Florian Schroeder und der Rechtsruck, der nicht stattfinden wollte

Die Kritik an «Journal Deluxe» verrät stellenweise mehr über die Erwartungen ihrer Autoren als über den Kabarettisten und seine Arbeit.

Florian Schroeder hat offenbar einen schweren Fehler gemacht: Er hat eine Fernsehsendung abgeliefert, in der der zuvor diskutierte Rechtsruck ausblieb. Nun könnte man meinen, das wäre eine erfreuliche Nachricht für diejenigen, die genau davor gewarnt hatten. Doch so einfach funktioniert der deutsche Medienbetrieb nicht. Wer erst einmal zum möglichen Rechtsaußen des öffentlich-rechtlichen Humors erklärt wurde, sollte anschließend wenigstens das dazugehörige Programm liefern. Sonst war womöglich schon die Aufregung etwas voreilig.

Besonders hübsch lässt sich dieses Problem in der „Süddeutschen Zeitung“ besichtigen. Jens-Christian Rabe fragt: „Und war’s nun der von manchen natürlich umgehend befürchtete Comedy-Rechtsruck der Öffentlich-Rechtlichen?“ Seine Antwort: „Tja, äh: nein.“ Damit wäre eine wesentliche Frage beantwortet. Doch unmittelbar danach folgt dieser bemerkenswerte Satz: „Die Show ist allerdings von der ersten Minute an so grotesk missglückt, dass man sich fast wünscht, er wäre es gewesen.“ Natürlich ist das eine polemische Zuspitzung. Trotzdem muss man sie sich auf der Zunge zergehen lassen: Lieber der befürchtete Rechtsruck als eine misslungene Unterhaltungssendung? Für einen Text, der Schroeder ausführlich seine unzureichenden Pointen vorhält, ist das selbst ein ziemlich schiefer Witz.

Damit kein Missverständnis entsteht: Niemand muss «Journal Deluxe» lustig finden. Wenn ein Monolog zu lang ist, ein Interview keine überraschenden Antworten hervorbringt oder eine Pointe verpufft, darf eine Fernsehkritik das deutlich benennen. Auch Schroeders ausgedehnte Beschäftigung mit seiner eigenen Vorabkritik kann man ermüdend finden. Eine neue Sendung muss schließlich mehr leisten, als die Debatte über ihre Ankündigung nachzuerzählen. Nur sollte man zwischen einer Kritik an der handwerklichen Qualität und einer politischen Deutung unterscheiden können.

Beim „Spiegel“ verschwimmt beides besonders gründlich. „Das ZDF träumt von einem rechten Format. Und keiner will mitmachen“, lautet die Überschrift von Christian Buß. Das ist eine erstaunlich bequeme Konstruktion: Liefert Schroeder rechte Provokationen, bestätigt er die These. Liefert er sie nicht, scheitert er eben an der ihm zugedachten Aufgabe. Dass die Ausgangsannahme möglicherweise zu grob war, muss auf diese Weise gar nicht mehr geprüft werden. Die Sendung kann den Verdacht nicht widerlegen. Sie kann ihn nur erfüllen oder enttäuschen.

Für diesen Verdacht gab es durchaus einen Anlass. Ein Strategiepapier, das Grüne und Linke zu den angeblich selten Kritisierten erklärt und Namen wie Alice Weidel oder Peter Thiel als mögliche Gäste aufführt, verdient kritische Nachfragen. Die Vorstellung, ausgerechnet die Grünen seien im deutschen Medienbetrieb bislang weitgehend unbehelligt geblieben, ist schon für sich genommen kabarettreif. Das ZDF hat diese Debatte mit seiner dokumentierten Konzeptbeschreibung mit ausgelöst. Daraus folgt aber noch lange nicht, dass Florian Schroeders bisherige Arbeit plötzlich als Vorgeschichte einer rechten Mission gelesen werden müsste.

Schroeder ist schließlich kein unbeschriebenes Blatt, das eine Programmabteilung gerade erst entdeckt hat. «Spätschicht», «Die Florian Schroeder Satireshow», seine Radioarbeit und der gemeinsame Podcast mit Serdar Somuncu gehören zu dieser Geschichte. Wer seine neue Sendung politisch einordnet, sollte diese Arbeit wenigstens mitdenken. Schroeders Beschäftigung mit Meinungsfreiheit, widersprüchlichen Positionen und den Selbstgewissheiten politischer Milieus beginnt nicht mit einem ZDF-Papier.

Ein besonders anschauliches Beispiel lieferte er 2020 bei einer «Querdenken»-Demonstration in Stuttgart. Schroeder stellte sich vor ein Publikum, das Meinungsfreiheit forderte, und konfrontierte es mit seiner Unterstützung für Masken und Abstand. Dafür wurde er ausgebuht. Er hatte die Bühne dieses Milieus betreten und dessen Widersprüche offengelegt. Die bloße Bereitschaft, mit Menschen zu sprechen oder vor ihnen aufzutreten, erklärt also noch nicht, auf welcher Seite jemand steht. Entscheidend ist, was er dort sagt und tut.

Auch «Schroeder & Somuncu» war keine jahrelange Übung darin, möglichst geräuschlos eine Parteilinie zu vertreten. Schon die Themen und Gesprächsanlagen des Podcasts zeigen, dass Streit, Selbstkritik und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Aufregungen zu diesem Format gehörten. Das macht nicht jede damalige Äußerung gelungen oder jede Provokation klug. Frühere Arbeit ist kein Freibrief. Sie ist aber ein ziemlich naheliegender Ausgangspunkt, wenn man verstehen möchte, weshalb ein Kabarettist heute unterschiedliche Positionen zusammenbringen will.

Dafür muss man Schroeder auch nicht zum unfehlbaren Vertreter einer goldenen Mitte erklären. Wer von links und rechts kritisiert wird, hat deshalb noch lange nicht automatisch recht. Unabhängigkeit besteht nicht darin, zwischen zwei Positionen stets den Mittelwert zu bilden. Sie besteht darin, sich ein eigenes Urteil zu erlauben, auch wenn das dem Publikum oder dem eigenen Umfeld gerade nicht gefällt. Diesen Anspruch kann man an Schroeder prüfen. Man sollte ihm dafür aber nicht erst eine politische Dienststelle zuweisen.

Bei der „Welt“ wird die Enttäuschung über die ausbleibende Eskalation ebenfalls deutlich. „Auch in puncto Gästeauswahl könnte die Premiere nicht harmloser sein“, schreibt Leander F. Badura. Ricarda Lang gilt als „ungefährliche Wahl“. Gleichzeitig bescheinigt er dem zusätzlichen Gespräch mit Ronen Steinke und Dorothea Schupelius: „Es ist ein kluges, respektvolles Gespräch.“ Das klingt zunächst nach einem Ergebnis, mit dem eine neue Sendung durchaus arbeiten könnte. Der anschließende Einwand, hier werde aus Satire ein Polit-Talk, ist als Formatkritik legitim. Nur ist ein kluges Gespräch noch kein Misserfolg, bloß weil niemand die erhoffte Handgranate auf den Tisch legt.

Mir hat diese erste Ausgabe von «Journal Deluxe» gefallen. Sie ist ausbaufähig, selbstverständlich. Nicht jede Pointe muss sitzen, nicht jeder Übergang ist schon elegant, und das Verhältnis zwischen Monolog und Gespräch darf sich noch entwickeln. Aber ich habe eine Sendung gesehen, deren Ansatz mich interessiert und deren Gespräche ich weiterverfolgen möchte. Gerade der Austausch unterschiedlicher Positionen ist für mich ein Grund einzuschalten. Dafür brauche ich weder einen angekündigten Rechtsruck noch einen Gast, der möglichst spektakulär die Beherrschung verliert.

Es wäre außerdem hilfreich, sich daran zu erinnern, dass auch «Neo Magazin Royale», «ZDF Magazin Royale», die «heute-show» und die heutige «Anstalt» keine unangreifbaren Endprodukte sind. Solche Sendungen entwickeln sich, verändern ihre Gewichtung und haben stärkere wie schwächere Ausgaben. Was wir an etablierten Formaten schätzen, ist auch das Ergebnis von Erfahrung, Überarbeitung und gemeinsam eingespielten Abläufen. Einer neuen Sendung nach einer einzigen Ausgabe bereits den Totenschein auszustellen, wirkt da weniger wie besondere Urteilskraft als wie bemerkenswerte Ungeduld.

Entwicklungsspielraum bedeutet keinen Anspruch auf Schonung. Man darf Schroeder konkret sagen, wo eine Passage zu lang geraten ist oder eine Frage mehr versprochen hat als die Antwort. Genau solche Beobachtungen machen Fernsehkritik interessant. Wer dagegen schon mit Begriffen wie „Totgeburt“ und „Schmuddelgladiator“ anrückt, hat für die zweite Folge kaum noch etwas übrig. Die maximale Verachtung ist bereits verbraucht, bevor sich überhaupt eine Sendungspraxis entwickeln konnte.

Florian Schroeder schuldet niemandem den Rechtsruck, den andere vorab für ihn ausgerufen haben. Ich wünsche mir, dass er den Ansatz dieser Premiere weiterentwickelt: mit eigenständigen Positionen, Gesprächsbereitschaft und dem Mut, auch dem eigenen Publikum zu widersprechen. Für mich war das ein guter Auftakt. Die Sendung darf besser werden. Die Kritik an ihr allerdings auch.
31.10.2026 12:22 Uhr Kurz-URL: qmde.de/177114
Fabian Riedner

super
schade


Artikel teilen


Tags

• Journal Deluxe • Spätschicht • Die Florian Schroeder Satireshow • Querdenken • Schroeder & Somuncu • Neo Magazin Royale • ZDF Magazin Royale • heute-show • Anstalt


Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Weitere Neuigkeiten


Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika

◄
►

Surftipp


Surftipps

Fortune Relations

Fortune Relations is committed to building strong digital partnerships and connecting businesses with quality audiences worldwide.

Contact Us:
info@fortunerelations.com


Werbung