Bitte nicht von Titel und Konzept täuschen lassen: Die neue Sat.1-Dokusoap «Hochzeit auf den ersten Blick» ist ambitionierter, als man zunächst denken würde - wenn man ethische Grundsatzfragen ausklammert.
Kennen Sie auch diese innere Contra-Haltung, sobald einschlägig bekannte Privatsender - also vor allem RTL, RTL II und spätestens seit «Auf Brautschau im Ausland» und «Schwer verliebt» auch Sat.1 - eine neue Kuppelsendung konzipieren? Als medienerfahrener Mensch weiß man, worauf es die Mehrzahl dieser Formate angelegt haben und es gibt zu viele negative Beispiele, als dass man dem Genre noch völlig unbefangen gegenüberstehen könnte. Auch im Falle von «Hochzeit auf den ersten Blick» gibt es sicher einige Aspekte, die man kritisieren kann. Schwerer wiegt aber nach der Auftaktfolge doch das Erstaunen - darüber, wie viele interessante Ansätze der Sat.1-Neustart hat. Und darüber, wie wenig die skurrile Ausgangsposition missbraucht wird, die Protagonisten in ein schlechtes Licht zu rücken.
Ein wichtiger und sehr stark betonter Aspekt des Formats ist die Forschung. Selten hat man bei einer Kuppelshow derart viele Experten in verschiedenen Forschungsgebieten zu Wort kommen lassen, selten wurde so ausführlich auf genetische, soziologische und psychologische Zusammenhänge eingegangen wie hier. Problematisch hieran: Gerade die ersten Minuten müssen derart viel erläutern und einführen, dass man vor dem Fernseher kaum noch mitkommt. Zwischen der Erklärung des Konzepts, den Untersuchungsmethoden der Analysten und der Vorstellung der paarungswilligen Singles wird munter hin und her geswitcht, sodass alles zunächst einmal etwas chaotisch und verwirrend rüberkommt. Hat sich das nach etwa 15 bis 20 Minuten allmählich gelegt, fokussiert man sich stärker auf einzelne Szenerien, das Fernsehpublikum findet sich hier dann allmählich ein - wenn es sich nicht schon nach schlichterer Kost umgesehen hat.
Gerade die genutzte Musik ist deshalb aber keineswegs übermäßig dezent eingesetzt. Wer auch immer für die Auswahl der Stücke verantwortlich zeichnet, dürfte großer Fan flotter und aufdringlicher Dubstep- und Rock-Titel gewesen sein. Im schnellen Wechsel zwischen Stilen verkehrt kaum eine Minute, ohne dass im Hintergrund ein treibender Beat zu hören ist. Das macht die Sendung leider schon ein wenig hektischer als nötig, kaschiert allerdings auch ein wenig, wie ruhig die deutliche Mehrzahl der präsentierten Szenen eigentlich sind.
Alles in allem muss man sich wohl die Frage stellen, welche Erkenntnis - oder besser: welche Anreize zu eigenen Überlegungsprozessen - man «Hochzeit auf den ersten Blick» extrahiert. Rennt man völlig euphorisiert gleich zum nächstbesten Standesamt, um sich diesem Versuch des "Blind Wedding" anzuschließen, hätte die Show sicher eher negative Auswirkungen auf den Rezipienten. Als Gedankenspiel und Anreiz, über die Messbarkeit menschlichen Handelns und Fühlens nachzudenken, ist das Gesehene weitaus besser geeignet. Und dass eine Dokusoap auf einem Privatsender überhaupt Anlass zum Denken gibt, ist eigentlich schon erstaunlich genug.• Auf Brautschau im Ausland • Hochzeit auf den ersten Blick • Schwer verliebt • Schwiegertochter gesucht
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