Mit Humor, Alltagsgegenständen und wissenschaftlichen Studien nimmt Molekularbiologe Martin Moder auf YouTube Esoterik, Impfmythen und Pseudowissenschaft auseinander.

Eine Behauptung ist in wenigen Sekunden ausgesprochen, ihre Widerlegung kann dagegen Minuten dauern. Genau mit diesem Problem beschäftigt sich Martin Moder. Der österreichische Molekularbiologe betreibt den YouTube-Kanal
«MEGA | Martin Moder», wobei MEGA für „Make Europa Gscheit Again“ steht. Dort überprüft er Behauptungen aus Medizin und Wissenschaft, beschäftigt sich mit Pseudowissenschaft und erklärt, was Studien tatsächlich belegen. Besonders bekannt wurde das Format während der Corona-Pandemie, als Moder zahlreiche Mythen rund um das Virus und die neu entwickelten Impfstoffe aufgriff.
Die Produktion fällt dabei erstaunlich unspektakulär aus. Moder recherchiert, schreibt, filmt und schneidet seine Beiträge weitgehend selbst. Statt eines großen Studios und aufwendiger Animationen kommen gerne Gegenstände zum Einsatz, die gerade zur Hand sind. Mit einfachen Mitteln veranschaulicht er komplizierte biologische Vorgänge und versucht damit, auch Menschen ohne naturwissenschaftliche Ausbildung zu erreichen. Humor gehört ebenfalls zum Konzept. Wissenschaft soll bei MEGA zwar korrekt, aber keineswegs trocken vermittelt werden.
Gestartet wurde das Format 2020 und damit mitten in der Corona-Pandemie. Entsprechend dominierten zunächst Fragen zu Covid-19. Wie funktionieren RNA-Impfstoffe? Was bedeutet der Begriff Langzeitfolgen überhaupt? Und welche Behauptungen über Impfungen halten einer wissenschaftlichen Überprüfung stand? Einige dieser frühen Videos erreichten jeweils Hunderttausende Aufrufe.
MEGA entstand im Umfeld der EU-Mythbusters, einer Initiative mit Beteiligung von Europe Direct Österreich, den Europäischen Föderalisten und R9 Regional TV. Das Projekt gehörte zur Initiative Europa gegen Covid-19, die 2021 mit dem Kaiser-Maximilian-Preis ausgezeichnet wurde. Einzelne Erklärvideos von Moder wurden darüber hinaus vom Robert Koch-Institut als weiterführende Informationen verlinkt.
Mit dem Ende der akuten Pandemie verschwand dem Kanal keineswegs der Stoff. Inzwischen beschäftigt sich Moder mit einem erheblich größeren Spektrum. Placebo- und Nocebo-Effekte finden ebenso Platz wie Akupunktur, Homöopathie oder verbreitete Behauptungen über Ernährung und Gesundheit. Daneben greift er psychologische und gesellschaftliche Phänomene auf – etwa die Frage, warum negative Nachrichten besonders viel Aufmerksamkeit erhalten oder weshalb Menschen ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen. Mehr als 80.000 Menschen haben den Kanal inzwischen abonniert.
Dass Moder wissenschaftliche Studien nicht nur aus zweiter Hand kennt, liegt an seiner eigenen akademischen Laufbahn. Er studierte Mikrobiologie und Genetik an der Universität Wien und beschäftigte sich anschließend am Institut für Molekulare Biotechnologie mit Hirntumoren bei Fruchtfliegen. Seine Promotion absolvierte er am CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin, wo er zu seltenen Erbkrankheiten forschte.
Parallel entdeckte Moder die Wissenschaftskommunikation für sich. Als Tutor im Vienna Open Lab vermittelte er naturwissenschaftliche Themen an Besucher, bevor er 2013 erstmals bei einem Science Slam antrat. Das funktionierte offenbar ziemlich gut: Er gewann den Wettbewerb und wurde ein Jahr später in Kopenhagen zum Science-Slam-Europameister gekürt. Seit 2016 gehört er außerdem zum Ensemble der «Science Busters», die Wissenschaft mit Kabarett verbinden.
Diese Erfahrungen sind auch seinen YouTube-Videos anzumerken. Moder möchte nicht lediglich erklären, dass eine Behauptung falsch ist. Entscheidend ist die Begründung. Dazu gehören Studien, deren Aussagekraft und gegebenenfalls auch ihre Grenzen. Die verwendeten Quellen macht er in den Videobeschreibungen zugänglich. Zuschauer können dadurch zumindest grundsätzlich nachvollziehen, worauf seine Argumentation basiert.
Gerade bei medizinischen Falschinformationen sieht Moder allerdings ein grundsätzliches Problem. Eine emotionale Behauptung oder diffuse Angst lässt sich schnell verbreiten, während eine wissenschaftliche Widerlegung zunächst Hintergründe erklären und Belege liefern muss. Viele vermeintlich neue Impfmythen seien zudem keineswegs während Corona entstanden, sondern in ähnlicher Form schon bei früheren Impfkampagnen aufgetaucht.
YouTube bietet ihm für solche Erklärungen einen Vorteil: Zeit. Anders als bei einem kurzen Fernsehauftritt kann Moder ein Thema so lange behandeln, wie es für seine Argumentation notwendig ist. Kritisch sieht er dagegen Situationen, in denen Medien wissenschaftlich gut belegte Erkenntnisse und kaum belegte Gegenpositionen allein aus dramaturgischen Gründen gleichberechtigt nebeneinanderstellen. Moder spricht in diesem Zusammenhang vom Problem der „False Balance“. Auch für klassische Medien wünscht er sich eine stärkere Transparenz bei den verwendeten Quellen.
Für seine Wissenschaftskommunikation erhielt Moder mehrere Auszeichnungen. 2021 wurde er vom Österreichischen Roten Kreuz mit dem Humanitätspreis der Heinrich-Treichl-Stiftung geehrt und erhielt im selben Jahr den LifeScienceXplained-Preis. Seine öffentliche Arbeit bringt allerdings auch Anfeindungen mit sich. Insbesondere während der Pandemie wurde Moder zum Ziel von Personen und Gruppen, die seine Positionen zu Impfungen ablehnten.
Davon hat er sich bislang nicht von seinem Ansatz abbringen lassen. «MEGA | Martin Moder» ist inzwischen weit mehr als ein Corona-Erklärkanal. Das eigentliche Thema ist wissenschaftliches Denken: Eine Behauptung wird nicht dadurch richtig, dass sie plausibel klingt oder häufig wiederholt wird. Moder fragt nach den Belegen – und wenn die Antwort etwas länger dauert, bekommt sie auf YouTube eben die notwendige Zeit.
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