Die Kritiker

«Zeit der Geheimnisse»: Eine deutsche Netflix-Weihnachtsgeschichte

von   |  1 Kommentar

«Zeit der Geheimnisse» erzählt von vier Generationen Frauen, die an Weihnachten alte Konflikte aus dem Weg räumen müssen.

Hinter den «Zeit der Geheimnisse»-Kulissen

  • Showrunnerin und Autorin: Katharina Eyssen
  • Regie: Samira Radsi
  • Cast: Corinna Harfouch, Christiane Paul, Svenja Jung, Leonie Benesch und viele mehr
  • Produktionsstudio: Sommerhaus Filmproduktion
Weihnachten, die Zeit des Jahres, in der die Familie zueinanderfindet. Und die Zeit des Jahres, in der die zueinandergefundene Familie aneinandergerät. So auch in «Zeit der Geheimnisse»: Sogleich vier Generationen eigensinniger, ungewöhnlicher Frauen finden anlässlich der Festtage im urigen Küstenhaus des Familienoberhaupts zusammen. Doch Missverständnisse, vorschnelle Urteile und aus vergangenen Weihnachtstagen verschleppte Geheimnisse sowie Ärgernisse trüben zunächst die Festtagsstimmung. Können sie sich versöhnen, ehe es zu spät ist, und sie ihre Differenzen begraben?

In drei Episoden zu je rund 40 Minuten erzählt, ist «Zeit der Geheimnisse» so gesehen ein etwa zweistündiges Familiendrama, das in Episodenhäppchen serviert wird. Die Miniserie spielt hauptsächlich im Heute, doch Rückblenden auf verschiedene Momente der letzten drei Jahrzehnte vertiefen die Figuren und beleuchten das schwierige Geflecht aus Anspannungen, Verheimlichungen und schwerwiegenderen Geheimnissen in dieser Familie, in der das weibliche Geschlecht dominiert. Jede der Frauen hat eigene Dinge, die sie vor dem Rest der Familie verheimlicht – von früheren Liebeleien hin zu nie mitgeteilten Beweggründen für Entscheidungen, die ihr jahrzehntelang nachgetragen werden sollten.

Somit zeichnet «Zeit der Geheimnisse» ein diffiziles, aber auch facettenreiches Familienbild: «Zeit der Geheimnisse» ist kein Streitdrama, in dem sich jene am meisten hassen, die sich eigentlich lieben sollten. Aber Showrunnerin und Autorin Katharina Eyssen hat ebenso wenig ein frohes Loblied auf die Familienbande geschaffen. «Zeit der Geheimnisse» führt vor: Familie ist … schwierig. Irgendwie hält man zusammen und gibt seine Ticks an sein Umfeld weiter, allerdings verschleppt man auch Animositäten und eckt selbst mit Kleinigkeiten an, geschweige denn mit großen Gesten, deren Beweggründe man nicht verrät.

Der Einstieg in «Zeit der Geheimnisse» gerät etwas holprig, wir werden in dieses verwachsene, etwas dornige Beziehungsgeflecht gestoßen und direkt mit großen Familienmacken konfrontiert, und das wirkt in der gebotenen Wortwahl der Figuren und angesichts der Regieführung Samira Radsis zunächst gewollt und dick aufgesetzt. Man sollte aber nicht direkt das große, gekünstelte Familienmelodram befürchtend zum nächsten Titel auf der Netflix-Watchlist türmen.

Radsi inszeniert «Zeit der Geheimnisse» mit einer nüchternen Ruhe sowie poetischem Feingefühl für die kleinen, zwischenmenschlichen Familiengesten – ein paradoxer, aber auch sehr reizvoller inszenatorischer Balanceakt, der das über die Jahrzehnte große Wandel durchmachende, als Schauplatz dienende Haus in all seiner detaillierten, heimeligen Pracht glatt zu einem weiteren tragenden Charakter macht. Ja, "Schauplatz als Charakter" klingt wie ein Kritikenklischee, trifft bei «Zeit der Geheimnisse» aber sehr wohl den Nagel auf den Kopf.

Das Ensemble rund um Corinna Harfouch, Christiane Paul, Svenja Jung und Leonie Benesch in den tragenden Rollen, spielt zudem deutlich feingliedriger, als die ersten paar Szenen mutmaßen lassen. Je mehr wir diesen Clan mit seinen trockenen Insidergags, seinen verzahnten inneren Konflikten und seinen unterkühlten Macken richtig kennenlernen, wird im Detail deutlicher, welche interessanten Eigenheiten die zunächst etwas nach Reißbrettentwicklung anmutenden Charakterköpfe mitbringen.

Ob die Mini-Cliffhanger nach Folge eins und zwei wirklich hätten sein müssen, oder ob sie leicht übertriebene Ausschläge auf der Spannungskurve eines Dreiteilers sind, den sicherlich eh viele als eine zusammenhängende Zwei-Stunden-Geschichte konsumieren werden, darüber lässt sich streiten, genauso wie über die doch etwas bleierne Klangkulisse dieser zwar ernsten, dennoch immer wieder auch amüsanten Erzählung. Aber es bleibt eine gelungene Weihnachts-Miniserie, die zugleich einen großen Schritt für die Repräsentation von Frauen in deutschen Serien tätigt.

«Zeit der Geheimnisse» ist auf Netflix abrufbar.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
berlinertyp
22.11.2019 15:32 Uhr 1
Ich hab mich beim Gucken tatsächlich gefragt, wieso es als Miniserie verpackt wurde. Selbst für eine Miniserie sind 3 Folgen doch recht kurz ... Da hätte man wohl auch einfach einen 120-Minüter raus machen können.



Fühlte mich dennoch gut unterhalten -- was aber vor allem an den Schauspielern lag, die extrem stark gespielt haben.

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