Filme des Grauens

«The Oogieloves in the Big Balloon Adventure»

von

20 Millionen Dollar Produktionskosten, weitere rund 40 Millionen fürs Marketing und am ersten Tag gerade einmal 102.564 Dollar Umsatz.

Manchmal kündigt sich ein Flop langsam an. Schlechte Testvorführungen, schwache Trailer, verheerende Kritiken und irgendwann bleibt das Publikum weg. Bei «The Oogieloves in the Big Balloon Adventure» ging alles wesentlich schneller. Als der Kinderfilm am 29. August 2012 in 2.160 amerikanischen Kinos startete, spielte er am ersten Tag gerade einmal 102.564 Dollar ein. Das entsprach im Durchschnitt 47 Dollar pro Kino. Box Office Mojo rechnete später vor, dass bei fünf Vorstellungen pro Tag und sieben Dollar Eintritt nicht einmal zwei Zuschauer pro Vorstellung im Saal gesessen hätten.

Dabei sollte «The Oogieloves» keineswegs irgendein kleiner Nischenfilm werden. Produzent Kenn Viselman hatte zuvor an der Vermarktung der «Teletubbies» und von «Thomas & Friends» in den USA mitgewirkt und wollte nun selbst eine neue Marke für Vorschulkinder etablieren. Die Produktion kostete rund 20 Millionen Dollar. Noch bemerkenswerter: Für Werbung und Vermarktung sollen weitere 40 Millionen Dollar ausgegeben worden sein. Zusammengenommen stand damit ein Einsatz von ungefähr 60 Millionen Dollar hinter einem Film über drei riesige, farbenfrohe Wesen, die verlorene Luftballons suchen.

Die Geschichte ist tatsächlich kaum komplizierter. Goobie, Zoozie und Toofie heißen die drei Oogieloves. Gemeinsam leben sie in einer bonbonfarbenen Welt mit einem sprechenden Fenster, einem Staubsauger namens J. Edgar, einem miesepetrigen Fisch und einem lebenden Kissen namens Schluufy. Für dessen Geburtstag haben die drei fünf magische Luftballons besorgt. Doch J. Edgar lässt sie versehentlich davonfliegen.

Der erste Ballon führt sie zu Dotty Rounder und deren Enkelin Jubilee. Dotty liebt Kreise und Punkte, Jubilee dagegen Quadrate. Den nächsten Ballon finden sie bei Milky Marvin, der einen Milchshake-Wettbewerb veranstaltet. Ein weiterer landet bei der Sängerin Rosalie Rosebud, die ausgerechnet gegen Rosen allergisch ist. Danach treffen sie auf den Cowboy Bobby Wobbly und schließlich auf Lola und Lero Sombrero, die mit einem riesigen fliegenden Sombrero unterwegs sind.

Für erwachsene Zuschauer klingt das banal, doch Viselman hatte eine andere Idee. «The Oogieloves» sollte ausdrücklich ein interaktiver Kinofilm werden. Immer wieder fordert die Leinwand die Kinder auf, aufzustehen, mitzutanzen, zu singen, zu rufen oder bestimmte Sätze zu wiederholen. Schmetterlinge signalisieren beispielsweise, dass die Kinder aufstehen sollen, Schildkröten bedeuten, dass sie sich wieder setzen dürfen. Die Inspiration dafür war ungewöhnlich. Viselman hatte «Madea Goes to Jail» im Kino gesehen und beobachtet, wie Zuschauer Figuren auf der Leinwand Zurufe machten. Daraus entstand die Vorstellung, dieses Prinzip auf kleine Kinder zu übertragen. Warum sollte Interaktion im Kino Erwachsenen bei «The Rocky Horror Picture Show» vorbehalten sein?

Auf dem Papier war das zumindest eine originelle Idee. In der Praxis funktionierte sie offenbar erheblich schlechter. Die „Los Angeles Times“ berichtete von einer Pressevorführung, bei der die Kinder nach und nach das Interesse am vorgesehenen Mitmachen verloren und stattdessen lieber durch die Gänge liefen. Kritiker Mark Olsen bezeichnete die Oogieloves als künstlich zusammengesetzte Figuren, die den Eindruck erwecken sollten, bereits geliebte Charaktere zu sein. Selbst die prominenten Gaststars wirkten seiner Beschreibung zufolge eher irritiert und peinlich berührt. Und tatsächlich ist die Liste der Darsteller erstaunlich. Toni Braxton spielt die Sängerin Rosalie Rosebud. Oscar- und Emmy-Gewinnerin Cloris Leachman ist Dotty Rounder. Christopher Lloyd, der Doc Brown aus «Zurück in die Zukunft», tritt als Lero Sombrero auf. Chazz Palminteri spielt Milky Marvin, Cary Elwes den Cowboy Bobby Wobbly und Jaime Pressly Lola Sombrero. Man kann sich durchaus fragen, warum für eine derart simple Kleinkindgeschichte so viele bekannte Schauspieler verpflichtet wurden. Offensichtlich sollte jeder Abschnitt der Ballonsuche wie eine eigene kleine Attraktion funktionieren. Statt eine durchgehende Geschichte aufzubauen, bewegt sich der Film von einem prominenten Gastauftritt zum nächsten.

Die „Boston Globe“-Kritikerin Loren King verglich den Film mit einer heruntergedummten Mischung aus den schwächsten Elementen von «Teletubbies», «Barney & Friends» und «Pee-wee's Playhouse». Besonders vernichtend war ihr Hinweis, dass 88 Minuten «Oogieloves» selbst in einer Welt ohne «Sesamstraße» kaum sinnvoll investierte Lebenszeit seien. Auch die „Los Angeles Times“ sammelte damals die zahlreichen Verrisse. „Slant Magazine“ verglich das Durchhalten des Films sogar sinngemäß mit dem Erleben des Weltuntergangs. A. O. Scott von der „New York Times“ wählte für seine Rezension einen besonders gemeinen Ansatz: Er schrieb aus der Perspektive eines siebenjährigen Mädchens. Dessen Urteil lautete im Kern, der Film sei etwas für Babys. Noch schlimmer für einen ausdrücklich interaktiven Kinderfilm war die Beobachtung, dass die Kinder im Kino kaum aufpassten und ein Kleinkind während der Vorstellung einschlief.

Auch „Rotten Tomatoes“ zeichnet kein gutes Bild. Dort kommt der Film lediglich auf 32 Prozent Zustimmung. Der Konsens bescheinigt ihm vor allem knallbunte Beispiele für die schlechtesten Klischees moderner Kinderunterhaltung. Einzelne Kritiker waren noch drastischer: Der „San Francisco Chronicle“ befand, der Film sei ungefähr eine Stunde zu lang und hätte eher eine Fernsehsendung sein sollen.

Doch selbst diese Rezensionen waren beinahe nebensächlich angesichts dessen, was an der Kinokasse passierte. Am ersten Wochenende kamen gerade einmal 443.901 Dollar zusammen. Bei 2160 Kinos entsprach das nur etwas mehr als 200 Dollar pro Spielstätte. Schon damit gehörte «The Oogieloves» zu den schlechtesten Starts, die ein Film mit mehr als 2000 Startkinos bis dahin hingelegt hatte. Am Ende seiner gesamten amerikanischen Kinoauswertung standen gerade einmal 1.065.907 Dollar. Anders ausgedrückt: Von den 20 Millionen Dollar Produktionskosten spielte der Film im Kino gerade einmal gut fünf Prozent wieder ein. Nimmt man die berichteten 40 Millionen Dollar Marketingkosten hinzu, wird das Verhältnis geradezu grotesk.

Kenn Viselman wollte die Niederlage zunächst trotzdem nicht als endgültiges Scheitern akzeptieren. Er erklärte, dass die Fernsehwerbung möglicherweise früher hätte beginnen müssen. Gleichzeitig hoffte er, die negative Berichterstattung über den historischen Flop könne ausgerechnet bei der späteren Heimkinovermarktung helfen. Sogar ein zweiter Film wurde unmittelbar nach dem Kinostart noch angekündigt. Dazu kam es nie.

Genau hier lag möglicherweise der größte Fehler des gesamten Projekts. Viselman behandelte die Oogieloves im Grunde bereits wie eine etablierte Kinderfranchise, obwohl das Publikum die Figuren überhaupt nicht kannte. Pixar konnte neue Figuren mit starken Geschichten etablieren. Disney verfügte über jahrzehntelang aufgebaute Marken. «The Oogieloves» sollten dagegen offenbar durch massive Werbung und bekannte Gastdarsteller praktisch über Nacht zu beliebten Figuren werden.

Hinzu kam die fast völlige Abwesenheit von Konflikten. Viselman wollte ausdrücklich eine Kinderwelt schaffen, in der es keinen klassischen Bösewicht gibt. Er fragte damals sinngemäß, warum bei Pixar überhaupt erst das Böse existieren müsse, damit anschließend das Gute darüber triumphieren könne. Seine Alternative sollte eine Welt voller Liebe und positiver Energie sein. Für ganz kleine Kinder mag das sympathisch klingen. Für einen 88-minütigen Kinofilm ist es dramaturgisch jedoch ein Problem. Es gibt kaum Gefahr, keinen echten Gegner und praktisch keine Spannung. Die Ballons sind weg, werden gesucht und schließlich gefunden. Selbst als sie kurz vor der Heimkehr noch einmal davonfliegen, reichen Küsse aus, um sie zurückzuholen.

Der Film verlangt also ständig Aktivität vom Publikum, während auf der Leinwand erstaunlich wenig passiert. Für die Karrieren der prominenten Gaststars hatte das Debakel praktisch keine Folgen. Christopher Lloyd arbeitete selbstverständlich weiter, ebenso Chazz Palminteri. Cloris Leachman blieb bis ins hohe Alter aktiv und starb 2021. Toni Braxton blieb vor allem als Sängerin erfolgreich und stand auch 2026 noch auf der Bühne. Cary Elwes ist sogar weiterhin stark beschäftigt. 2025 war er in «Mission: Impossible – The Final Reckoning» zu sehen, 2026 gehört er zur Besetzung der Peacock-Serie «M.I.A.». Jaime Pressly blieb nach «The Oogieloves» jahrelang im Fernsehen präsent, unter anderem in «Mom», und war 2026 erneut in Serienproduktionen zu sehen.

Damit bleibt vor allem Kenn Viselman mit einem der ungewöhnlichsten Fehlschläge der jüngeren Kinogeschichte verbunden. Denn anders als bei vielen Box-Office-Bomben lässt sich hier kaum behaupten, der Film sei nur Opfer schlechter Umstände gewesen. Das Konzept selbst erwies sich als schwer verkäuflich.

Kurz-URL: qmde.de/175454
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger ArtikelTanja Schleiff: ‚Hoffnung kann auch schaden‘nächster ArtikelMai Thi Nguyen-Kim untersucht die Chemie von Erde und Essen
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel
Weitere Neuigkeiten

Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika

◄
►

Surftipp


Surftipps

Fortune Relations

Fortune Relations is committed to building strong digital partnerships and connecting businesses with quality audiences worldwide.

Contact Us:
info@fortunerelations.com


Werbung