Ich war schon als Leistungssportlerin in der DDR Eingriffen ausgesetzt, deren Schäden medizinisch erst viel später erkannt wurden. Insofern hat Maikes Entwicklung auch etwas mit meiner Biographie zu tun. Abgesehen davon, dass es für eine Schauspielerin immer reizvoller ist einen Abgrund zu spielen, als die reine Freude.
Maikes Zustand verschlechtert sich zunehmend, während die Ärzte zunächst keine Erklärung finden. Wie spielt man körperliche Symptome glaubwürdig, wenn deren eigentliche Ursache für das Publikum möglichst lange ein Rätsel bleiben soll?
In dem man eher das spielt, was jeder mit dauerhaften Defekten und Schmerzen macht: Man hat sich daran gewöhnt, unterdrückt sie, und nur manchmal sind sie dann doch stärker als die Fassade, die man sich aufgebaut hat. Das sind dann die spannenden Momente.
Entscheidend für die Diagnose werden offenbar Ereignisse aus Maikes Vergangenheit, die sie lange verdrängt hat. Wie stark mussten Sie deshalb bereits beim Spielen der ersten Szenen diese Vorgeschichte im Kopf haben?
Ich musste sie nur als Schauspielerin berücksichtigen. Maike selbst hat sie, wie in der Frage richtig bemerkt, verdrängt. Zum einen, weil sie sich damit nicht auseinandersetzen will, zum anderen, weil es nicht ganz Konform zu ihrem Beruf ist. Hier ist es ähnlich wie bei den Schmerzen: Es blitzt nur selten auf, dann aber umso heftiger.
Maike ist ausgerechnet Pastorin und damit jemand, von dem andere Menschen erwarten, dass sie zuhört, Trost spendet und Antworten findet. Was passiert mit einem solchen Menschen, wenn er plötzlich selbst hilflos wird und keine Antwort auf das eigene Leiden hat?
Wir denken ja oft, Fachleute, wie Psychologen und Pfarrer aber auch Immobilienmakler und Ärzte, die andere sehr gut beraten und Trost spenden, können das auch für ihr Leben umsetzen. Ich kenne aber viele Psychologen, die privat im Chaos leben, kirchliche Würdenträger, die mit dem Tod in ihrer privaten Nähe nicht umgehen können, Ärzte, die rauchen und Immobilienmakler, die grauenhaft wohnen. Das zu begreifen ist natürlich besonders hart.
Die Folge verbindet ein medizinisches Rätsel mit psychologischen und emotionalen Fragen. War Ihnen wichtig, dass Maikes Beschwerden dabei nicht vorschnell nach dem Prinzip „Das ist alles nur psychisch“ abgetan werden?
Das war mir sehr wichtig. An den Zusammenhang von körperlichen Leiden und seelischen Belastungen glaube ich total. Aber hier ist schon eine objektive medizinische Indikation gegeben, die ihre Situation ja auch dramatischer macht und die vor allem Dr. Nice die Möglichkeit gibt, zu helfen.
Patrick Kalupas Dr. Nice gilt nicht unbedingt als besonders feinfühliger Arzt, ist aber hartnäckig, wenn ihn ein Fall herausfordert. Was entwickelt sich zwischen Maike und diesem ungewöhnlichen Mediziner?
Die gegenseitige Skepsis hebt sich durch zwei Faktoren im Film auf: Zum einen tun sie sich gegenseitig gut, für sie, weil er erkennt und für ihn, weil er einen kniffeligen Fall lösen kann. Und zum andern glaube ich, dass die beiden erkennen, dass sie sich ähnlicher sind, als sie dachten.
„Unter die Haut“ beschäftigt sich mit verdrängten Erinnerungen, verpassten Chancen und der Frage, wie viel Hoffnung vernünftig ist. Welcher dieser Aspekte war für Sie persönlich der wichtigste Zugang zu Maike?
Das sind ja nun drei Themen, die ein eigenes Seminar bräuchten. Erinnerungen zu verdrängen kenne ich gut, verpassten Chancen nicht hinterher zu weinen, ist ein Lebensprinzip von mir und Hoffnung, die ja bekanntlich zuletzt stirbt, kann auch schaden, wenn sie einen ewig auf Warteposition hält.
«Dr. Nice» verbindet medizinische Fälle mit Humor, Romantik und den privaten Geschichten der Hauptfiguren. Wie findet man als Gastdarstellerin den richtigen Ton für eine durchaus ernste Geschichte innerhalb dieses vergleichsweise leichten «Herzkino»-Kosmos?
Ich habe Dr. Nice ja schon inhalieren können, die Texte geben hier die Temperatur vor, auch der Schnitt und die Regie und ich halte es für eine meiner Spezialitäten im Ernsten das Heitere zu finden und im Lustigen auch das Traurige.
Sie waren zuletzt in sehr unterschiedlichen Produktionen wie «Sisi», «Like a Loser», «SOKO Köln» oder «Frier und 50» zu sehen. Wonach entscheiden Sie inzwischen, ob eine Gastrolle interessant genug ist – muss eine Figur auch in relativ kurzer Zeit eine eigene Geschichte erzählen können?
Ich liebe meinen Beruf und bin nicht super wählerisch. Wenn ich eine kleine Chance sehe, eine Rolle zu gestalten, dann mache ich das. Da man dann meistens auch noch das jeweilige Team kennt, oft die Regie und die Produktion, ist es dann auch sehr schwer abzusagen.
Maikes Geschichte handelt auch davon, dass Vergangenes einen Menschen noch Jahre später einholen kann. Was soll das Publikum Ihrer Meinung nach von dieser Figur mitnehmen, wenn der medizinische Fall am Ende gelöst ist?
Ich denke diese Folge könnte den Zuschauer daran erinnern, dass es tatsächlich besser ist, sich der Vergangenheit zu stellen, wenn sie in die Gegenwart hineinreicht. Nicht alles zu verdrängen und den seelischen Schmerz zuzulassen und dadurch eine bessere Genesung zu erreichen.
Danke für das Gespräch!
«Dr. Nice» ist ab Sonntag, 11. Oktober, im ZDF zu sehen. Die Episoden sind seit 25. September beim ZDF streambar.







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