Die Kritiker

«Sankt Maik»: Der Pfarrer rockt, aber sonst?

von   |  4 Kommentare

«Sankt Maik»-Hauptdarsteller Daniel Donskoy hat eine beeindruckende Energie und ansteckende Spielfreude. Schade, dass das Material lange nicht an sein Engagement heranreicht.

Cast und Crew

  • Regie: Sven Fehrensen, Ulrike Hamacher, Andreas Menck, Oliver Schmitz
  • Darsteller: Daniel Donskoy, Bettina Burchard, Marie Burchard, Vincent Krüger, Susi Banzhaf
  • Serienschöpferin und Chefautorin: Vivien Hoppe
  • Weitere Autorinnen und Autoren: Antonia Rothe-Liermann, Katrin Milhahn, Lucas Flasch, Seraina Nykios, Johannes Rothe
  • Kamera: Holly Fink, Thomas von Kreisler, Felix Poplawsky
  • Schnitt: Günter Schultens, Oliver Gieth
  • Musik: Tina Pepper, Ulrich Reuter
  • Redaktion: Vanessa Kloth
  • Produktionsfirma: UFA Fiction
Menschen, die sich für jemand anderes ausgeben, als sie wirklich sind: Das ist nicht bloß eine Berufsbezeichnung (für das Metier des Schauspielens), sondern obendrein ein in Film, Serie und Theater seit Ewigkeiten florierendes Komödiensubgenre. Ein gern gesehener Schauplatz solcher Identitätstauschspäße ist die Schule: Ob sich Heinz Rühmann in der Rolle des jungen Schriftstellers Dr. Johannes Pfeiffer in «Die Feuerzangenbowle» als Schüler ausgibt, Faulenzer Jack Black in «School of Rock» durch eine Parade an Notlügen eine Stelle als Ersatzlehrer übernimmt oder Elyas M'Barek einen Kleingangster mimt, der sich unter Vortäuschung falscher Tatsachen als neuer Lehrer an einer Problemschule behauptet.

Doch auch Gotteshäuser sind nicht gefeit von solchen komödiantischen Betrügereien. In «Sister Act» wird etwa Whoopi Goldberg als Mordzeugin/Loungesängerin Deloris van Cartier in ein Kloster geschleust, wo sie in der falschen Identität der musikalischen Schwester Mary Clarence eine Gruppe Nonnen aufmischt. Und in der neuen RTL-Serie «Sankt Maik» flieht der Taschendieb Maik (Daniel Donskoy), nachdem er als Schaffner verkleidet zahlreiche Zugpassanten bestohlen hat, in ein beschauliches Dorf. Aufgrund seiner Aufmachung, die er einem verstorbenen Pfarrer entwendet hat, wird er für den neuen katholischen Geistlichen gehalten, den die Dorfbewohner bereits sehnsüchtig erwarten.

Dieser Zufall ist für Maik Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil der fesche Jungspund vom Katholizismus so viel Ahnung hat wie der Metatron vom Konzept der Stillen Post. Segen, weil sich ihm große Chancen ermöglichen, sollte er die Scharade lang genug erfolgreich durchziehen: In der Rolle des Pfarrers kann er sich vor seinen Verfolgern auf beiden Seiten des Rechts verstecken und ganz nebenher Beute einstecken. Die hat er dringend nötig, da sein naiver kleiner Bruder Kevin (Vincent Krüger) Mist gebaut hat und deswegen enorme Schulden bei einem brutalen Schläger angehäuft hat …

Aus dieser Grundprämisse entsteht in «Sankt Maik» eine Abfolge aus "Aus Versehen etwas Gutes getan"-Momenten: Maik, der mit seiner Lausebengel-Attitüde im Vergleich zu «Fack Ju Göhte»-Hauptfigur Zeki Müller ziemlich harmlos daherkommt, denkt an sein eigenes Wohl und seine diebischen Ziele – doch statt dadurch andere Leute in Mitleidenschaft zu ziehen, sorgt er für freudige Konsequenzen. Da wird der etwaige Zeugen eines geplanten Raubzuges aus seiner Sinnkrise gequatscht, um endlich den künftigen Tatort freizuräumen, und einer älteren Frau, die zwar liebenswert ist, aber an seinen Nerven zerrt, verhilft Maik zu einer neuen Pflegekraft.

Ein weiteres wiederkehrendes Element: Die in diesem Genre allgegenwärtige Schere aus rollenkonformen und unangepassten Verhaltensweisen. Wenn Rühmann als Pennäler pfiffiger ist als seine Lehrer und M'Barek als Lehrer zurückrüpelt, statt sich von seinen Schülern terrorisieren zu lassen, dann haut Donskoy tyrannischen Arbeitgebern auf die Nase oder muss sich von einem kleinen Jungen belehren lassen, das wievielte Gebot "Du sollst nicht lügen" eigentlich ist.

Die Kunst solcher genregemäßer Gags ist, sie oft und dreist genug rauszuhauen, dass es überrascht (schließlich ist Humor zu weiten Teilen eine Frage der Unvorhersehbarkeit), andererseits die innere Logik der Geschichte nicht zu zerlöchern. Man muss es «Fack Ju Göhte» etwa einfach lassen: M'Barek schafft es, den "Ich hab keinen Bock auf euren Quark, also schnauze ich zurück!"-Aggrolehrer Müller glaubwürdig zu verkaufen. Und Goldbergs "Ich habe ein Gespür für Musik, also lasst mich versuchen, den grausigen Nonnenchor zu retten"-Schwester ist zurecht Kult geworden.

Der Protagonist der neuen RTL-Serie hat hingegen das Problem, zwischen zwei Stühle zu fallen: Einerseits ist der humoristische Duktus der Serie ziemlich bieder, so dass man sich fast bei einer Familienserie des Ersten glaubt, statt bei der neusten RTL-Serienhoffnung, die sogar topmodern in UHD ausgestrahlt wird. Die Reihenfolge der Zehn Gebote zu verwechseln und als Pfarrer unter der Dusche zu singen sind nun einmal nicht gerade Rollenbrüche, die nach Lachmuskelkrämpfen schreien.

Gleichzeitig überzieht es das «Sankt Maik»-Team an anderer Stelle gewaltig. Wenn Maik beispielsweise seine erste Predigt dadurch gestaltet, dass er singend einen Aretha-Franklin-Klassiker auf Englisch rezitiert, müssten die Besucher der sonderbar gut gefüllten Kirche eigentlich verduzt reagieren, statt zu jubeln. So wird die Fallhöhe des Materials enorm gemindert: Wenn Maik damit durchkommt, dann gibt es keinen Grund, überhaupt mitzufiebern, müsste er doch mit allem durchkommen. Da hat «Sister Act» seinen Clash aus Pop- und Kirchenmusik vorsichtiger vorbereitet – und somit für Witz und Dramatik mehr Spielraum geschaffen.

Das seichte Material gibt dem unterstützenden «Sankt Maik»-Schauspielensemble kaum Gelegenheit, zu glänzen – wobei der Fairness halber festgehalten muss, dass auch niemand durch Lustlosigkeit auffällt. Das klare Ass im Ärmel der Serienmacher ist aber ohne Frage Donskoy, der seine als harmlosen Kleinkriminellen geschriebene Rolle nimmt und sich mit wahnsinniger Spielfreude auf beeindruckende Weise von dem löst, wonach dieses Serienmaterial riecht. Donskoys kecker Lausebengel-Charme begeistert. Ebenso wie seine Fähigkeit, Maik wieselflink von "Ich kann nicht fassen, dass ich damit durchkomme" zu einer ernsten Fassade wechseln zu lassen und dann wieder unterschwellige Selbstzweifel an den eigenen Betrugskünsten in Maiks Mimik zu streuen.

Donskoy mag zwar kein Newcomer sein, trotzdem hat er hier ein mächtiges Karrieresprungbrett gefunden – und sollte «Sankt Maik» der gehemmten Gag-Trefferquote und der laschen horizontalen Spannungskurve zum Trotz ein Publikumsliebling werden, besteht noch immer die Hoffnung, dass die Serienmacher in Staffel zwei die Storys stärker an Donskoys Kamerawirkung und darstellerischem Engagement anpassen.

«Sankt Maik» ist ab dem 23. Januar 2018 wöchentlich um 20.15 Uhr bei RTL zu sehen.

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Es gibt 4 Kommentare zum Artikel
Sentinel2003
22.01.2018 19:13 Uhr 1
Gegen die langjährigen ARD Serien wird das Ding garantiert keine Chance haben.
Familie Tschiep
23.01.2018 20:38 Uhr 2
Es gibt ja die Ausrede, es ist ja nur Fiction und es will auch gar nicht realistisch sein. Aber sich ein bissel mehr mit seinem Sujet beschäftigen, kann aber schon förderlich sein. Man soll sich da mal ein Beispiel an Bull nehmen, da hat man eher das Gefühl, die Macher haben Ahnung von der Materie.
kauai
24.01.2018 10:11 Uhr 3


Ich meine, Mal gelesen zu haben, daß der "echte Bull" (also Dr. Phil) bei der Entwicklung der Serie mit eingebunden war. Dadurch war da die Realitätsnähe allein schon dadurch mit gegeben.
Familie Tschiep
24.01.2018 13:13 Uhr 4
Ich weiß, aber man merkt es der Serie an. Das gehört zu den Errungenschaften im Writers Room, einer hat Ahnung von der Materie. Bei Breaking Bad gehörte ein Chemiker zu den Schreibern, bei Big Bang Theory lassen sie sich auch durch Experten in Sachen Physik helfen.

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