Interview

Hans Löw: ‚Erfolg ist ein scheues Reh‘

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In der Netflix-Miniserie «Die Falle» spielt Hans Löw einen undurchsichtigen Investigativjournalisten, der in ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel gerät. Im Interview spricht der Schauspieler über die Suche nach Wahrheit und die Herausforderungen eines psychologischen Duells.

Robert Lenzen ist Investigationsjournalist, strategisch kontrolliert und zugleich schwer zu durchschauen. Sie selbst haben seine verquere Moralvorstellung hervorgehoben. Was hat Sie an dieser Uneindeutigkeit in «Die Falle» besonders gereizt?
Grundsätzlich glaube ich, dass Uneindeutigkeiten bei einer Rolle oder einer Person immer reizvoller sind als Eindeutigkeit. Insofern war das natürlich eine riesige Spielwiese: diese Uneindeutigkeiten zu verstehen, aufzuspüren, einzuordnen und zu bewerten. Man muss herausfinden, was das Gegenüber davon wahrnimmt, was die Figur für sich behält und wie sich das wiederum auf die Handlung auswirkt. Das war komplex, aber eine tolle und schöne Aufgabe.

Lisa Konrad glaubt, in Robert den Mann erkannt zu haben, der ihre Schwester ermordet hat, und lockt ihn bewusst in ihr Haus. Wie spielt man eine Figur, bei der möglichst lange offenbleiben muss, ob sie tatsächlich eine Gefahr darstellt oder ob Lisa sich möglicherweise täuscht?
Vielleicht gerade mit dieser von Ihnen beschriebenen Uneindeutigkeit. Gleichzeitig geht es darum, dem Gegenüber eine große Aufmerksamkeit entgegenzubringen und sich sehr gelassen in die reaktiven Momente zu begeben.

Sie haben Robert mit einem Schachspieler verglichen, der vorbereitet ist und glaubt, jederzeit die Kontrolle zu besitzen. Was passiert mit einem solchen Menschen, wenn er auf Lisa trifft, die ihrerseits einen sehr genauen Plan verfolgt?
Das Ganze ist schon ein sehr ausgeklügeltes Katz-und-Maus-Spiel. Die Führung wechselt ständig und die Systeme, mit denen beide Figuren in diese Situation gehen, werden immer wieder infrage gestellt. Auch der Schachspieler wird ständig mit einem neuen Zug seines Gegenübers konfrontiert und muss sich darauf einstellen.

Bei Lenzen ist es so – zumindest habe ich ihn so gelesen –, dass er es gewohnt ist zu führen, also gewissermaßen den ersten Zug zu machen und die Richtung vorzugeben. Deshalb war es spannend zu erfahren und zu erleben, was mit dieser Figur passiert, wenn ihr diese Sicherheit und diese strategische Kontrolle genommen werden.

Sie sprechen von einer Komplizenschaft in der Gegnerschaft zwischen Robert und Lisa. Ist das der besondere Reiz dieses Duells – dass die beiden einander möglicherweise ähnlicher sind, als sie zunächst wahrhaben wollen?
Das finde ich eine schöne Entdeckung. Beim ersten Lesen hat sich mir das nicht sofort aufgedrängt, aber im Verlauf wurde immer deutlicher, dass die beiden gewissermaßen im selben Boot sitzen. Beide sind auf der Suche nach einer Wahrheit, die es vielleicht gar nicht in dieser eindeutigen Form gibt. Sie hinterfragen Wahrheit und konstruieren ihre jeweils eigene Wahrheit. In diesen Vorgängen, im möglichen Scheitern daran und in der Offenheit, mit der beide das tun, entsteht eine interessante Nähe zwischen den Figuren.

Sie haben erzählt, dass das präzise Spiel für Sie beinahe wie ein Korsett gewesen sei, weil Sie ständig kontrollieren mussten, was Robert preisgeben darf. War «Die Falle» dadurch anstrengender als Rollen, bei denen Sie stärker spontan aus einer Situation herausspielen können?
Ich habe das lange als anstrengend empfunden. Das hing aber auch damit zusammen, dass der Hauptteil des Films – dieses Tête-à-Tête zwischen den beiden Figuren – sehr konzentriert über etwa zwei Wochen im Studio gedreht wurde. Wir hatten lange Takes, eine relativ hohe Auflösung und standen uns permanent Face to Face gegenüber. Die Kamera kam zum Teil sehr nahe.

Dabei drohte man – zumindest ging es mir so –, den eigenen Körper ein bisschen zu verlieren. Der Körper ist für meine Arbeit normalerweise sehr wichtig. Deshalb war es für mich eine schöne und spannende Aufgabe herauszufinden, wie ich ihn wieder stärker in das Spiel einbeziehen kann, unabhängig davon, ob er gerade im Bild zu sehen ist oder nicht. Dabei habe ich viel gelernt. Es war phasenweise recht anstrengend, aber letztlich ein schöner Lerneffekt für mich.

Friederike Becht und Sie hatten zunächst viele Szenen getrennt voneinander gedreht, bevor Robert erstmals vor Lisas Tür steht. Wie sehr hat die Drehplanung dabei geholfen, die Spannung dieses ersten Aufeinandertreffens zu erzeugen?
So ungewöhnlich war diese Drehplanung eigentlich gar nicht, weil das Buch diese Konstellation gewissermaßen vorgibt. Wir waren natürlich trotzdem weit davon entfernt, chronologisch zu drehen – auch wenn man sich das bei fast jedem Film wünschen würde.

Aber viele der Handlungsstränge, die stattfinden, bevor sich die beiden Figuren begegnen, hatten Friederike und ich tatsächlich unabhängig voneinander gedreht. Dadurch sind wir uns am Set zunächst auch nicht begegnet. Ähnlich wie schon beim Lesen des Drehbuchs hat das die Spannung auf den Moment, in dem sich die beiden schließlich gegenüberstehen, eindeutig erhöht – hoffentlich auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer.

Sie haben bereits bei «Rausch» mit Friederike Becht gedreht. Dort war Ihre gemeinsame Konstellation eine völlig andere. Wie verändert sich das Zusammenspiel mit einer Kollegin, die man bereits kennt, wenn sich die Figuren diesmal permanent belauern und gegenseitig zu entschlüsseln versuchen?
Das ist wiederum etwas sehr Schönes an unserem Beruf und auch an einer gewissen Kontinuität der Begegnungen. Im Theater erlebt man das vielleicht noch häufiger als beim Film: Man begegnet einem Menschen oder einer Kollegin beziehungsweise einem Kollegen erneut und hat durch einen vollkommen neuen Kontext gleichzeitig eine ganz neue Begegnung. Das ist etwas sehr Schönes und Spannendes.

Sie gehörten bereits zum Ensemble von «Liebes Kind». Nun arbeiten Sie erneut mit Isabel Kleefeld und Teilen des Kreativteams zusammen. «Liebes Kind» entwickelte sich international zu einem außergewöhnlichen Erfolg. Hat dieser Erfolg Ihre Erwartungen an «Die Falle» verändert oder versucht man, solche Vergleiche möglichst auszublenden?
Ich persönlich habe die Projekte zunächst gar nicht miteinander verglichen. Durch meine Zusammenarbeit mit Isabel Kleefeld bei «Liebes Kind» konnte ich die Drehbücher von «Die Falle» allerdings anders lesen, weil ich den Stoff sofort zu den Qualitäten in Beziehung setzen konnte, die ich bei ihr bereits erlebt hatte.

Ich dachte direkt: Das ist ein wirklich guter Stoff für sie, weil sie unglaublich genau vorbereiten kann, Plots spannend aufarbeitet und die einzelnen Fäden so zusammenführt, dass die Spannung erhalten bleibt. Dadurch hatte ich einen gewissen Vertrauensvorschuss für die Arbeit. Einen direkten Vergleich mit «Liebes Kind» gab es für mich aber nicht. Und was den Erfolg betrifft: Laut Franz Beckenbauer ist das ohnehin ein scheues Reh. So etwas lässt sich weder vergleichen noch planen.

Sie haben gesagt, dass Sie durch Isabel Kleefeld einiges über Vorbereitung gelernt haben, weil Sie selbst normalerweise eher schauen, was spontan im Raum und im Körper passiert. Hat «Die Falle» dadurch Ihre eigene Arbeitsweise als Schauspieler nachhaltig verändert?
Ich habe ja schon beschrieben, dass einige Lerneffekte dabei waren. Deshalb ist die Konstellation mit Isabel für mich vielleicht gerade so interessant. Dieses sehr strukturierte Arbeiten, das sie mitbringt, ist zunächst einmal nicht unbedingt mein eigener Zugang. In der Kombination empfinde ich es aber als sehr aufregend und lehrreich.

Nach «Liebes Kind» kommt mit «Die Falle» erneut ein abgeschlossener deutscher Psychothriller zu Netflix. Glauben Sie, dass gerade solche sehr konzentrierten, konsequent zu Ende erzählten Miniserien eine besondere Chance haben, auch international ein Publikum für deutsche Produktionen zu erreichen?
Davon habe ich, ehrlich gesagt, nicht die geringste Ahnung. Ich glaube auch, dass dabei sehr viele Dinge eine Rolle spielen – wahrscheinlich auch algorithmische Faktoren. Aber letztlich muss es vor allem gut sein. Und ich finde, «Die Falle» ist uns ganz gut gelungen.

Danke für Ihre Zeit!

«Die Falle» ist ab Dienstag, 13. Oktober, bei Netflix abrufbar.

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