Serientäter

«Selling Sex»: eine (zu?) reflektierte Serie

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Freitagnacht zeigt Das Erste eine Serie, die sich dem Thema Prostitution und Escort erstaunlich differenziert nähert.

Eine Serie über Escort und Prostitution hat es heute nicht leicht. Zu groß ist die Gefahr, entweder in Sozialdrama-Routine zu verfallen oder das Milieu zur dekorativen Oberfläche zu machen. Im einen Fall wird Sexarbeit zum Elendsbericht, im anderen zur schicken Variante des klassischen Serienversprechens: Menschen mit interessanten Berufen führen ein Leben, das der Zuschauer gern für ein paar Stunden ausprobieren würde. «Selling Sex», die neue Serie, die ab Freitagnacht im Ersten gesendet wird, entscheidet sich für einen dritten Weg und versucht, Sexarbeit weder zu verklären noch zu verurteilen. Und gerade weil sie dabei nicht immer vollkommen konsequent ist, ist sie interessanter, als es ihr Titel zunächst vermuten lässt.

Im Mittelpunkt steht Nelly, 25 Jahre alt, intelligent, selbstbewusst und finanziell eher weniger gut ausgestattet. Ihr bisheriges Berufsleben verspricht ihr weder das eine noch das andere, was sie sich vom Leben erhofft: Geld und Unabhängigkeit. Der Einstieg ins Escort-Geschäft erscheint deshalb zunächst erstaunlich pragmatisch. Nelly entdeckt eine Tätigkeit, mit der sich in vergleichsweise kurzer Zeit sehr viel Geld verdienen lässt. Der moralische Ausnahmezustand, den man als Zuschauer vielleicht erwartet, findet zunächst gar nicht statt.

Das ist ein ziemlich kluger Ausgangspunkt. Denn die Serie interessiert sich nicht in erster Linie dafür, dass Nelly als Escort arbeitet, sondern dafür, was diese Entscheidung mit ihrem Leben macht. Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied, ist aber einer der wesentlichen Gründe, warum «Selling Sex» besser funktioniert als eine weitere Geschichte über den vermeintlichen Absturz einer jungen Frau. Nelly ist keine tragische Figur, die gerettet werden muss. Sie ist auch keine glamouröse Heldin des Sexpositivismus. Sie hat sich schlicht für einen Beruf entschieden – und muss nun mit den Konsequenzen dieser Entscheidung leben.

Die Serie entwickelt daraus eine angenehm ambivalente Haltung. Nelly erlebt ihren neuen Beruf zunächst als Befreiung. Sie verdient gut, bewegt sich in einer Welt aus Hotels, Geschäftsleuten und Geld und lernt, ihre eigenen Grenzen zu definieren. Gleichzeitig entsteht zunehmend die Erkenntnis, dass Selbstbestimmung nicht bedeutet, dass es keine äußeren Bedingungen gibt. Wer den eigenen Körper zur Ware macht, entscheidet zwar selbst über diese Ware – aber eben nicht über sämtliche Regeln des Marktes, in dem sie angeboten wird.

Gerade hier wird «Selling Sex» gesellschaftlich interessant. Denn die Serie stellt die Frage nach der Freiwilligkeit, ohne sie mit der Frage nach der Moral zu verwechseln. In vielen Erzählungen über Prostitution wird die Entscheidung einer Frau entweder als Ausdruck von Unterdrückung oder als besonders konsequente Form weiblicher Emanzipation interpretiert. Beides ist bequem. Das eine, weil es Empörung produziert; das andere, weil es jede unangenehme Frage nach ökonomischen Abhängigkeiten vermeiden kann. «Selling Sex» versucht, dazwischen zu bleiben.

Ganz gelingt das nicht. Denn natürlich weiß die Serie sehr genau, dass sie ein sensibles Thema behandelt. Manchmal merkt man ihr dieses Wissen zu deutlich an. Einige Dialoge wirken, als seien sie nicht nur für die Figuren geschrieben worden, sondern auch für die anschließende Diskussion in sozialen Netzwerken. Wo dieses Format seine Figuren einfach handeln lassen könnte, erklärt es gelegentlich noch einmal, was ihr Verhalten bedeutet. Das ist ein typisches Problem ambitionierter Gegenwartsserien: Sie möchten nicht nur erzählen, sondern zugleich beweisen, dass sie über das Erzählte reflektieren.

Dabei sind die eigentlichen Stärken von «Selling Sex» ohnehin weniger programmatisch. Sie liegen vielmehr in den kleinen Beobachtungen, in den Momenten, in denen Nelly zwischen beruflicher Professionalität und persönlicher Verunsicherung wechselt, in den Begegnungen mit anderen Frauen aus dem Milieu, und vor allem dort, wo die Serie auf die naheliegende moralische Pointe verzichtet.

Die Serie «Selling Sex» wird am Freitag, den 28. August ab 23.55 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

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