Filme des Grauens: «The Happening»

Menschen bringen sich ohne erkennbaren Grund um, Pflanzen könnten dahinterstecken und Mark Wahlberg redet mit einer Plastikpflanze: Willkommen bei «The Happening».

Eigentlich beginnt «The Happening» genau so, wie ein guter Halloween-Film beginnen sollte: harmlos, unerklärlich und ausgesprochen unheimlich. Menschen sitzen im New Yorker Central Park, plötzlich verstummen die Gespräche. Eine Frau bemerkt, dass andere Personen merkwürdige Dinge tun. Dann zieht ihre Freundin eine Haarnadel aus dem Haar und rammt sie sich in den Hals. Auf einer Baustelle stürzen sich Arbeiter einer nach dem anderen vom Dach. M. Night Shyamalan braucht keine Monster und keinen maskierten Serienkiller. Die Menschen bringen sich einfach selbst um. Warum, weiß zunächst niemand.

Nach «The Sixth Sense», «Signs» und «The Village» war Shyamalan längst einer der bekanntesten Mystery-Regisseure Hollywoods. Allerdings hatte sein Ruf durch «Lady in the Water» 2006 bereits erheblich gelitten. Sein nächstes Drehbuch trug zunächst den Titel «The Green Effect» und fand anfangs keinen Käufer. Shyamalan überarbeitete es, 20th Century Fox griff schließlich zu und aus dem Projekt wurde «The Happening». Es war zugleich sein erster Film mit einem R-Rating.

Im Mittelpunkt steht der Naturwissenschaftslehrer Elliot Moore, gespielt von Mark Wahlberg. Gemeinsam mit seiner Frau Alma, Zooey Deschanel, versucht er Philadelphia zu verlassen. Zunächst vermuten die Behörden einen terroristischen Anschlag mit einem Nervengift. Doch das mysteriöse Phänomen breitet sich immer weiter über den Nordosten der USA aus. Elliot und Alma reisen mit Elliots Kollegen Julian und dessen Tochter Jess. Als Julian erfährt, dass sich seine Frau in Princeton befindet, trennt er sich von der Gruppe. Das endet übel: Auch Princeton wurde erfasst. Julian überlebt zunächst einen Autounfall und schneidet sich anschließend mit einer Glasscherbe die Pulsadern auf.

Und hier liegt eine der großen Stärken des Films. Die Selbstmorde sind teilweise tatsächlich unangenehm anzusehen. Menschen hängen sich auf, springen von Gebäuden oder legen sich vor Rasenmäher. Shyamalan inszeniert viele dieser Momente nicht als klassische Actionsequenzen, sondern beinahe beiläufig. Gerade deshalb besitzt «The Happening» Bilder, die man trotz aller späteren Lächerlichkeit nicht so schnell vergisst. Dann erfahren wir allerdings, was vermutlich hinter dem Massensterben steckt.

Die Pflanzen. Ein Gärtner entwickelt die Theorie, Pflanzen könnten als Abwehrreaktion auf den Menschen ein Gift freisetzen. Dieses beeinflusse das Gehirn und löse einen Selbsttötungsmechanismus aus. Zunächst scheinen größere Menschengruppen das Gift anzuziehen. Also teilen sich die Überlebenden in immer kleinere Gruppen auf. Später werden offenbar sogar einzelne Personen angegriffen. Damit verwandelt sich etwas völlig Alltägliches in den Gegner: der Wind. Wenn sich Blätter bewegen oder Gras im Wind schwankt, bedeutet das möglicherweise, dass die tödlichen Stoffe unterwegs sind.

Die Idee ist eigentlich hervorragend. «The Happening» könnte ein ökologischer Horrorfilm sein, in dem sich die Natur gegen ihre Zerstörer wehrt. Shyamalan selbst beschrieb das Projekt als Paranoiafilm in der Tradition von «The Birds» und «Invasion of the Body Snatchers». Alfred Hitchcock hatte schließlich auch gezeigt, dass etwas Alltägliches plötzlich bedrohlich werden kann. Doch Hitchcock hatte Vögel. Shyamalan hat Bäume. Und deshalb steht Mark Wahlberg irgendwann auf einem Feld und versucht herauszufinden, ob ihn das Gras umbringen möchte.

Das größere Problem ist allerdings nicht einmal die Grundidee, sondern die Umsetzung. Die Figuren sprechen häufig so merkwürdig miteinander, dass Szenen, die eigentlich Angst erzeugen sollen, unfreiwillig komisch werden. Wahlbergs Elliot reagiert auf Situationen mit verwirrten Blicken und einer seltsamen Mischung aus Panik und Ratlosigkeit. Zooey Deschanel schaut derweil einen beträchtlichen Teil des Films mit weit aufgerissenen Augen in die Welt. Legendär wurde eine Szene, in der Elliot eine Zimmerpflanze anspricht. Er versucht sie davon zu überzeugen, dass er keine Bedrohung darstellt – nur um anschließend festzustellen, dass sie aus Plastik besteht.

Spätestens dort ist die Grenze zwischen Horror und Komödie kaum noch auszumachen. Die damaligen Kritiker bemerkten das ebenfalls. Nur 17 Prozent der bei Rotten Tomatoes erfassten Rezensionen fallen positiv aus, bei Metacritic erreichte der Film 34 von 100 Punkten. Besonders bemerkenswert ist die Publikumsreaktion: CinemaScore ermittelte ein D. James Berardinelli bemängelte fehlende Atmosphäre und schwache Figuren und empfahl letztlich, den Film am besten gar nicht erst anzusehen. Richard Corliss vom „Time Magazine“ wertete das Ergebnis als Hinweis darauf, dass Shyamalan sein Gespür verloren habe. Joe Morgenstern vom „Wall Street Journal“ sprach von einem jämmerlichen Reinfall und kritisierte unter anderem Banalitäten, Tempo und handwerkliche Schwächen.

Mark Wahlberg selbst war später kaum freundlicher. Als 2010 zur Sprache kam, dass Amy Adams zeitweise für die Rolle von Alma im Gespräch gewesen war, meinte Wahlberg, sie sei einer Kugel ausgewichen. Dann sagte er über «The Happening» ganz unverblümt: „It was a really bad movie.“ Immerhin verteidigte er seinen Versuch, einmal einen Naturwissenschaftslehrer zu spielen: Wenigstens habe er nicht schon wieder einen Polizisten oder Verbrecher dargestellt.

Vier Nominierungen für die Goldene Himbeere folgten: schlechtester Film, schlechtester Hauptdarsteller für Wahlberg, schlechteste Regie und schlechtestes Drehbuch für Shyamalan. Das britische Magazin „Empire“ setzte «The Happening» 2010 auf Platz acht seiner damaligen Auswahl der 50 schlechtesten Filme überhaupt. Zwei Jahre später landete der Film bei einer SFX-Abstimmung über besonders misslungene Science-Fiction- und Fantasyfilme sogar auf dem ersten Platz.

Finanziell war «The Happening» allerdings kein Flop. Bei Produktionskosten, die je nach Quelle zwischen 48 und 60 Millionen Dollar angegeben werden, spielte der Film weltweit rund 163,4 Millionen Dollar ein. Schon am ersten Wochenende kamen in Nordamerika 30,5 Millionen Dollar zusammen, womit die Erwartungen sogar übertroffen wurden. «The Happening» war also kein Fall, bei dem das Publikum von Anfang an fernblieb. Shyamalans Name und eine aggressive Werbekampagne funktionierten. Das Problem saß im Kinosaal.

Interessanterweise hat sich die Wahrnehmung des Films inzwischen etwas verändert. Schon damals gab es prominente Verteidiger. Stephen King mochte den Film und lobte Shyamalans Verständnis für Angst. Roger Ebert vergab drei Sterne und fand den Film auf eigenartige Weise berührend. Manohla Dargis von der „New York Times“ bezeichnete ihn als unterhaltsam albernen Thriller. Später setzte sogar eine kleine Neubewertung ein. Immer häufiger wurde «The Happening» als bewusst überzeichneter B-Movie betrachtet. Shyamalan hatte tatsächlich bereits kurz vor Veröffentlichung erklärt, er wolle einen ausgezeichneten B-Film machen. 2019 räumte er allerdings selbst ein, dass die Tonalität nicht konsequent genug gewesen sei. Er habe eine Art Farce im Stil alter B-Movies wie «The Blob» im Sinn gehabt. Weil diese Haltung aber nicht durchgehend erkennbar gewesen sei, habe das Publikum sie nicht verstanden.

Zooey Deschanel verteidigte den Film 2022 ebenfalls. Ihrer Einschätzung nach habe Shyamalan einen stilisierten Horrorfilm ähnlich «The Birds» drehen wollen – möglicherweise hätten die Zuschauer schlicht nicht erkannt, was er beabsichtigte. Das macht «The Happening» heute fast interessanter als 2008. Vielleicht sind einige der seltsamen Dialoge tatsächlich absichtlich künstlich. Vielleicht soll Wahlbergs irritiertes Spiel zu einer Welt passen, die plötzlich jede bekannte Logik verliert. Und vielleicht ist die Vorstellung, dass die Menschheit von Pflanzen ausgelöscht wird, genau so absurd gemeint, wie sie klingt.

Nur hilft eine solche Erklärung einem Film wenig, wenn ein Großteil des Publikums die vermeintliche Farce für misslungenes Drama hält. Einen Karriereabsturz verursachte «The Happening» trotzdem nicht. Wahlberg wurde anschließend mit Filmen wie «The Fighter», «Ted» und «Transformers: Age of Extinction» noch wesentlich erfolgreicher. Deschanel startete 2011 mit «New Girl» ihre bekannteste Fernsehrolle. John Leguizamo arbeitet ohnehin seit Jahrzehnten kontinuierlich.

Noch interessanter ist Shyamalan selbst. Denn «The Happening» erschien mitten in seiner schwierigsten Karrierephase. Nach «Lady in the Water» folgten noch «The Last Airbender» und «After Earth», bevor er sich mit kleineren Produktionen neu erfand. «The Visit», «Split», «Glass», «Old» und «Knock at the Cabin» machten aus dem vermeintlich abgestürzten Wunderkind wieder einen äußerst produktiven Genre-Regisseur.
31.10.2026 12:29 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176049
Sebastian Schmitt

super
schade


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• Halloween2026 • The Happening • The Sixth Sense • Signs • The Village • Lady in the Water • The Green Effect • The Birds • Invasion of the Body Snatchers • The Blob • The Fighter • Ted • Transformers: Age of Extinction • New Girl • The Last Airbender • After Earth • The Visit • Split


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