Die Kritiker

«My Big Night»: Der Horror hinter Spaniens «Silvesterstadl»-Kulissen

von

Blut, Schweiß, Tränen und genervte, große Egos, die Gift und Galle spucken: «My Big Night» ist ein Kleinod im Genre der TV-Satire.

Filmfacts «My Big Night»

  • Regie: Álex de la Iglesia
  • Drehbuch: Jorge Guerricaechevarría, Álex de la Iglesia
  • Cast: Raphael, Mario Casas, Blanca Suárez, Pepón Nieto
  • Produktion: Enrique Cerezo
  • Musik: Joan Valent
  • Kamera: Ángel Amorós
  • Schnitt: Domingo Gonzalez
  • Laufzeit: 100 Minuten
Der spanische Filmschaffende Álex de la Iglesia ist in Deutschland leider kein weitläufiger Begriff. Das wird sich womöglich noch ändern, da er für Amazon eine Horror-Filmreihe aus der Taufe heben wird. Doch es ist definitiv bedauerlich, dass es wohl die Hilfe des Versandhändlers und Streamingdienstbetreibers benötigt, um Álex de la Iglesia hierzulande bekannt zu machen. Denn der Filmemacher hat eine lange, wandelbare Reihe an markanten Produktionen in seiner Vita stehen. Sei es eine pechschwarze Komödie wie «Allein unter Nachbarn – La comunidad», ein Western mit Elementen einer Familiendramödie («800 Bullets»), ein schillernder Ganovenspaß («Ein ferpektes Verbrechen – Crimen ferpecto»), der makabere Bilderrausch «Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod» oder der Hexen-Irrwitz «Die Hexen von Zugarramurdi» (auch bekannt als «Witching & Bitching»).

Darüber hinaus verantwortete Álex de la Iglesia einen Film, den Millionen von Deutschen jederzeit ohne größere Umstände abrufen könnten, um mit dem Stil des Spaniers familiär zu werden: «My Big Night», eine TV-Satire, die nach ihrer Auswertung auf dem Fantasy Filmfest zu Netflix wanderte – und dort eigentlich schon längst von der Quotenmeter.de-Leserschaft hätte entdeckt werden müssen.

Immerhin geht es in «My Big Night» um die turbulenten, albernen, bissig-humorigen und blutigen Ereignisse während der Produktion einer großen Silvestershow im Stile von «Silvesterstadl» alias «Silvestershow mit Jörg Pilawa». Aber gut, dann nehmen wir uns der Aufgabe halt an und stellen unserer Leserschaft anlässlich des Iglesia/Amazon-Deals das Netflix-Kleinod vor, das seit Jahren ein Schattendasein fristet und mit Witz, Stil und Charakter den Wahnwitz namens Fernsehbranche thematisiert:

Es ist noch warm und spätsommerlich in Madrid, trotzdem wird in einem großen Fernsehstudio bereits so getan, als stünde der Jahreswechsel bevor: Unter der Moderation zweier TV-Stars, die sich auf den Tod nicht ausstehen können, und verantwortet vom gewissenlosen Produzenten Benítez, entsteht bereits mit vier Monaten Vorlauf eine große TV-Silvestergala. Schlagerlegende Alphonso und die junge Latin-Pop-Sensation Adanne kämpfen darum, wer prominenter in Szene gesetzt wird, und dann verletzt sich auch noch ein Statist tödlich, weshalb eine Arbeitsvermittlung eingesetzt wird, um möglichst schnell Ersatz zu finden.

Die wählt den Arbeitslosen José, der sich alsbald in seine Tischnachbarin Paloma verliebt. Was im Studio, wo die Nerven aufgrund der unnötig langen Dreharbeiten schon lange blank liegen, kaum wer weiß: Der verantwortliche Sender steckt in der wirtschaftlichen Krise, was den Druck auf die wenigen Eingeweihten bei dieser Produktion erhöht – und vor den Toren des Studios für noch intensiveren Ärger sorgt …

Showbiz-Satiren beginnen üblicherweise nah an der auch nach außen hin zu beobachtenden Wirklichkeit und steigern sich dann nach und nach in überspitzte Karikaturen und bissige, entlarvende Übertreibungen, ehe sie wahlweise völlig eskalieren oder ins bittere, dramatische Fach überleiten. Regisseur/Autor Álex de la Iglesia und sein Schreibpartner Jorge Guerricaechevarría («Ende») verlieren in «My Big Night» dagegen keine Zeit, um einen drastischen Tonfall zu signalisieren: Dieser filmgewordene Seitenhieb auf langgezogene Showaufzeichnungen, übergroße Egos und Showverantwortliche, die einen Blick für alles mögliche haben, nur nicht für das Menschliche, steuert nicht etwa auf einen unrühmlichen Tod hin – sondern eröffnet mit einem.

In Sachen "dramaturgische Steigerung" wirft «My Big Night» also die Konventionen über Bord und riskiert geflissentlich, dass die emotionale Fallhöhe darunter leidet, weil sich das Publikum prompt dessen gewahr wird, sich hier einer bös-grotesken Überzeichnung auszusetzen. Dessen ungeachtet hat «My Big Night» einen menschelnden Kern – und zwar in der schüchternen Liebelei zwischen Neu-Statist José und der Statisten-Veteranin Paloma. Es mag auf dem Papier ein klischeehafter "Wir müssen die Figuren humanisieren, also … ROMANZE!"-Subplot sein, jedoch glänzt Blanca Suárez («Telefonistinnen») in der Rolle Palomas, die sich auf ihre ganz eigene Weise durch diese stressige Aufzeichnung kämpft und bei aller überspitzten Charakterzeichnung recht glaubhaft auf José eingeht.

Zudem: Dank der pointiert ineinander fließenden Storyfäden und des knackigen Filmschnitts hat diese Fernsehsatire trotz zahlreicher Brandherde, die die Figuren zu überstehen und oft auch zu verantworten haben, praktisch so gut wie keine Durchhänger. Dadurch bleibt die schon gesteigert beginnende Erzählung kurzweilig und dynamisch – die Dialoge sind gewitzt, die Performances (vor allem von Raphael und Mario Casas als Erzrivalen) sind voller Energie und das glitzernde, glänzende Produktions- und Kostümdesign allein gibt dieser Satire schon zusätzliche Würze.

Fazit: Glanz, Blut und Chaos bei einer überlangen TV-Aufzeichnung: «My Big Night» ist bissiger, frivoler Filmspaß voller gezielter Seitenhiebe auf das Fernsehgeschäft.

«My Big Night» ist auf Netflix abrufbar.

Kurz-URL: qmde.de/118915
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