Deutschland im Sommer 2026: Ein islamistisch motivierter Attentäter fährt mit einem gemieteten Auto in eine Menschenmenge beim Christopher Street Day, danach greift er noch Passanten mit einer Machete an. In der jungen Fernsehserie «Tip Toe» des bekannten Autors Russell T Davies ist der Hass auf die LGBTQ-Community ebenfalls ein zentrales Thema. Im Mittelpunkt der Serie steht Leo Struthers, der hervorragend von Alan Cumming verkörpert wird. Cumming selbst lebt seit Jahren offen bisexuell und ist vielen Zuschauern im angelsächsischen Raum als Spielleiter von «The Traitors» bekannt. Außerdem verkörperte er den jüdischen Anwalt und Wahlkampfstrategen Eli Gold in «The Good Wife». Eigentlich sollte Cumming dort nur in wenigen Folgen auftreten, am Ende wurde er zu einem der prägenden Gesichter der Serie.Die neue Serie von Channel 4, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz beim Streamingdienst HBO Max ausgestrahlt wird, beginnt mit einem dramatischen Bild: Leo hängt an der Straßenlaterne vor seinem Haus. Danach setzt die Handlung zehn Tage zuvor ein. Ein One-Night-Stand rennt aus Leos Haus und stiehlt seinen Laptop. Dummerweise fällt die Tür zu und der Barbesitzer steht nur mit Unterhose und T-Shirt bekleidet in seinem Vorgarten. Er klingelt bei seinem Nachbarn Clive (David Morrissey), der ihm Unterschlupf gewährt. Von dort aus ruft Leo seine Bekannte Stephanie (Elizabeth Berrington) an, die einen Zweitschlüssel besitzt.
Bevor die Handlung zwischen Leo und Clive richtig Fahrt aufnimmt, macht die Serie noch in der ersten Folge einen deutlichen Schwenk zu der trans Frau Zee (Iz Hesketh), die beim Schlafen in der Bar erwischt wird. Nach einem kurzen Herumdrucksen wird klar, dass sie nach ihrem Coming-out mit ihren Mitbewohnern große Probleme hat. Leo und die anderen Angestellten fahren mit Zee zur Wohnung und helfen ihr beim Packen, allerdings werden sie dort von rabiaten Mitbewohnern gestellt. Es sind Szenen, bei denen man sich wünschen würde, dass Davies maßlos übertreibt. Doch «Tip Toe» will gerade zeigen, dass die vermeintlich längst erkämpfte gesellschaftliche Akzeptanz der LGBTQ-Community keineswegs selbstverständlich ist. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Davies mit «Queer As Folk» schon Ende der 1990er Jahre das queere Leben in Manchester ins Zentrum einer Fernsehserie rückte. Zee und Leo können die Männer schließlich abschütteln und greifen dabei kurz zu einer Waffe, was allerdings keine größeren Konsequenzen hat.Unterdessen spitzen sich zum Ende der Episode die Ereignisse zu: Clive und seine Frau Marie Goss (Pooky Quesnel) führen eigentlich keine funktionierende Beziehung mehr, sondern leben vor allem noch gemeinsam mit ihren Söhnen unter einem Dach. Saul (Joseph Evans), der 25-jährige Sohn, dreht in dieser Nacht wieder einen Livestream für OnlyFans. Währenddessen sitzt Leo in seinem Haus und sucht sich bei Grindr eine neue Affäre für die Nacht. Dort erscheint plötzlich der 16-jährige George (Jackson Connor), der ebenfalls nebenan wohnt. Er bittet Leo um Hilfe und vertraut sich ihm schließlich an.
Leo speichert sich die Telefonnummer von George und die beiden sprechen über Homosexualität. George fühlt sich zu Männern hingezogen und kann in seiner Familie weder mit seiner naiven Mutter noch mit seinem gescheiterten Elektriker-Vater darüber sprechen. Doch Leo begeht einen schwerwiegenden Fehler und schickt George eine Sprachnachricht über Sex, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen werden kann. Hier reißt die Serie endlich ein Thema an, das bei der Betrachtung von Homosexualität noch immer eine Rolle spielt – und das später auch Clive beschäftigt. Zwar sind Leo wie auch George schwul, allerdings möchte der Barbesitzer dem Jugendlichen lediglich bei seinem Coming-out helfen. Trotzdem reichen Alter, sexuelle Orientierung und eine missverständliche Nachricht aus, um daraus eine vollkommen andere Geschichte zu konstruieren. Das alte homophobe Vorurteil, schwule Männer mit Pädophilie in Verbindung zu bringen, bekommt plötzlich eine gefährliche Eigendynamik. Genau das wird Leo schließlich zum Verhängnis und trägt dazu bei, dass sich am Ende der Serie ein wütender Mob bildet.Obwohl die Serie ihre Themen teilweise mit dem Vorschlaghammer präsentiert, schreibt Russell T Davies seine Figuren erstaunlich differenziert. Das gilt besonders für Clive. Er ist selbstständiger Elektriker, bekommt aber kaum noch Jobs in Manchester, weil er in einer gerichtlichen Auseinandersetzung steckt. Gleichzeitig kränkt es ihn, dass YouTube-Tutorials den Eindruck vermitteln, seine Arbeit könne praktisch jeder erledigen. Schließlich darf er in Leos Bar einige Arbeiten übernehmen, wird von der für ihn fremden Welt dort allerdings zunächst abgeschreckt. Davies macht aus Clive keinen eindimensionalen Bösewicht, sondern einen Mann, der sich zunehmend abgehängt und gedemütigt fühlt und für seinen Frust schließlich ein Ziel sucht.
Gerade deshalb gehört David Morrissey neben Cumming zu den großen Stärken der Serie. Clive ist voller Widersprüche. Er reagiert abweisend auf die queere Welt seines Nachbarn, ist aber keineswegs in jeder Situation der erwartbare Homophobe. Als in Leos Bar eine trans Person angegriffen wird, greift ausgerechnet Clive ein. Gleichzeitig kommt sein Sohn George durch Zee immer stärker mit dieser Welt in Berührung. Davies interessiert sich weniger für eine klare Aufteilung in gute und schlechte Menschen als für die Frage, wie aus Unsicherheit, persönlichem Frust und gesellschaftlichen Vorurteilen irgendwann echter Hass entstehen kann.
Im weiteren Verlauf der Serie stellt Leo fest, dass in seiner Wohnung einiges nicht stimmen könnte. Dinge liegen plötzlich an anderen Orten, Tablettendosen sind verdreht. Hat Leo vielleicht einfach wieder etwas zu tief ins Glas geschaut? Schließlich ist der Alkoholkonsum mehrerer Beteiligter durchaus fragwürdig. Oder betritt tatsächlich jemand seine Wohnung? Ausgerechnet die anfangs beinahe komische Geschichte um den Zweitschlüssel entwickelt sich damit zu einem weiteren Unsicherheitsfaktor. Davies macht aus dem eigenen Zuhause einen Ort, an dem Leo seinem eigenen Gedächtnis irgendwann nicht mehr vollständig trauen kann.
Gleichzeitig kommt die Familie Goss immer stärker mit der LGBTQ-Welt in Berührung. Gerade darin liegt eine der Stärken von «Tip Toe»: Die vermeintlich getrennten Lebenswelten existieren nicht wirklich getrennt voneinander. Sie wohnen buchstäblich Tür an Tür. Clive kann die queere Welt ablehnen, sein Sohn kann trotzdem schwul sein. Er kann sich von den Menschen in Leos Bar abgestoßen fühlen und wenige Augenblicke später eine angegriffene trans Person verteidigen. Und Leo kann es gut meinen und trotzdem einen Fehler begehen, der ihm später zum Verhängnis wird.
Schließlich kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Leo und seinem Nachbarn. Das größte Problem ist allerdings, dass Leo die Nachrichten an George auf seinem Smartphone löscht und die Sprachnachricht dennoch gesichert wird. Er hat Angst davor, die Polizei einzuschalten, obwohl er sich eigentlich nichts vorzuwerfen hat. Genau darin liegt die Stärke von «Tip Toe»: Davies zeigt, wie aus einzelnen Missverständnissen, Vorurteilen, Halbwahrheiten und persönlichen Konflikten allmählich eine vermeintliche Wahrheit konstruiert wird. Der Zuschauer kennt das schreckliche Ende bereits aus den ersten Minuten und muss anschließend mitansehen, wie sich die einzelnen Puzzleteile immer weiter zusammensetzen.
«Tip Toe» zeigt damit eindrucksvoll, in welch schwieriger Welt Teile der LGBTQ-Community noch immer leben. Die neue Serie von Russell T Davies ist absolutes Pflichtprogramm, weil sie ihre gesellschaftlichen Themen mit einer spannenden Erzählung verbindet und vorführt, wie schnell aus Vorurteilen vermeintliche Gewissheiten und aus diesen schließlich Hass werden können. Dass Davies dabei gelegentlich mit dem Vorschlaghammer arbeitet, kann man ihm vorwerfen. Angesichts der Geschichte, die er erzählen möchte, erscheint die Lautstärke allerdings durchaus gewollt.Und vielleicht ist ausgerechnet der lauteste Hass manchmal komplizierter, als seine Urheber wahrhaben wollen: Mehrere psychologische Untersuchungen fanden zumindest Hinweise darauf, dass besonders starke homophobe Einstellungen bei manchen Menschen mit verdrängter oder nicht eingestandener gleichgeschlechtlicher Anziehung zusammenhängen können. Vereinfacht gesagt: Ausgerechnet einige der Menschen, die besonders vehement gegen Homosexualität wettern, könnten Angst davor haben, dass sie ihnen selbst gefallen könnte.
«Tip Toe» ist bei HBO Max abrufbar.







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