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85 Jahre Donald Duck (Teil II): Ein Erpel, viele Wesenszüge

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Donald Duck, der bekannteste Erpel der Film- und Comicwelt, wird 85 Jahre alt. In einer dreiteiligen Serie blickt Quotenmeter.de auf einige Stationen in seiner Geschichte. Teil zwei widmet sich drei wichtigen, unterschiedlichen Seiten Donalds.

Carl Barks macht Donald zum Jedermann, der die Welt erkundet


Ich sah mich selbst stets als ein Unglücksvogel wie Donald einer ist, als Opfer so vieler Umstände. [...] Er ist alles: Er ist der Jedermann, der dieselben Fehler begeht, die wir alle machen. Er ist manchmal der Fiesling und er ist oft der Gute, und er ist immer nur eine unbesonnene Person wie es der Durchschnittsmensch ist. Und ich denke, dass dies eine der Gründe ist, weshalb Leute den Erpel mögen.
Carl Barks über Donald Duck
Bevor er für Millionen von Leserinnen und Lesern zu "The Good Duck Artist" wurde, durchlief Carl Barks eine Karriere, die an Donald Ducks berufliche Vita erinnert: Barks arbeitete unter anderem auf einer Farm, in einem Sägewerk, als Drucker, als Schreiner und als Nieter bei der Eisenbahn. Früh entdeckte er aber sein Faible für's Zeichnen von Karikaturen und Gagbildchen, eine Begeisterung, die er ab 1928 für das Witzeblatt Calgary Eye-Opener ausleben konnte. 1935 bewarb er sich bei Disney, wo er zunächst als Zwischenphasenzeichner tätig war, aber rasch in die Storyabteilung versetzt wurde. Er wirkte an mehr als 30 fertiggestellten Kurzfilmen mit, darunter einem, der Donald mit seinen Neffen als Pfadfinder zeigt, und sogleich an mehreren Donald-Kriegsgeschichten. Für diese Armee-Cartoons textete Barks auch den sehr ironischen Ohrwurm "The Army's Not The Army Anymore", der in den Filmen als Armee-Werbelied genutzt wird, sie aber eigentlich runter macht. Nicht lange, nachdem er am Comic «Donald Duck finds Pirate Gold!» mitwirkte, verließ er jedoch das Studio.

Der Grund für Barks' Weggang variiert, je nachdem, welcher der vielen Barks-Artikel und -Biografien man in der Welt der Disney-Sekundärliteratur Glauben schenkt. War es die neue Klimaanlage der Disney-Studios, die er nicht vertragen hat? Wurde es ihm zu Zeiten der Kriegsproduktionen zu hektisch? Verlor er durch die Kriegsthemen das Interesse? Setzte er sich unabhängig davon die Idee in den Kopf, als Hühnerzüchter und freiberuflicher Comiczeichner tätig zu werden? Ganz gleich: Das Schicksal sollte ihn schnell wieder mit Donald Duck zusammenführen. Der Comicverlag Western Publishing, für den Barks als freier Mitarbeiter tätig war, suchte Zeichner für Donald-Geschichten – und Barks dachte sich, dass es leichter sei, weiter Donald zu zeichnen, als sich selber eine Figur auszudenken und zu hoffen, mit ihr Erfolg zu haben.

Die erste Geschichte, die Barks als freier Mitarbeiter zeichnete, stammte noch von einem anderen Autoren, sagte ihm allerdings nur wenig zu, weshalb er einige Änderungen vorschlug. Dies wurde ihm gestattet, und beim Verlag war man mit dem Ergebnis so zufrieden, dass Barks daraufhin die Erlaubnis erhielt, seine eigenen Geschichten zu schreiben. Barks verfasste in den nachfolgenden Jahrzehnten vornehmlich zwei Arten von Geschichten: Komödiantische Zehnseiter, die sich hauptsächlich um alltägliche Situationen drehen, die bei Donald dramatisch ausufern, und so den "Jedermann" in Donald unterstreichen. Oft nimmt er irgendwelche Jobs an, in denen er sich zunächst bestens schlägt, dann aber durch Tücken des Alltags, Missverständnisse, Pech oder Hochmut tief, tief fällt. Oder es geht um Streitigkeiten mit den Neffen, der Liebsten oder dem Nachbarn.

Darüber hinaus verfasste Barks längere Abenteuergeschichten, in denen Donald (und Anhang) entweder in aufreibende Ereignisse hinein stolpern oder sie aktiv suchen, entweder um sich zu bereichern, etwas herauszufinden oder später dem von Barks erdachten, überreichen Onkel Dagobert einen Gefallen zu machen. Donald und Co. besuchen in Barks' Werk zahlreiche ferne Länder, über die der Autor und Zeichner als treuer Abonnent im Wissensmagazin 'National Geographic' (das mittlerweile kurioserweise zum Disney-Konzern gehört) gelesen hat. Sie begegnen Sagengestalten und entdecken den Jungbrunnen, das goldene Vlies, das Einhorn, den Stein der Weisen sowie Atlantis. Diese Abenteuergeschichten bleiben ihrem Spannungs- und Actionelement zum Trotz der früheren Essenz der Duck-Welt treu: Situationskomik und verbale Schlagfertigkeit der Protagonisten sorgen für Witz, und die Anfänge dieser Geschichten entspringen meistens Alltagssituationen.

Barks' Erzählstil sollte später oft kopiert werden: George Lucas und Steven Spielberg zählen Barks gemeinsam mit alten Film-Serials zu den Inspirationen hinter «Indiana Jones» und der lange Hinweg, der eine chaotische, gezeichnete Familie aus den eigenen vier Wänden in wilde Abenteuer leitet, ist einer der narrativen Grundpfeiler der «Simpsons» geworden. In den USA gerieten Disney-Comics ihrem Einfluss zum Trotz nach jahrzehntelangem Erfolg dennoch irgendwann ins Hintertreffen, während sie in vielen europäischen Ländern nach wie vor florieren. Und weiterhin existiert in den zahlreichen Disney-Publikationen eine bunte Mischung aus Gag- und Abenteuergeschichten.

Neben Skandinavien und Italien ist auch Deutschland ungebrochen eine Enten-Hochburg, was wohl auch Verdienst einer talentierten Frau sein dürfte: Dr. Erika Fuchs, jahrzehntelange Übersetzerin der Duck-Comics, nahm die gelegentlich aufblitzende Pfiffigkeit der Ducks in den Barks-Geschichten, und entwickelte sie sprachlich weiter. In ihren Übersetzungen sollten sie geschliffener sprechen und Donald sich zuweilen in literarischen Anspielungen versuchen – ein Wesenszug, der seinem Originalsprecher Clarence Nash sicherlich gefallen würde.

Wie Disney Donald Duck an die Front schickte


Aber wenden wir uns wieder dem zu, was die Disney-Studios mit Donald Duck so getrieben haben, nachdem er sich als ihr neuer, großer Star etabliert hat. Und dieser Verlauf ist eng verknüpft mit dem Zweiten Weltkrieg. Dieser hatte eingangs rein monetären Einfluss auf das Schaffen Walt Disneys: Während «Schneewittchen und die sieben Zwerge» 1937 auch außerhalb der USA ein gigantischer Kassenschlager war und so (je nach Quelle) zum seinerzeit erfolgreichsten Tonfilm oder gar zum erfolgreichsten Film überhaupt wurde, musste Disney drei Jahre später zwei schwere finanzielle Rückschläge hinnehmen. Perfektionist Walt Disney brachte 1940 mit «Pinocchio» und «Fantasia» zwei Filme heraus, die deutlich kostspieliger und ambitionierter ausfielen als noch die Gebrüder-Grimm-Adaption und daher dieselbe Anzahl an Märkten gebraucht hätten. Doch in der Zwischenzeit brachen aufgrund des Krieges zahlreiche Märkte weg, so dass die Disney-Studios nunmehr wirtschaftlich angeschlagen dastanden.

Diverse Filmideen wurden notgedrungen verworfen, nur der in der Produktion weit fortgeschrittene «Bambi» und der als bewusst kostensparend entworfene «Dumbo» blieben in Arbeit. Doch wo wenig produziert wird, kann auch wenig Geld gemacht werden. Disney brauchte dringend eine Einnahmequelle. Eine fixe Idee in Form eines Realfilm, in dem eine mit Zeichentricksequenzen aufgepeppte Tour durch die Disney-Studios erfolgt, scheiterte im Sommer 1941 an den Kinokassen. Mehr Erfolg versprach eine andere Route: Bereits im März 1941 hielt Walt Disney eine Präsentation ab, um Firmen und staatliche Einrichtungen davon zu überzeugen, dass das Medium Zeichentrick ideal sei, um darin Lehr- und Trainingsfilme herzustellen, da es Informationen auf einem Weg vermitteln kann, die im Realfilm nicht möglich sind. Teil dieser Präsentation war auch ein bereits für Lockheed in Produktion befindlicher Kurzfilm über nahtloses Nieten.

Bei dieser Produktion war unter anderem ein Vertreter des National Board of Canada zugegen, der prompt vier animierte Werbefilme für Kriegsanleihen und einen Lehrfilm in Auftrag gab. Diese Projekte waren zwar mit einem schmalen Budget ausgestattet, sie hielten aber das Studio über Wasser. Und so bedeutete der Kriegseintritt der USA für die Disney-Studios Fluch und Segen zugleich: Man wurde mit schwach bezahlten Aufträgen überhäuft. Aber man war wenigstens gefragt.

Schon am 8. Dezember 1941, einen Tag nach dem Angriff auf Pearl Harbor, bestellte die US Navy zwanzig Lehrfilme über die Identifikation verschiedener Flugzeugtypen bei Walt Disney, nachdem diese Idee in den Wochen zuvor nur in einer Briefkorrespondenz angeschnitten wurde. Während der Produktion dieser Kurzfilme äußerte Walt Disney erstmals, dass Donald die perfekte Figur für solches Material sei: Er malte sich aus, wie Donald es falsch macht, weshalb er vor Wut fast platzt, bis ihm seine Neffen es richtig beibringen.

Obwohl die Navy die Idee ablehnte und die Lehrfilme ohne Donald gemacht wurden, war das erste Korn gesät. Donald sollte später etwa das offizielle "Wie erkenne ich Propaganda?"-Handbuch des Kriegsministeriums zieren, und das Finanzministerium gab einen Kurzfilm namens «The New Spirit» in Auftrag. Auch dieser Cartoon sollte zunächst ohne bekannte Disney-Figur auskommen, hier konnte Walt Disney sein Gegenüber aber erfolgreich umstimmen. Und so erläuterte letztlich Donald Duck in diesem Cartoon, weshalb es in Kriegszeiten wichtiger denn je sei, seine Steuern zu bezahlen, ganz gleich, wie weh dies einem zunächst tun würde.

Der Cartoon lief am 23. Januar 1942 an und wurde mit 1.000 Kopien gestartet, doch laut 'Time' ließen von seiner Botschaft gebannte Filmvorführer den Film weit zirkulieren, so dass er letztlich in insgesamt 12.000 Kinos lief. Bereits nach wenigen Wochen sollen 32 Millionen Amerikaner «The New Spirit» gesehen haben, bis Ende seines Kinoeinsatzes sollen es über 60 Millionen gewesen sein – mehr als «Pinocchio» inklusive all seiner Neuaufführungen je im Kino erreichen sollte. Die Steuermoral in den USA verbesserte sich daraufhin merklich – und «The New Spirit» wurde als beste Dokumentation für einen Academy Award nominiert.

Aufgrund behördlicher sowie politischer Zwists war «The New Spirit» für die Disney-Studios zwar allem zum Trotz ein Verlustgeschäft, doch er bewies lautstark, wie wichtig das Trickhaus für den Staat sein kann, womit sein Fortbestehen auch während des Krieges gesichert war. Die Produktion zahlreicher weiterer Lehrfilme, aufmunternder Militär-Insignien sowie Werbe- und Propagandafilme für die USA sorgte dafür, dass das Studio seine Pforten nicht schließen musste.

Und Donald Duck bekam dank «The New Spirit» einen weiteren Popularitätsschub: Er wurde durch diesen Cartoon als Disneys erste Wahl für militärische Themen festgelegt – und wurde so zum Sprachrohr vieler Bürgerinnen und Bürger. Er sagte und dachte, was das Volk fühlte. Er war widerwillig, seine Steuern zu zahlen, er ärgerte sich in Unterhaltungscartoons, die ihn als Soldat zeigten, mit seinem Ausbilder herum, und so weiter ... Aber zugleich war er auch ein Vorbild, tat Donald letztlich ja doch seine patriotische Pflicht.

Für 1943 wurde beispielsweise eine «The New Spirit»-Fortsetzung namens «The Spirit of '43» in Auftrag gegeben, er wurde zudem zu einem der Stars der zum Zwecke der Völkerverständigung zwischen Nord- und Südamerika produzierten Langfilme «Saludos Amigos» sowie «Drei Caballeros». Und er war die Hauptfigur in einem vom 'Reader's Digest' mitfinanzierten Kurzfilm, mit dem die Propagandamethoden des Feindes und seine Taktiken parodiert werden sollten: «Der Fuehrer's Face».

In diesem Cartoon hat Donald den Albtraum, im Nazireich leben und arbeiten zu müssen, während überall ein den Führer huldigendes Ohrwurmlied trällert. Das hoch sarkastische Lied wurde in den USA zum Chartstürmer und zur viel zitierten Nummer unter den Soldaten – und der Cartoon wurde mit dem Oscar ausgezeichnet. Nach dem Krieg sollte der Cartoon allerdings als fortan nicht mehr zeitgemäß in den Disney-Giftschrank wandern und erst 2004 für ein limitiertes US-Sammler-DVD-Set wieder hervorgekramt werden.

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