Die Kino-Kritiker

«Cake»

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Imagewechsel mit dem Vorschlaghammer: Komödienexpertin Jennifer Aniston ist in dem Drama «Cake» erstmals fernab ihrer bevorzugten Rollenwahl zu sehen und agiert als waschechte Charakterdarstellerin. In ihrer Kritik verrät Antje Wessels, ob ihr dieses Experiment gelungen ist.

Filmfacts: «Cake»

  • Kinostart: 09. April 2015
  • Genre: Drama
  • FSK: 12
  • Laufzeit: 102 Min.
  • Kamera: Rachel Morrison
  • Musik: Christophe Beck
  • Buch: Patrick Tobin
  • Regie: Daniel Barnz
  • Darsteller: Jennifer Aniston, Sam Worthington, Anna Kendrick, Adriana Barraza, Marnie Gummer, Felicity Huffman
  • OT: Cake (USA 2014)
Akribisch genau hat Komödienexpertin Jennifer Aniston («Kill the Boss») ihren Imagewandel vorbereitet. Jetzt ist er da – und kommt wie mit der Brechstange. Das nahm Hollywood direkt als solch ein großes Wagnis auf, dass schon direkt nach Erscheinen gemunkelt wurde, ob sich Aniston vielleicht sogar Chancen auf einen Oscar ausrechnen könne. Gewonnen hat ihn bekanntermaßen schließlich doch jemand anderes, aber mit dem Drama «Cake» katapultiert sich Aniston direkt hinein in eine Riege mit ihren Kollegen aus dem Charakterfach. Trotzdem bleibt durch ihre Funktion als Produzentin ein leicht herber Beigeschmack und die Frage: Hätte die Schauspielerin diese Rolle überhaupt bekommen, hätte sie sich nicht gleichsam für den Produktionsposten des Films entschieden? So oder so ist die menschliche Studie über eine chronische Schmerzpatientin tatsächlich der erhoffte Wendepunkt in Anistons Karriere und ein gelungener noch dazu. Die geborene Kalifornierin funktioniert ganz hervorragend in einer solch geerdeten Rolle, weit weg von der heilen Welt Hollywoods und ganz nah dran an den Emotionen ihrer Figur. Aniston stellt sich mit Leib und Seele in den Dienst des Films, der gerade durch seine sich äußerst zwiespältig verkaufende Protagonistin interessante Ansätze besitzt. Regisseur Daniel Barnz («Beastly») ist die Vornahme, einen mutigen Film zu machen, in vielen Momenten gelungen. Leider schafft es das Drehbuch nicht, die vielen unkonventionellen Facetten zu einem runden Abschluss zu führen. So wird aus «Cake» schließlich ein allenfalls durchschnittliches bis gutes Drama, der ganz große Wurf – geschweige denn die vorab erwartete Oscar-Hoffnung – ist der Film dann allerdings nicht.

Claire Bennett (Jennifer Aniston) leidet. Übersät von Narben erträgt die einst so starke Frau ständige physische Schmerzen. Bei jedem zögernden Schritt stöhnt sie auf. Die meiste Zeit verbringt sie damit, sich mithilfe von Schmerzmitteln den Alltag erträglich zu machen. Doch auch ihren emotionalen Schmerz kann Claire nicht verbergen: Ihre Direktheit grenzt an handfeste Beleidigungen, fast in jeder Äußerung bricht die Wut aus ihr hervor. Auf diese Weise hat sie bereits ihren Ehemann und alle Freunde vertrieben – sogar von ihrer Schmerzsyndrom-Selbsthilfegruppe wird sie ausgeschlossen, als sie sich abfällig über den Suizid ihrer Mitpatientin Nina (Anna Kendrick) äußert. In ihrem einsamen Leben hat Claire nur noch Kontakt zu ihrer Haushälterin und Betreuerin Silvana (Adriana Barraza), die sich widerwillig mit dem Alkohol- und Medikamentenkonsum ihrer Chefin abfindet. Doch dann entwickelt Claire über Ninas Tod eine neue fixe Idee: Obwohl die Frauen einander kaum kannten, versucht Claire, Ninas Todesfall zu untersuchen und gerät so in die Grauzone zwischen Leben und Tod, Isolation und Herzschmerz, Gefahr und Erlösung. Dass sie sich ins Leben von Ninas Mann (Sam Worthington) und Sohn drängt, könnte für Claire tatsächlich die Rettung bedeuten.

Die Themen Krankheit und Tod finden sich gerade im Bereich der Dramaproduktionen immer wieder, wenn es darum geht, aus tragischen Ereignissen Filmerlebnisse mit positivem Optimismusappell zu kreieren. Dies kann auf vollkommen unterschiedliche Arten erfolgen. Unangenehm verwässerte Rührstücke wie «Das Glück an meiner Seite» gehen Hand in Hand mit gut gemeinten, jedoch nur selten konsequent zu Ende gedachten Tragikomödien der Marke «Ziemlich beste Freunde» oder auch «Honig im Kopf». Nur einmal schaffte es in den vergangenen Monaten ein Film, ein Krankheitsbild mit all seinen furchtbaren Facetten in Gänze ungeschönt auf das Publikum loszulassen: Die Rede ist von «Still Alice», einer tragischen Erzählung über die Krankheit Alzheimer und ihre Folgen für Patienten und Angehörige. Auch «Cake» beginnt zunächst auf eine vollkommen unsentimentale Weise, in das Leben der Hauptfigur vorzudringen und erzählt subtil und nachdrücklich zugleich, was es bedeutet, eine chronische Schmerzpatientin zu sein. Barnz‘ Umgang mit der Hauptfigur zeugt von Mut, wenn er Claire als eine Person zeichnet, die nahezu keinerlei Berührungspunkte zulässt und sich sichtbar Mühe gibt, nicht nur ihr Umfeld sondern damit zwangsläufig auch das Publikum zu vergraulen. Es braucht viel guten Willen, um in Claire sympathische Züge zu entdecken, denn trotz der überdeutlichen Zeichnung als Opfer kreiert das Drehbuch von Patrick Tobin («No Easy Way») kein rührseliges Abziehbild einer zu verhätschelnden Person, sondern eine Einsiedlerin, die dieses Leben selbst allzu sehr bevorzugt.

Daniel Barnz verweigert sich lange Zeit jedweden konventionellen Grundgedanken. Ob nun gewollt oder ungewollt bewegt sich «Cake» gar auf eine noch viel mutigere Message hin und erzählt subtil sowie auf handfesten Argumenten basierend von den Beweggründen einer Frau, sich nach reiflicher Überlegung gegen das eigene Leben und für den Freitod zu entscheiden. Zu Beginn wirkt Claire Bennett noch vielmehr oberflächlich und lebensmüde, doch dieser Eindruck weicht nach und nach dem eindringlichen Bild einer Patientin, für die das Leben nicht mehr lebenswert ist. Die Botschaft, dass der Zeitpunkt des eigenen Lebens in Ausnahmefällen selbstbestimmt gewählt werden sollte, keimt mit Vorsicht und reift so sukzessive zu einem optimistischen Gedanken an, der das Publikum dazu bringt, Claire in ihrem Vorhaben zu unterstützen. Ein mutiges, im Kino bislang nur sehr untergeordnet auftretendes Statement, zu dem auch die Wahl der Nebenfiguren passt.

Sie alle gehen auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Tod, aber auch mit Claire um und führen dem Publikum vor Augen, wie leicht sich die eigenen Prinzipien und Moralitäten durch die uns gegenüber stehenden Personen verschieben lassen. Die Mexikanerin Adriana Barraza («Thor») mimt die ebenso schroffe wie aufopferungsvolle Haushälterin Claires, die sich mit aller Bereitschaft um ihre kranke Chefin kümmert. Zum einen steht ihre Figur stellvertretend dafür, wie abhängig Schwerkranke von ihrer Außenwelt sind und wirft offen die Frage nach dem daraus resultierenden Lebenswert auf. Auf der anderen Seite darf sich das Publikum hier selbst fragen, wie vertretbar es ist, selbstverständlich in den Willen und die Gedanken eines Mitmenschen einzugreifen. Dem gegenüber steht ein authentisch agierender Sam Worthington («Avatar») als Ruhe spendender Gegenpol sowie Anna Kendrick («Pitch Perfect»), die Claire in Visionen erscheint und sie wie eine Femme Fatale auf die andere Seite zu ziehen versucht. Ein interessanter Kniff, um Außenstehenden zu verdeutlichen, wie verführerisch der Tod für psychisch labile Menschen wohl erscheinen mag.

Bis zum letzten Drittel halten die Macher an ihrem Suizid-Akzeptanz-Subtext fest und schaffen es, dem Publikum anschaulich zu verdeutlichen, wie es in den Gedanken eines des Lebens müde gewordenen Menschen wohl aussehen mag. Vollkommen frei von jedweder Vorschlaghammermoral und emotional fordernd nimmt man an Claires Leben teil und interessiert sich für sie, obwohl ihre Figur sich alle Mühe gibt, den Zuschauer regelrecht zu vergraulen. Doch dann findet ein Bruch statt und die Macher stellen sämtliche vorab aufgebaute Konsequenz infrage und geben damit sogar Anlass, darüber nachzudenken, ob der bislang als Hauptbotschaft vernommene Plot nicht vielleicht sogar unbeabsichtigt war. Der lobenswerte Aufbau weicht mit der Zeit einem nur allzu üblichen Plothergang, der in eine nicht weniger subtile, sogar recht pointierte aber doch herkömmliche Schlusssequenz gipfelt. Natürlich wird sich Claire im Finale ein Herz nehmen, ihr Leben überdenken und neuen Mut für die Zukunft schöpfen. Eine per se vollkommen vertretbare Einstellung, die dem Film jedoch jedweden Mut raubt. So ist «Cake» letztlich – und vor allem dank der großartigen Leistung von Jennifer Aniston – ein immer noch guter, da sehr vorsichtiger und genau beobachtender, dabei jedoch nie rührseliger Film. Das Drehbuch missfällt jedoch in seiner Unentschlossenheit und raubt der Geschichte ihr enormes Potenzial.

Fazit: Lange Zeit ist «Cake» ein unspektakulär gefilmtes und damit umso eindringlicheres Werk über eine Schmerzpatientin, das sich den üblichen Sehgewohnheiten eines solchen Stoffes konsequent verweigert und damit im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht. Das letzte Drittel unterwirft sich diesen dann umso mehr und macht den vorab sehr guten Film zu einem Streifen, den man sich ansehen kann, aber nicht muss.

«Cake» ist ab dem 09. April in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

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