adam Dietrich
  • Drehbuch: James Montague, Craig W. Sanger
  • Cast: Sierra McCormick. Jake Horowitz
  • Musik: Erick Alexander, Jared Bulmer
  • Kamera: M. I. Littin-Menz
  • Schnitt: Junius Tully
  • Laufzeit: 89 Minuten
Es sind die 1950er Jahre. Wir befinden uns in einem kleinen Dorf im Nirgendwo von New Mexico: Quasi der ganze Ort hat sich versammelt, um einem Basketballspiel der Schulmannschaft beizuwohnen. Nur der ebenso charismatische wie vorlaute Radio-DJ Everett (Jake Horowitz) und die Telefonistin Fay Crocker (Sierra McCormick), eine ebenso belesene wie zurückhaltende Jugendliche, haben anderes vor. Nach einem ausführlichen Plausch über aktuelle Audio-Aufnahmetechnologie, dies, das, jenes und die unendlich scheinenden Möglichkeiten der Zukunft, gehen sie ihren Tätigkeiten nach. Dabei werden sie bald wieder vereint, denn Fay vernimmt seltsame Störgeräusche in der Telefonleitung, auf die sie Everett aufmerksam macht. Der bittet seine Hörerschaft um Hinweise, worum es sich dabei handeln könnte. Alsbald werden sie mit schaurigen Behauptungen und außerweltlichen Vermutungen konfrontiert …

Wenn man «Die Weite der Nacht» etwas vorwerfen könnte, so ist es eine Inkonsequenz darin, das anfänglich eingeführte Gimmick durchzuziehen: Der Film beginnt mit einer Kamerafahrt auf einen 50er-Jahre-Röhrenfernseher, auf dem eine an die Original-«Twilight Zone» angelehnte Anthologie-Serie über sonderbare Geschichten läuft. Der Film wird uns quasi als Fernsehepisode-im-Film vorgestellt. Doch früh wird klar, dass «Die Weite der Nacht» bloß in groben, vor allem tonalen Zügen von den Sci-Fi- und Mystery-Geniestreichen der 1950er- und frühen 1960er-Jahre inspiriert ist – und sich eben nicht als ganzheitlicher stilistischer Rücksturz versteht.

Denn selbst wenn man davon absieht, dass die Fernsehepisode-namens-«Die Weite der Nacht»-in-diesem-Amazon-Originalfilm-namens-«Die Weite der Nacht» irgendwann von Schwarz-Weiß in Farbe übergeht: Regisseur Andrew Patterson durchzieht seinen Film mit minutenlangen Plansequenzen zum Zungenschnalzen, die mit den Möglichkeiten des 50er-Fernsehens undenkbar gewesen wären. Ein ausführlicher Dialog zwischen Everett und Fay über potentielle wissenschaftliche Errungenschaften ist überdeutlich-augenzwinkernd mit dem Wissensstand von heute verfasst und rückwirkend 50er-Jahre-Jugendlichen in den Mund gelegt worden. Und wenn während Everetts Radiosendung minutenlang auf ein Schwarzbild geblendet wird, weil Andrew Patterson nach eigener Aussage das Gefühl rekreieren will, wie es ist, gebannt einem True-Crime-Podcast zu lauschen … Naja, das erklärt sich wohl von selbst.

Um «Die Weite der Nacht» genießen zu können, muss man deshalb früh die Erwartungshaltung ablegen, hier eine im Heute entstandene Hommage an das «Twilight Zone»-Original zu sehen, die mit damaligen Mitteln umgesetzt wurde. Viel mehr ist «Die Weite der Nacht» ein informiertes Wiederauflebenlassen von Geschichten, die in den 1950er-Jahren spielen und von einem ignorant-konservativen Mittelstand-Amerika erzählen, das sich für aufgeschlossen, aufgeklärt und nett hält, aber überhaupt nichts davon weiß, was außerhalb seines Horizonts geschieht. Ein piefiges Amerika, das unschlüssig ist, ob es vom "Anderen" fasziniert oder erschreckt sein will. Gewürzt wird diese Hommage mit weiteren Sci-Fi- und Suspense-Genreeinflüssen, die vom 80er-Jahre-Amblin-Kino reichen, das sich um junge Protagonistinnen und Protagonisten dreht, ohne sie in Watte zu packen, bis hin zu den besagten modernen Spannungs-Podcasts.

Patterson gelingt so ein sehr sonderbarer, äußerst hypnotischer Balanceakt aus heutigem Erkenntnisstand, modernen technischen Möglichkeiten, altmodisch-bewusster Limitierung sowie nostalgischer Brille. So düst Kameramann M.I. Littin-Menz an einer Stelle minutenlang durch den Handlungsort, was nicht nur auf handwerklicher Ebene erstaunt, sondern auch ein Gefühl für die Dimensionen der Kleinstadt vermittelt und so die Grundlage für spätere Spannungsmomente schafft. Patterson balanciert diese aufgescheuchte Kamerafahrt aus, indem er sie zwischen stationäre Low-Tech-Szenen mit ebenso großer Sogkraft platziert.

Beispielsweise verharrt die Kamera lange darauf, wie Fay als Telefonistin tätig ist – und Sierra McCormick bedient darin behände eine authentische Schalttafel, während sie verschiedene, sich teils überkreuzende Gespräche führt und sich im Hinterkopf ihrer Rolle schleichend eine beunruhigende Vermutung ausbreitet. Jake Horowitz dagegen rollt später, ebenfalls in einer langen, statischen Einstellung, zahlreiche alte Audiobänder auf und wieder ab, während er als Everett eine aufgekratzte, stressige Unterredung führt und sich gleichzeitig seine Gedanken um mehrere, dringliche Dinge kreisen.

Patterson gelingt es, diese Handfertigkeiten, die einst weit verbreitet waren und nun besonders wirken, als packende, minutiöse Fähigkeiten darzustellen und eng mit dem sich sukzessive, subtil zuspitzenden Dialogbuch zu verknüpfen. Denn für die Entwicklung des Plots ist es gleichermaßen bedeutend, dass Fay und Everett ihre technischen Aufgaben wie im Schlaf beherrschen, als auch, dass sie parallel dazu effizient kommunizieren und so dem an Dringlichkeit zulegendem Geheimnis auf die Spur kommen. «Die Weite der Nacht» ist sozusagen nostalgische Technologie-Pornografie und wortlastiger, die Spannung zwischen den Zeilen und abseits des Bildes hochpeitschender Sci-Fi-Stoff zugleich.

«Die Weite der Nacht» würde massiv scheitern, wären da nicht diese fabelhaften Darstellungen von Sierra McCormick und Jake Horowitz, die mit Authentizität und Esprit bestechen. Sie versehen ihre Rollen mit mühelosem Charisma, während das Drehbuch von Craig W. Sanger und Andrew Patterson (unter dem Pseudonym James Montague) ihnen immer wieder kleine, teils von ihrem Zeitkolorit abhängige, Widerhaken verleiht – also Rauheiten, die diese Figuren lebendiger und schwieriger machen.

Obwohl sie Sympathieträger sind, bleiben sie durch Vorurteile oder in manchen Dingen begrenzte Horizonte schwer einzuschätzen, so dass stets unklar ist, wozu sie sich als nächstes entscheiden werden. Gehen sie dem faszinierenden, einschüchterndem Geräusch nach oder kriegen sie kalte Füße? Schenken sie den Tipps von Everetts Hörerschaft Glauben oder lassen sie sich von vorgefertigten Meinungen und eigenen Ängsten ausbremsen?

Versehen mit einem extrem selbstbewusst-zurückhaltendem Schnitt durch Junius Tully (einem weiteren Pseudonym Pattersons), und einer melancholischen, reumütigen Musik von Erick Alexander und Jared Bulmer entsteht so ein außergewöhnlicher Film, der sich stolz und zielsicher an zahlreichen Vorbildern bedient, um ein ganz individuelles, soghaftes Gesamtpaket zu schnüren. Und so inkonsequent die Retro-Aufmachung auf technischer Ebene sein mag, so kompromisslos-zielsicher ackert sich die sachte beginnende Handlung einem faszinierenden Finale entgegen …

«The Vast of Night» ist auf Amazon Prime abrufbar.

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