Nicht nur Netflix produziert Filme, auch Streaming-Mitbewerber Amazon ist im Filmgeschäft – und der entlässt sogar einen Großteil seiner Filme regulär ins Kino. Zum Abschluss: «Beautiful Boy».
Durch den Fokus auf die Perspektive des Vaters bekommt man von solchen Szenen, die in anderen Drogendramen normalerweise Standard sind, nicht viel mit. Nur selten erlebt der Zuschauer Nic, dessen innere Zerrissenheit Timothée Chalamet («Call Me By Your Name») leidenschaftlich zum Ausruck bringt, tatsächlich beim aktiven Konsum. Auch die Folgen dessen treten oft erst dann hervor, wenn er den Kontakt mit seinem Vater sucht. Dadurch geht «Beautiful Boy» eine im Genre durchaus erwartbare Härte ab. Emotional packend gerät der Film trotzdem; erst recht je weiter sich die Ereignisse zuspitzen. Wie schon in «A Broken Circle» forciert Felix Van Groeningen, der gemeinsam mit Luke Davies («Lion – Der lange Weg nach Hause») auch das auf einer Doppelbiographie von David und Nick Sheff basierende Drehbuch verfasste, auch diesmal kein eindeutiges Happy End. Selbst vor der Beantwortung sämtlicher Fragen scheut sich der Auteur – und trifft dabei letztlich den Nagel auf den Kopf. Lediglich eine abschließende Texttafel darüber, wie schlecht es in den Vereinigten Staaten um Therapieplätze für Drogenabhängige bestellt ist, ordnet Teile der Ereignisse in eine anklagende Richtung ein.
Erzählerisch ist «Beautiful Boy» über jeden Zweifel erhaben. Wer einen authentischen und auf emotionaler Ebene harten Blick auf die Welt der Drogenabhängigkeit erleben will, der einmal nicht den Süchtigen selbst, sondern die verzweifelten Außenstehenden widerspiegelt, findet in Felix Van Groeningens Film sogar noch einen besseren Kandidaten als den in der zweiten Hälfte deutlich reißerischer ausfallenden «Ben is Back» von Peter Hedges. Lediglich inszenatorisch gefällt «Beautiful Boy» in Details nicht immer. Gerade in der ersten Dreiviertelstunde springt der Film zeitlich unkoordiniert hin und her, was die strukturell eigentlich in eine eindeutige Richtung verlaufenden Handlung unnötig verkompliziert. Hin und wieder verliert man gar den Überblick, in was für einem Zeitraum sich die Leinwandereignisse gerade abspielen; ein klassischer Fall von Überambition. Ein weiterer (und auch der größte) Kritikpunkt ist der Einsatz von Musik. Ob theatralische Choräle, das Geschehen textlich sehr plump untermalende Balladen oder bedrohlich dröhnende Tonabfolgen – in «The Broken Circle» spielte Musik auch erzählerische eine entscheidende Rolle, sodass ihr intensiver Einsatz die Inszenierung abrundete. In «Beautiful Boy» dagegen gibt sie viel zu oft einfach nur vor, was der Zuschauer gerade zu fühlen hat und nimmt ihm somit die Möglichkeit, all das selbst zu entdecken. Immerhin: Allein von der Auswahl der Songs greift Felix Van Groeningen ins Schwarze – einen guten Musikgeschmack hat er also.

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