First Look

«What If»: Was wäre, wenn sich Netflix völlig an einem Moraldrama verheben würde?

von

Renée Zellweger als eiskalte Venture-Kapitalistin, Jane Levy als naive Genforscherin, Blake Jenner als muskelbepackter Feuerwehrmann. Es ist zum Heulen.

Cast & Crew

Produktion: Page Fright, Atlas Entertaniment, Compari Entertainment und Warner Bros. Television
Schöpfer: Mike Kelley
Darsteller: Renée Zellweger, Jane Levy, Blake Jenner, Keith Powers, Samantha Ware, Juan Castano, Dave Annable u.v.m.
Executive Producer: Mike Kelley, Melissa Loy, Alex Gartner, Charles Roven, Philiip Noyce, David Graziano, Robert Zemeckis und Jack Rapke
Mit seiner neuen Anthologieserie «What/If» will uns Serienschöpfer Mike Kelley jede Staffel vor ein neues moralisches Dilemma stellen und uns getreu dem Titel mit einer Hypothese konfrontieren. Das klingt schon als Prämisse sehr didaktisch und gewollt, weniger nach aufrichtiger Begegnung mit einer komplexen Zwickmühle, sondern nach geleitetem Entsetzen und theatralischer Entrüstung.

Zu diesem Eindruck passt auch Renée Zellwegers aufgesetzt-bitterböses Spiel, mit dem sie ihre abgebrühte Venture-Kapitalistin Anne Montgomery darstellt, die in den ersten Szenen eine egomanische Exposition für ihren neuen Bestseller ins Diktiergerät heischt. Kerninhalt ihres gruseligen Ratgebers: Du musst rücksichtslos alles aufopfern, was dich von wirtschaftlichem Erfolg abhält. Literaturempfehlung am Rande: Carsten Maschmeyer, „Selfmade – Die Erfolgsformel“.

Ähnlich wie dieses Drehbuch hält Zellweger in dieser Rolle nichts von Subtilität: Mit eiskaltem, zerfahrenem Gesicht und stakkatohaft vorgehaspelten Schwülstigkeiten intrigiert sie ihr gesamtes Umfeld ins Unglück, wie es vor drei Jahrzehnten schon reihenweise austauschbare «Dynasty»-Diven vorgemacht haben.

Die „moralischen Dilemmata“, die zum intellektuellen Überbau dieses Formats auserkoren wurden, sind in ähnlich plumpem Stil gehalten und geben Zellwegers Venture-Ungeheuer Frischfleisch zum Drangsalieren: Die junge Forscherin Lisa (Jane Levy) braucht dringend Geld, um ihre Gentherapie für leukämiekranke Kinder voranzubringen. Alle potentiellen Finanziers winken aber ab: An den übermächtigen Pharmafirmen würden sie allesamt zerschellen. Aber Anne Montgomery hilft gerne mit achtzig Millionen Dollar aus – sofern sie dafür Lisas Ehemann Sean (Blake Jenner) eine Nacht für sich haben kann.

Was wie aus einem schlechten Pulp-Heftchen gerissen wirkt, in dem säftelnde Autoren anachronistische Geschichtchen über kaltherzige wollüstige mittelalterliche Fürsten und die Gattinnen ihrer ergebenen Untertanen von sich absondern, zeigt «What/If» hier mehr oder weniger ernst gemeint als moralisierendes Serienstück – auch wenn Seans Nacht mit Anne weniger ihrer sexuellen Befriedigung als einer großangelegten Intrige zuarbeiten soll. Während die immer kurioser wird, tun es ihre Kollegen Zellweger spielerisch gleich: Scream Queen Jane Levy wirft sich wie in ihren Horrorfilmen in allerhand überkandidelte Posen und überreizt jeden psychologischen Irrweg, während Blake Jenner den harmlosen Fuckboy mit der düsteren Vergangenheit gibt.

Von den ambitionsgeladenen Ankündigungen, die auf eine Schuld-und-Sühne-ähnliche Begegnung mit ethischen Grenzfällen, den Korsetten sozialer Konventionen und rührender Läuterung schließen ließen, ist im Ergebnis nicht viel üblich: Statt ein moralisches «What/If»-Szenario führt diese Serie eine eitle Soap-Schmonzette vor: Fehlt nur noch, dass Joan Collins theatralisch hereinplatzt und die erste Runde des Catfights ausruft.

«What/If» ist bei Netflix abrufbar.

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Kurz-URL: qmde.de/109656
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