Die Kritiker

«Die Schlikkerfrauen»

von

Das neuste aus den Schlagzeilen gerissene Sat.1-Filmevent findet eine gute Balance zwischen Sozialkommentar und leichtgängigem Humor.

Cast und Crew

Vor der Kamera:
Annette Frier («Danni Lowinski») als Angie, Katharina Thalbach («Der Minister») als Greta, Shadi Hedayati («Zu schön um wahr zu sein») als Zari, Sonja Gerhardt («Auf Herz und Nieren») als Chris, Oliver Korittke («Wilsberg») als Malte, Sky du Mont («Der Schuh des Manitu») als Theo Schlikker, Sheri Hagen («On the Inside») als Tandy


Hinter der Kamera:
Regie: Uwe Janson, Drehbuch: Uwe Janson und David Ungureit, Schnitt: Melanie Singer, Kamera: Marcus Stotz, Musik: Michael Klaukien und Andreas Lonardoni, Szenenbild: Olaf Rehahn, Produktion: Joachim Kosack
Das Unternehmen mit altbekanntem Namen Insolvenz anmelden, gehört mittlerweile zum Alltag unserer Wirtschaftswelt. Aber kaum eine Firmenpleite beherrschte derart die deutschen Schlagzeilen wie die Insolvenzanmeldung des Einzelunternehmens Schlecker. Von besonderem Interesse waren für die hiesigen Medien die „Schleckerfrauen“, jene Arbeiterinnen, die 2012 urplötzlich ihren zumeist schlecht bezahlten Job verloren und daraufhin eine neue berufliche Existenz aufbauen mussten. Als Sat.1 ankündigte, deren Schicksal von «Der Minister»-Macher Uwe Janson durch den Satirewolf drehen zu wollen, wurden mitunter ungehaltene Stimmen laut: Der Aufstieg und Fall Karl-Theodor zu Guttenberg mag ja ein ideales Fressen für eine Fernsehkomödie sein, aber darf auch das Leid mehrerer Tausend finanziell schwach gestellter Frauen so behandelt werden?

Die Antwort lautet: Ja. Denn Janson und sein Co-Autor David Ungureit haben einen Ansatz gewählt, der zu keinem Zeitpunkt auf die Niedriglohnangestellten des deutschen Einzelhandels herabblickt. Stattdessen erinnert «Die Schlikkerfrauen» pointiert daran, weswegen das Thema Schlecker-Insolvenz seinen Platz in den Nachrichten hatte und auch knapp zwei Jahre später weiterhin so sehr von Interesse ist., das diesen Herbst gleich zwei Filme zu diesem Thema ins TV kommen

Genau wie die Politsatire «Der Minister» nähert sich auch diese mit dramatischen Elementen angereicherte Sozialkomödie ihrer Inspiration über den Weg der Verfremdung. Regierte in der Guttenberg-Persiflage eine Angela Murkel das Land, geht in diesem Neunzigminüter eine Drogeriekette namens „Schlikker“ den Bach runter. Weitere leicht veränderte Namen und überspitzte Einzelheiten entrücken Uwe Jansons launigen Film weiter von der Realität, doch all dies nur zu dem Zweck, exemplarische Anspielungen auf wahre Begebenheiten leichter (sowie vergnüglicher) zugänglich zu machen. Und so steht im Mittelpunkt der Handlung eine kleine Berliner Schlikker-Filiale, die von der Endfünfzigerin Greta (Katharina Thalbach) geleitet wird. Nach einer ersten Schließungswelle gehört dieser Laden zum letzten Rest des einstigen Drogerie-Imperiums. Und die resolute Filialleiterin kämpft mit allen Mitteln für das Überleben ihres Geschäfts: Freiwillige Überstunden, Lohnverzicht und knallige Werbeaktionen wie etwa streng einstudierte Flashmob-Tänze vor der Eingangstür sollen dafür sorgen, dass das lädierte Schiff noch einige Seemeilen hinlegt.

Greta hat für ihren Eifer diverse Beweggründe. Da wären ihr Stolz sowie ihr Berg an Schulden – und da sie in ihrem Alter eh keinen neuen Beruf mehr finden wird, muss sie ihren Arbeitsplatz nun einmal so lange wie möglich verteidigen. Mindestens genauso wichtig sind Greta aber ihre Mitarbeiterinnen, für die sie sich fast schon mütterlich verpflichtet fühlt. Die mürrische, knallhart austeilende Angie (Annette Frier), die deutsch-iranische Zari (Shadi Hedayati), die allein durch ihren Job bei Schlikker wenigstens einen Hauch Unabhängigkeit von ihrer in festgefahrenen Mustern denkenden Familie erhält, sowie Chris (Sonja Gerhardt), die von einer Karriere auf der großen Bühne träumt, der es aber am dazu nötigen Mumm mangelt.

Allen Bemühungen des Quartetts zum Trotz soll ihre Filiale letztlich dennoch geschlossen werden. Firmenboss Theo Schlikker (Sky du Mont) hat das lädierte Unternehmen endgültig gegen die Wand gefahren, und nun versucht er mit Hilfe seiner Familie und seines Insolvenzberaters, zumindest einen Teil seines Vermögens zu retten. An Abfindung für die treuen Angestellten ist daher nicht zu denken. So kapitalistisch Theos Denken sein mag, einen letzten Funken Nostalgie für die Anfangstage seiner Karriere hat er sich bewahrt. Also flaniert er zu seiner ersten und liebsten Filiale – bei der es sich ausgerechnet um den nunmehr von Greta geführten Laden handelt. Kein Wunder, dass das Aufeinandertreffen der wütenden Schlikkerfrauen und des verblendeten Geschäftsmanns alles andere als reibungslos verläuft …

Tonal versucht sich «Die Schlikkerfrauen» an einem kniffligen Balanceakt: Janson und Ungureit versuchen sich zwar an einer unterm Strich optimistischen Komödie, die nach dem amüsanten Kern in den negativen Schlecker-Schlagzeilen sucht, dennoch gehen sie mit einem leichten „Die Weisheit des Angestelltentums“-Pathos an die Sache heran. Das Drehbuch singt ein Loblied auf hart arbeitende Einzelhandelsangestellte und weist daraufhin, wie volksnah sie sind und somit in mancherlei Dingen über Knowhow verfügen, bei denen die Großunternehmer Nachhilfe benötigen. Daher läuft «Die Schlikkerfrauen» Gefahr, zu sehr den moralischen Zeigefinger zu erheben. Doch die überspitzte Darstellung der Drogerie-Insolvenz und die pointiert-archetypischen Charaktere sorgen dafür, dass diese Komödie nahezu durchgehend den richtigen Tonfall trifft: So kurzweilig und leichtfüßig, dass sich der Film nicht als einsichtiger verkauft als er ist, gleichzeitig mit ausreichend treffenden Beobachtungen bereichert, um seinen Figuren Leben einzuhauchen und seine Aussagen zu unterstreichen.

Zwar verliert «Die Schlikkerfrauen» gen Ende an Schwung und lässt im Finale lieber hoch trabende Worte statt Taten und Bilder sprechen, ansonsten ist der Spagat zwischen Spaß und Sozialkommentar ansprechend. Die Filmemacher zeichnen Discounter als Auffangbecken für Immigrantentöchter, deren Eltern keine größeren Tätigkeiten dulden, Menschen mit Lernschwäche, Leute ohne berufliche Orientierung und Ältere, die sonst kein Arbeitnehmer haben will. Dass es im Einzelhandel wie in jedem Job auch unangenehme Angestellte gibt, reißt das Skript aus Sympathie mit seinen Protagonisten zwar nur an, trotzdem steckt genug Wahrheit in solchen Zwischentönen. Darüber hinaus macht das Ensemble aus dem konventionellen, bunt zusammengewürfelten Haufen eine sympathische Truppe, die nicht nur mit Wortwitz besticht. Auch die dramatische Komponente wird dank der Darsteller deutlich. Besonders stechen dahingehend Annette Frier und Katharina Thalbach hervor, wenngleich selbst ihr Widersacher Sky du Mont im Laufe des Films mehrere Facetten aufzeigen darf. Eingangs noch in genussvollem Dekadenzmodus spielend, verwandelt er seine Kapitalistenkarikatur nach und nach zu einem charmanten Mann mit großem Tatendrang, der schlicht die Bodenhaftung verlor.

Obwohl einige kleinere Elemente von «Die Schlikkerfrauen» den Gesamteindruck etwas trüben (darunter die klischeehafte Songauswahl oder die inhaltlich unmotivierte Gastrolle von Sheri Hagen als weise Tagediebin), wissen andere Details umso mehr zu überzeugen: Von einer genialen Ursula-von-der-Leyen-Karikatur bis hin zu den gezielten Seitenhieben auf allerhand andere den Schlagzeilen entnommenen Vorfällen aus der Discount-Handelswelt. Und so schafft es «Die Schlikkerfrauen», sein Thema schlussendlich genauso lustig wie aussagekräftig zu behandeln. Denn neben allerhand komödiantisch übertriebenen Entwicklungen gibt es in diesem Sat.1-Event auch Anekdoten zu begutachten, die sich so ähnlich auch im wahren Leben abgespielt haben. Sei es, dass engagierte Frauen „ihre“ Filiale nach der Schlecker-Pleite übernommen haben oder vereinzelte Discounter-Filialen ohne Telefonanschluss auskommen mussten.

Fazit: Gut aufgelegte Darsteller und ein spritziges Skript, das seine Klischees durch einen augenzwinkernden Umgang mit wahren Ereignissen und einem gesunden Schuss kreativer Freiheit wiedergutmacht.

«Die Schlikkerfrauen» ist am 30. September 2014 ab 20.15 Uhr in Sat.1 zu sehen.

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