Hintergrund

Serientheorie: Der Neue in der Truppe

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Filme und Fernsehserien folgen einem klaren Muster – und das seit Jahrzehnten. Dieses Mal: Der stetige Neuzugang.

Zwischen den bekannten Krankenhausserien «Emergency Room», «Grey’s Anatomy» und «New Amsterdam» bestehen weniger Gemeinsamkeiten als etwa zwischen «Emergency Room», «CSI» und «9-1-1». Denn entscheidend für die Dramaturgie und die Wirkmächtigkeit einer Serie ist nicht unbedingt ihre inhaltliche Verortung in einem bestimmten Milieu oder einer bestimmten Berufsgruppe. Nur weil es sich im ersten Beispiel um drei Medizin-Dramen handelt, muss die Schnittmenge dieser Formate nicht besonders groß sein. «CSI», «Emergency Room» und «9-1-1» vereint dagegen ein sehr ähnlicher Blickwinkel: Allesamt gehören sie zur Sorte „Der neue in der Truppe“.

Bei «Emergency Room» kommt der junge Medizin-Student John Carter an seinem ersten Tag in die Notaufnahme und wird von einem wild durchgemischten Team begrüßt. Es greifen die typischen Elemente der klassischen Heldenreise: Mark Greene, der leitende Assistenzarzt, kommt unter die Fittiche des schon erfahreneren chirurgischen Assistenzarzts Peter Benton. Mit der Einführung eines Charakters zu Beginn einer Serie kann dem Zuschauer die Gruppendynamik schnell und einfach gezeigt werden. Wer hat welche Rolle inne? Wer hat das Sagen? Wer ist der Strenge unter den Ärzten, wer ist eher nachsichtig und fürsorglich? Mediziner-Dramen greifen besonders gern auf dieses Stilmittel zurück. Und Staffel für Staffel führt «Emergency Room» einen neuen Assistenzarzt frisch vom College nach dem anderen ein.

Im Vordergrund von «Emergency Room» standen nie die medizinischen Fälle. Schon seit der ersten Runde waren die Ärzte und Pfleger mit ihren persönlichen und beruflichen Problemen der Mittelpunkt der Dramaturgie. Neben der ausführlichen Erzählung der privaten Lebenswirklichkeit der Figuren ging es ebenso zentral um den Kampf gegen das mitunter marode Krankenhaussystem der Vereinigten Staaten: Nicht selten gerieten Notfall-Kinderarzt Doug Ross, verkörpert von George Clooney, und die kommissarische Chefärztin der Notaufnahme, Kerry Weaver, aneinander. Clooney Figur nutzte alle noch halbwegs legalen Mittel, um für seine kleinen Schützlinge zu kämpfen, und musste dabei oft gegen die eher wirtschaftlich geprägten Bedenken seiner Kollegen ankämpfen. Auf dem Höhepunkt dieses Konflikts warf Ross schließlich die Brocken hin und verließ das County Hospital.

Im weiteren Verlauf der Serie wurden noch mehr konfliktreiche Grundkonstellationen kreiert, doch keine konnte mehr wirklich Spannung aufbauen. Spätestens nach dem Tod von Dr. Greene war der Stoff auserzählt, und die Serie musste jahrelang rückläufige Einschaltquoten hinnehmen. Erst in der finalen Staffel gelang mit Kate Banfield die Einführung einer Oberärztin, die zwar streng war, allerdings auch beim Publikum Sympathiepunkte erhielt.

Während «Emergency Room» meist mehrere kleine Fälle pro Woche und einige folgenübergreifende Geschichten erzählte, waren die meisten Fälle von «CSI» innerhalb der jeweiligen Folge abgeschlossen. Ohnehin wirken eine Krankenhausserie und Spurenermittler nicht gerade ähnlich. Doch auch diese Serie stützte sich dramaturgisch auf den Blickwinkel des Neuzugangs. In der zweiten Folge der Serie stößt Sara Sidle (verkörpert von Jorja Fox) zum Ensemble hinzu und muss sich zwischen Grissom und Catherine Willows, Nick und Warrick zurechtfinden.

Bei «CSI» fungierte Gil Grissom als der Lehrmeister, zu dem die Kollegen aufsahen. In der fünften Staffel holte man Greg Sanders aus dem Labor heraus, um ihn vor Ort Spuren untersuchen lassen. Somit wurde auch hier wieder ein „Neuer“ in die Truppe eingeführt, der die Gepflogenheiten der Stammcrew erleben musste. Problematisch wurde es nach dem Abgang von Grissom, als Laurence Fishburne als neuer Hauptdarsteller engagiert wurde: Der avancierte mit seinem bekannten Namen und seinem spielerischen Talent zwar zum Star der Serie war, seine Figur stand als Anfänger jedoch in der Hackordnung unter allen anderen – eine Divergenz, die das Format nie konsequent auflösen konnte.

Das Ensemble-Drama «9-1-1», bei dem die Polizei, Feuerwehr und Rettungssanitäter in Los Angeles begleitet werden, startete Produzent Ryan Murphy mit gleich sieben Hauptdarstellern. In der zweiten Staffel kamen vier weitere Gesichter hinzu, zwei waren zuvor gar nicht in der Serie zu sehen gewesen. Das Feld der Nebendarsteller ist groß, nach der zweiten Staffel verabschiedeten sich mehrere Schauspieler, drei neue Figuren wurden eingeführt. Gerade «9-1-1» hat sympatische Figuren gewonnen, das Format konnte im Herbst die Reichweiten deutlich steigern. Wer bei den spektakulären Einsätzen der Rettungskräfte seinen Kollegen vertrauen möchte, braucht eine tiefe Verbindung zu ihnen. Stetige Reibereien, Gerichtsverfahren und körperliche Auseinandersetzung sind da dankbare Motive, mit denen man breite Zuschauerschichten abholt.

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