Der anarchische Tele-5-Talk hatte leichte Anlaufschwierigkeiten, nahm jedoch im Laufe der Zeit spürbar Fahrt auf. Hauptverantwortlich hierfür: Die nimmermüde Quasselstrippe Hella von Sinnen.
Jahrelang formulierte Hugo Egon Balder - halb scherzhaft, halb ernsthaft - die Ambition, ein Format namens «Der Klügere kippt nach» im Fernsehen zu präsentieren. Kai Blasberg, der als Geschäftsführer von Tele 5 schon häufig seine Sympathie für mutige und unkonventionelle Unterhaltung unter Beweis gestellt hat, gibt der skurrilen Idee nun eine Bühne. Nach der Auftaktfolge am Ostermontag vermag man noch nicht zu beurteilen, wie zukunftsträchtig das ist. Zunächst präsentierte sich die Live-Show etwas behäbig und dröge, doch im Laufe der gut einstündigen Ausstrahlung nahm sie spürbar Fahrt auf. Während Hella von Sinnen ihrem Ruf als schrill umherbrüllendes Show-Dynamit gerecht wurde, wirkte Wigald Bonig als Moderator komplett deplatziert. Und wo war eigentlich der Vater der TV-Saufrunde?
Hier wiederum kommt Wigald Boning ins Spiel, dem es als Moderator weder gelingt, einen strukturierten Meinungsaustausch zu initiieren, noch den Unterhaltungswert und die Lockerheit besitzt, Anarchie in das Format zu transportieren. So wirken seine Versuche, Stichworte zu neuen Themen einzustreuen, häufig etwas deplatziert und stören den Gesprächs- oder besser: von Sinnens Monologfluss, an anderer Stelle nimmt er fast schon die Rolle des Spielverderbers ein, dessen verbaler Input von den Gästen häufig ignoriert wird. Die Idee, einen nüchternen und beinahe professoral-spießig daherkommenden Moderator zu integieren, hätte durchaus aufgehen und einen angenehmen Gegenpol zum heiteren Saufgelage bilden können. In der ersten Sendung aber nimmt er der Sendung ein wenig den Drive - und gibt ihr dafür entschieden zu wenig Substanz.
Insgesamt offenbart die Auftaktfolge von «Der Klügere kippt nach» bereits einige Stärken und Schwächen, die in einer solchen Idee stecken: Sobald sich eine spannende Eigendynamik entwickelt, unterhalten sich die Menschen vor und hinter der Kamera prächtig. Entwickelt sich diese nicht, kann es schnell zu peinlicher Stille kommen. So aufdringlich und anstrengend eine Hella von Sinnen auch manchmal sein mag, ist sie in solch einer Sendung Gold wert, die einen Initiator benötigt, der keine Scham und wenig Grenzen kennt und zu jedem Thema irgendwas zu sagen hat - und sei es nur ein zweiminütiger Monolog über die Gründe des eigenen Desinteresses. Doch gleichzeitig braucht es auch jemanden, der sie zu zügeln weiß, sollte sie zu sehr über die Stränge schlagen. Wigald Boning gehört nicht zu diesem Schlag Menschen, Hugo Egon Balder schon eher. Insofern könnte eine rasche Lehre, die man aus dem Piloten ziehen kann, sein: Mehr Balder, weniger Boning.
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