«House of Yang»: Ein Familiengeheimnis mit erzählerischen Rissen

Die Mystery-Horror-Serie überzeugt mit Atmosphäre, jungen Darstellern und einem gelungenen Finale, lässt aber bei Figurenzeichnung und Erzählstruktur einige Wünsche offen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Wahrnehmung asiatischer Kulturen in der Bundesrepublik Deutschland stärker geworden. Dabei sind bereits seit vielen Jahren Menschen verschiedener Nationalitäten in beiden deutschen Staaten vertreten gewesen. In die DDR beispielsweise reisten viele Vietnamesen ein, in der Bundesrepublik lebten unter anderem Libanesen, Palästinenser und Inder. Die neue Serie von Stefanie Ren, die aus Taiwan stammt, möchte eine Geschichte über Deutsch-Asiaten erzählen. «House of Yang» ist eine sechsteilige Serie, für die Ren auch das komplette Drehbuch schrieb.

Neben Ren ist auch Mia Spengler als Regisseurin verpflichtet worden. Neben dem kulturellen Austausch gibt es vor allem ein starkes Gefälle zwischen weiblichen und männlichen Figuren. Die Männer sind in der zweieinhalbstündigen Geschichte lediglich Beiwerk, ihre Charaktere sind eindimensional und tragen im Grunde so gut wie gar nichts zur Geschichte bei. Wie der Immobilienmakler zu Beginn der ersten Folge sind männliche Figuren grob und unfähig, Empathie zu zeigen. Gerade beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk hätte man hier mehr Diversität erwartet, doch anscheinend geht Gleichberechtigung nur in eine Richtung.

Die Serie startet solide: Im Mittelpunkt der Handlung steht Jessie (Elisa Hofman), die mit ihrer Tochter Mila (Purnima Grätz) in ihr Elternhaus im Schwarzwald fährt. Vor Kurzem ist ihr Vater gestorben, weshalb das alte Gemäuer jetzt veräußert werden soll. Da Achim (Christian Kerepeszki) allerdings zuletzt wohl nicht mehr die Kraft hatte, das Haus in Schuss zu halten, empfiehlt der Immobilienmakler (Marco Gianni), überhaupt erst einmal aufzuräumen, um Bilder für eine Anzeige zu erstellen. Die Aufräumaktion beginnt und Mila findet das Zimmer von Jessies verschwundener Schwester vor, in dem ein Röhrenfernseher läuft. Bereits in diesen Momenten versteht der Zuschauer, dass hier etwas Unheimliches vor sich geht.

Es folgt ein Sprung ins Jahr 1999, in dem das Ehepaar Achim und Yang (Linda Chang) mit Oma Daiyu (Andrea Guo) ins Theater will. Sie hinterlassen Jessie (in jungen Jahren von Clara Jaschob gespielt) und ihrer Schwester Isabel ein paar Mark, damit die beiden ins Kino können. Bereits hier gibt es durchaus erzählerische Lücken, weil das Haus abseits der Zivilisation steht. Hat man im Jahr 1999 noch junge Schwestern alleine – gar nur mit dem Fahrrad – in die Stadt fahren lassen? Es kommen Freundin Tabea (Emilia Packard) und Kumpel Benni (Yoran Leicher) vorbei, die Marihuana und Alkohol mitbringen. Nachdem die kleine Isabel am Joint gezogen und Wodka-Orange getrunken hat, will man Verstecken spielen. Dabei kommt es nach einem Kuss zum Eklat und Isabel rennt ins Bügelzimmer. Jessie will ihr folgen – doch die Tür ist vom Haus verschluckt worden.

In der zweiten Folge suchen Yang und Achim fieberhaft nach ihrer vom Erdboden verschwundenen Tochter. Die Polizei und das Umfeld misstrauen allerdings der Familie. Es folgt der Sprung in das Jahr 1949, in dem drei Fremde nach dem Zweiten Weltkrieg bei Jessies Großmutter um Unterschlupf bitten. Die dritte Geschichte ist allerdings für die grobe Handlung der Gegenwart weniger relevant. Zugleich fühlt sich «House of Yang» mit knapp zweieinhalb Stunden sehr straff erzählt an. Man könnte meinen, dass für diesen Handlungsstrang zwei weitere Folgen geplant waren, die allerdings dem Budget geopfert wurden.

Mit sechs Episoden von jeweils weniger als einer halben Stunde ist die Serie ohnehin knapp bemessen. Während in den ersten drei Episoden vor allem Fragen aufgeworfen werden, folgen in den drei weiteren die Antworten. Vor allem die Episoden „Ich habe sie geliebt“ und „Limbo“ sind gut verfasst und bügeln einige Schwächen der erzählerischen Struktur in den Folgen zwei und drei aus. Mit der letzten Folge schließt sich auch ein Kreis, der mit den ersten Minuten begonnen wurde – mit Sicherheit die beste Storyline der Geschichte. Über das Ende möchte man gerne sprechen, doch die Abenteuerreise muss erst jeder Zuschauer selbst unternehmen.



Die schauspielerischen Leistungen in «House of Yang» sind gut, vor allem die Jungdarsteller Purnima Grätz, Emma Bading, Clara Jaschob, Yoran Leicher und Emilia Packard sind positiv hervorzuheben. Elisa Hofman als Hauptfigur Jessie ist ebenfalls gut, während Freundin Tabea von Antonia Bill mäßig verkörpert wird. Besondere Aufmerksamkeit verdient das Szenen- und Kostümbild, das wirklich gut auf die Jahre 1949 und 1999 abgestimmt ist. Das Haus ist eindrucksvoll gestaltet, aus allen Epochen findet der Zuschauer etwas zum Wiedererkennen. Es sind durchaus auch Gegenstände aus früheren Jahren versteckt, die allerdings im Laufe der Jahre in die Schränke gewandert sind.

Unterm Strich ist «House of Yang» eine bemerkenswerte Mystery-Horror-Serie, die mit einigen Produktionen von Netflix & Co. mithalten kann. Vor knapp drei Jahrzehnten, im Jahr 1999, hätte es ein solches Projekt innerhalb der ARD noch nicht gegeben. Daher ist es auch bemerkenswert, wie sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den vergangenen Jahren für die jungen Zuschauer geöffnet hat.

«House of Yang» ist seit 9. Oktober in der ARD Mediathek abrufbar.
01.11.2026 00:01 Uhr Kurz-URL: qmde.de/177008
Fabian Riedner

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• Halloween2026 • House of Yang


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