Die Kritiker

«Tatort – Falscher Hase»

von

Die «Drei Tage in Quibéron»-Regisseurin Emily Atef beehrt den «Tatort» mit einem starken, kurzweiligen Fall.

Cast und Crew

  • Regie: Emily Atef
  • Drehbuch: Emily Atef, Lars Hubrich
  • Cast: Katharina Marie Schubert, Margarita Broich, Wolfram Koch, Peter Trabner, Godehard Giese, Ronald Kukulies, Friedrich Mücke, Judith Engel, Werner Wölbern, Johanna Wokalek, Thorsten Merten, Isaak Dentler
  • Drehbuch: Emily Atef, Lars Hubrich
  • Kamera: Armin Dierolf
  • Schnitt: Silke Franken
  • Musik: Christoph M. Kaiser, Julian Maas, Stefan Will
Dieser «Tatort» aus Hessen weicht großzügig von den Konventionen der Sonntagskrimireihe ab: Noch bevor der Titel «Falscher Hase» eingeblendet wird, weiß das Publikum bereits, wer die Tat begangen hat und weshalb es zu ihr kam. Denn dieses bittere, desillusionierte, sich dennoch eine menschlich-herzliche Ader bewahrende Krimidrama mit dunkelromantischer Beinote beginnt aus der Sicht der Täterin. Was folgt, sind fast 90 Minuten, die davon handeln, ob die Ermittler ihr auf die Schliche kommen, wie die Täterin ihre Schuld verdaut und wie es den Hinterbliebenen des Opfers ergeht. Die "Nicht wer war es, sondern wie kommt man der schuldigen Person auf die Schliche, das ist hier die Frage"-Methodik wird in diesem Krimi aber nicht auf «Columbo»-Art durchexerziert. Stattdessen erinnert dieser Fernsehfilm der «Drei Tage in Quibéron»-Regisseurin Emily Atef tonal dezent an die berühmten Coen-Brüder.

Visuell möchte man diesen «Tatort» ebenfalls glatt ins Kino hieven. Schon eine der ersten Szenen, ein in der Totalen gefilmter Austausch der Ermittler Brix (Wolfram Koch) und Janneke (Margarita Broich) an einer Straßenkreuzung irgendwo in der grau-grau-tiefgrau vernebelten Pampa, sticht aus dem TV-Krimi-Allerlei heraus und empfiehlt sich als eines der einprägsamsten Bilder des Fernsehjahres. Atef und ihr Kameramann Armin Dierolf etablieren somit schon früh ein Art visuelles Motiv dieses Films: Malerisch gefilmte Tristesse – so, wie sie etwa schon in der schwarzhumorigen Serie «Arthurs Gesetz» zelebriert wurde, nur, dass Atef und Dierolf eine eindringlichere, gleichwohl galantere Ästhetik erschaffen.

Die Episodenrollen sind derweil karikiert gezeichnet. Nicht nur in ihrem Gestus und ihrem Sprachduktus, sondern auch in ihrer Kleiderwahl und hinsichtlich Hairstyling und Schminke. Das ist für sich betrachtet klamaukig, doch da Atef den Pleitegeiern und Pechvögeln Biggi & Hajo Lohmann (Katharina Marie Schubert & Peter Trabner) mehrmals ruhige, nachdenkliche Zwischentöne gestattet und die Darsteller bei aller Überzeichnung stets darauf achten, ihren Figuren Gravitas mitzugeben, bleibt die Balance bestehen: «Tatort – Falscher Hase» ist schwarzhumorige Groteske, Krimidrama und empathische Skizze einer Gesellschaftsschicht zugleich.


Trotz eines unterkühlten, ruhigen Erzählstils bleibt dieser schräge Stoff kurzweilig – nicht zuletzt dank des illustren Figurenaufgebots, zu dem unter anderem auch ein völlig unbedarfter Godehard Giese, Judith Engel als verpeilte Witwe, Friedrich Mücke als Teilzeit-Kleingangster und Johanna Wokalek als protzige, frustrierte Quasi-Femme-fatal zählen.

Verschnörkelt wird dies mit einer Sexszene, wie sie selten im deutschen Fernsehen zu sehen ist: Atef zeigt den blanken, schlaffen Mann, während die Frau verhüllt bleibt – die Regisseurin tut so ihr Beiwerk, das massive Ungleichgewicht zwischen Filmen mit nackten Frauenkörpern und unverhüllten Männern wieder aufzuwiegen. Alles in allem ist «Tatort – Falscher Hase» das Gegenteil seines Titels: Keinesfalls alltäglich. Auffällig. Ungewöhnlich. Wir sagen: Einschaltpflicht!

«Tatort – Falscher Hase» ist am 1. September 2019 ab 20.20 Uhr im Ersten zu sehen.

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