Die Kritiker

Hergeschaut, «Arrested Development»: «Pastewka» zeigt, wie's geht!

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Da ist sie endlich wieder: Die Comedyserie «Pastewka», in der Bastian Pastewka sein eigenes, liebenswert-mieses Alter Ego spielt. Was sich bei Amazon an dem Format ändert und wie gut oder mies das ist ...

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Der Spaß eröffnet mit einem (möglicherweise unbeabsichtigten) Meta-Gag: Die tonal der Serienessenz treu bleibende Staffel voller weitreichender inhaltlicher Veränderungen beginnt mit der Erkenntnis, dass sich in der Zeit seit Season sieben nichts getan hat. So. Jetzt schwirrt uns allen erstmal der Kopf. Ich entwirre das Ganze mal: Die neuen «Pastewka»-Geschichten spielen vier Jahre nach der letzten «Pastewka»-Staffel. Bastian Pastewka (gespielt von ihm selbst) sitzt in der idiotischen Comedyserie «Frier» fest, in der er vor vier Jahren die Nebenrolle einer trotteligen, ungeschickten Schwulen-Karikatur angenommen hat.

Sein Privatleben blieb damit auf der Stelle stehen: Die unerklärlich-populäre Serie fordert nahezu seine gesamte Zeit, seine Freundin Anne (Sonsee Neu) verbeißt sich in ihre Arbeit als Gynäkologin. Die einst geschmiedeten Hochzeitspläne liegen auf Eis, an Kinder ist eh nicht zu denken (unter anderem, weil die Beiden aufgrund völlig unterschiedlicher Zeitpläne getrennt voneinander schlafen), nur das gelegentliche Seriengucken hält sie zusammen. Und bei Bastians Halbbruder Hagen (Matthias Matschke) kommt es erst zu Beginn der neuen Staffel zum nächsten Schritt in seiner Beziehung mit Pastewkas Hassmenschen Nummer eins, Svenja Bruck (Bettina Lamprecht): Nach längerem Warten schließen sie den Bund der Ehe – und planen, Kinder zu kriegen. Bastian missfällt das enorm, also schmiedet er Pläne, dies zu vereiteln. Dabei erhält er unerwartet die Hilfe seiner einst mit ihm Dauerclinch liegenden Nichte Kim (Cristina do Rego) …

Kamen aufgrund der veränderten Erzählhaltung und Settings in Runde vier von «Arrested Development» die üblichen Zankereien und Betrugsversuche der dysfunktionalen Hauptfiguren eine Spur zu garstig rüber, schafft es «Pastewka», sich erzählerisch zu verändern und dennoch weiter in dieselbe Humorkerbe zu schlagen. So greift Pastewka (also, sein Serien-Ich) wiederholt verbal voll daneben, wenn er über Homosexuelle spricht. Pastewka (also, Pastewka, der Schauspieler) schafft es aber, allen Sprachausrutschern wie "Schwuppen" zum Trotz die Figur sympathisch zu halten, da er seine Rolle als frustriert-vorlauten Chaoten anlegt:

Pastweka (nun ist wieder die Serien-Version gemeint) ist von seiner beschämend-populären, stereotypen Serienrolle (der Pastewka in der Serie-in-der-Serie … kommt hier überhaupt noch jemand mit?) genervt und will diese dumme Figur einfach nur loswerden – und redet sich dabei wiederholt in Rage, womit er auch Mal diskutable Bezeichnungen von sich gibt. Nicht, weil er so denkt, sondern, weil die Rolle ihm solches Klischeedenken fast schon in den Mund legt – und davon will er sich ja verzweifelt distanzieren. Dabei überschlägt er sich in der Argumentation, so dass er plötzlich am falschen Ende der Wortwahl herauskommt. Das zeichnet ihn zwar als unsensibel, nicht aber als vorurteilsbelastet oder hasserfüllt. Klingt so niedergeschrieben zwar wirr, ergibt dank Pastewkas Spiel (also, dem "echten" Pastewka, und nicht … ach, ich geb's auf!) aber ein wundervolles Amalgam aus "sympathischer Verpeiltheit" und "Schadenfreude provozierender Unreflektiertheit".

Die Serie ist, wie wir selbst, „erwachsener“ geworden, die Macher gehen zum Glück mit der Zeit, sind mutig, trauen sich einfach, das Ding auf ein neues Level zu bringen. Ich halte das für absolut richtig. Vier Jahre ändern eben auch ein Serienleben.
Cristina do Rego über die neue «Pastewa»-Staffel
Obiges ist nur ein Beispiel aus vielen, denn selbst wenn Pastewka (ich kann's doch nicht sein lassen: gemeint ist der Serienprotagonist) in der achten Staffel neue Wege beschreitet und sich auf einen Midlife-Crisis-Trip begibt, bleibt er mit seiner "Ich merke nicht, wie egoistisch ich wirke und bin kommunikativ unfähig, mich rückwirkend zu rechtfertigen"-Masche ganz der Alte: Da wird das wichtige Seriendate mit der gefrusteten Freundin verpatzt, weil es nach einem anstrengenden Tag keine bessere Medizin gab als alleine «Twin Peaks» zu gucken. Da wird die Furcht vor Familienverantwortung kanalisiert, indem man mit der Nichte endlich das Kriegsbeil begräbt und ins Büro der Freundin einbricht. Und so weiter. Nur, dass Fehltritte ab sofort auch einen längeren Nachhall haben als in früheren Episoden. Tja: «jerks.» holte sich in der «Pastewka»-Abwesenheit die deutsche Serien-Krone in Sachen "Liebenswerte Mistkerle", nun holt «Pastewka» zum Rückschlag aus.

Wie gewohnt mit Insidergags und -anspielungen auf das Mediengeschehen gespickt (wobei man sich vor zu großer Aktualität scheut) und vom gewohnten Ensemble in altbekannter Frische gespielt, ist «Pastewka» in Runde acht also genau das, was ein «Pastewka»-Comeback liefern sollte: Fiese Aktionen, die sich aus reiner Verplantheit generieren. Fremdscham-Humor, locker verpackt und in kurzweiligen, charaktergesteuerten Erzählfäden vermittelt. Nur, dass diese Storyfäden jetzt länger als bislang sind und sich das Setting über den Tellerrand der meisten älteren «Pastewka»-Folgen hinaustraut. Und sowohl "die Bruck" als auch Kim werden facettenreicher gezeichnet als noch in den frühen Jahren, was Lamprecht und do Rego neue darstellerische Möglichkeiten in der «Pastewka»-Welt ermöglicht.

In naher Zukunft legt Netflix eine weitere «Arrested Development»-Staffel nach. Man darf gespannt sein, ob die aus den Fehlern der vorhergegangenen Season lernt. Ansonsten ist es gut möglich, dass «Pastewka» die beste VOD-Fortführung einer linear begonnenen Comedyserie bleibt. Ob das nun eine Ehre oder ein Trostpreis ist, dürfen Pastewka (der Echte), Pastewka (die Serienfigur) und Pastewka (die rosa gekleidete Ulknudel) unter sich ausmachen.

«Pastewka» ist ab dem 26. Januar 2018 bei Amazon Prime abrufbar.

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