Die Kino-Kritiker: «Spieglein Spieglein»

Ist der erste «Schneewittchen»-Kinofilm dieses Jahres sehenswert?

Der indischstämmige Regisseur Tarsem Singh schied mit seinen bisherigen Filmen «The Cell», «The Fall» und «Krieg der Götter» die Geister: Sehen die einen in Singh eine große Regiehoffnung mit visionären Einfällen, empfinden ihn die anderen als traberischen Stümper, der zwar hübsche Bilder hinbekommt, jedoch kein Gefühl für Dramaturgie, Figurendarstellung oder inszenatorische Kohärenz aufbringe.

Seine vornehmlich an ein jüngeres Publikum gerichtete, freie Adaption des Schneewittchen-Märchens könnte erstmals die Kluft zwischen diesen Fraktionen verringern. Die Story orientiert sich lose an der Vorlage der Gebrüder Grimm: Die böse Königin (Julia Roberts) hält seit dem Verschwinden des Königs ihre Stieftochter Schneewittchen (Lily Collins) im Schloss fest. Während sich die Königin von den Steuerabgaben des Volkes einen luxuriösen Lebensstil bezahlen lässt, leiden die normalen Bürger Hunger. Als Schneewittchen an ihrem 18. Geburtstag gegen den Willen der Königin das Schloss verlässt, erhält sie einen Eindruck von den Qualen des Volkes und begegnet einem feschen Prinzen (Armie Hammer). Von diesem verspricht sich die Königin eine Heirat mitsamt stattlicher Mitgift, doch dieser hat mehr Interesse an Schneewittchen ...

Tarsem-Singh-Jünger mögen in kleinen Randgags und schnell aufgelösten Subplots direkt kunstvoll angesprochene, vom Mainstream-Hollywood gemiedene Wahrheiten über den Jugendwahn sehen. Andere werden in jedem Schlag oder Tritt in die Schrittgegend sowie den arg strapazierten Wortwitzen gleich eine Kampfansage an den Intellekt des Kinopublikums erkennen. Aber beide Meinungen dürften wohl nur Extremfälle darstellen. Gemeinhin verdient sich das ambitioniert erdachte, nicht jedoch auch aufwändig ausgearbeitete Comedy-Märchen hingegen schlichtweg das Urteil „größtenteils harmlos“.

Zu Beginn von «Spieglein Spieglein» erzeugt ein im Stile von Marionetten und chinesischem Schattentheater gehaltener Prolog eine dichte, märchenhafte Atmosphäre. Doch diese wird bald darauf großzügig heruntergefahren und kommt bloß noch auf, wenn sich dem Zuschauer erstmals Tarsem Singhs Interpretation des Zauberspiegels enthüllt oder in weiten Landschaftsaufnahmen das in Schnee gehüllte Königreich gezeigt wird. Julia Roberts gibt sich zunächst als vergnüglich-übertriebene Schurkin, allerdings ist aus dieser Nummer schnell die Luft raus, und ihre böse Königin verkommt zu einer darstellerischen Esprit vermissenden, arroganten Zicke. Lily Collins' Schneewittchen erhält zu wenig glaubwürdig ausgearbeitete Eigenschaften, als dass sie in Erinnerung bliebe, bringt aber doch genug unschuldig-liebenswerte Ausstrahlung mit, weshalb man sie kaum als farblos abstempeln könnte.

Gegen Schluss des Films lamentieren Figuren gewitzt darüber, ob die Erzählmuster altbekannter Heldengeschichten (und Märchen) längst ausgedient haben oder berechtigterweise immer wieder hervorgeholt werden. Weitere solcher parodistischen Meta-Debatten sind weder vor, noch nach dieser Szene zu verorten. Ungefähr zur Mitte des Films werden die meisten der handelnden Figuren in einen ausführlichen Schwertkampf verwickelt, den Singh behäbig inszeniert und der von einer tonal indifferenzierten Komposition des Oscar-Preisträgers Alan Menken («Arielle, die Meerjungfrau») begleitet wird. Für die jüngeren Kinobesucher dürfte diese Actioneinlage dennoch recht spannend und vergnüglich sein – weitere ernstzunehmende Action hat Singhs Märchenfilm dagegen nicht zu bieten.

So zieht es sich durch die gesamte Produktion: Sie hat sehr viel zu bieten, einiges davon punktuell sogar sehr gut ausgeklügelt. Allerdings verzettelt sich Singh bei diesem Stückwerk, sodass kein berückendes Gesamtprodukt entsteht. Dies gilt selbst für die Optik des Films, obwohl die visuelle Komponente sonst Singhs makellose Stärke ist: Die Kostüme sind mächtig sowie prächtig, doch dieser Prunk findet auf sonderbar beengten Schauplätzen statt, weshalb es ihm an einem angemessenen Rahmen fehlt. Viele Szenerien wirken einfach unfertig, so als wäre die zu den Kostümen passende, prunkvolle Requisite abhanden gekommen.

Wenn es Konstanten in «Spieglein Spieglein» gibt, dann sind es ein durchweg urkomischer Nathan Lane als Diener der Königin sowie der von Armie Hammer gespielte Prinz, dessen forcierte Dümmlichkeit schnell nervt. Ansonsten glänzen einzelne Versatzstücke, treffen manche Gags voll ins Schwarze und begeistern kurz die Zwerge, welche dann von ihrer dem Drehbuch geschuldeten, inkonsistenten Charakterisierung bloß wieder zurückgehalten werden. Andere Pointen verlaufen wiederum im Sande, Dialoge werden viel zu sehr in die Länge gezogen und der Spannungsbogen ist mau. Das Ergebnis dieser Mixtur ist weder frustrierend noch eine Empfehlung wert. Sondern schlicht und ergreifend „größtenteils harmlos“. Und das ist immerhin ein Novum in Tarsem Singhs Schaffen.

05.04.2012 10:09 Uhr  •  Sidney Schering Kurz-URL: qmde.de/55959

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